Rente im Ausland
„Von einem Trend zur Auswanderung kann nicht die Rede sein“
Von Miriam Buchmann-Alisch
Über 23 Millionen Renten zahlt die Deutsche Rentenversicherung derzeit in Deutschland aus. Hinzu kommen Renten, die sie ins Ausland überweist. Deren Zahl stieg seit 1992 von rund 855.000 auf mehr als 1,4 Millionen im Jahr 2005. Und dennoch: In wissenschaftlichen Studien lässt sich bei Alt und Jung insgesamt kein Trend zur Auswanderung erkennen.
Von den Renten, die aus Deutschland auf Konten im Ausland fließen, geht der überwiegende Teil an Arbeitnehmer, die nach Jahren der Erwerbstätigkeit in Deutschland in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Mit über 368.000 Renten haben Italiener daran den größten Anteil – gefolgt von über 257.000 Rentenempfängern aus der Türkei. Auch bei den Iberern war und ist eine Beschäftigung in Deutschland attraktiv: Über 182.000 Renten gehen an Spanier. Jeweils rund 66.000 Renten erhalten Niederländer und Kanadier.
Auch die Anzahl der Bundesbürger, die im Ausland eine Rente aus Deutschland beziehen, steigt kontinuierlich. Waren es 1992 noch rund 115.000, verzeichnet die Deutsche Rentenversicherung mittlerweile rund 170.000 monatliche Überweisungen – mit steigender Tendenz. Interessant daran: Die Auswanderer scheinen ihren Lebensabend nicht überwiegend, wie vielfach angenommen, in der Sonne zu verbringen.
Von den mehr als 150 Ländern, in denen Bundesbürger monatlich ihre Rente aus Deutschland empfangen, gehen die meisten Überweisungen in die USA (knapp 9.000). Darauf folgen die Schweiz, das Auswanderungsland Nummer Eins aller Deutschen, Österreich und Frankreich. Dann erst kommen Spanien, Frankreich, die Niederlande, Belgien, gefolgt von Italien, Griechenland, Portugal und der Türkei.
Unzufriedenheit spielt keine Rolle
Aber lässt sich allein aus diesen Zahlen eine Tendenz zur Entvölkerung ableiten? Pro Jahr wandern insgesamt rund 650.000 Menschen aus Deutschland aus – das sind weniger als ein Prozent der Bevölkerung. „Von einem Trend zur Auswanderung kann nicht die Rede sein“, betont denn auch Marcel Erlinghagen, einer der Autoren einer aktuellen Studie zum Thema Auswanderung in Deutschland. Der Sozialwissenschaftler untersuchte mit seinem Team anhand von Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 1984 bis 2005, wie sich die Gruppe der Auswanderer zusammensetzt und was ihre Beweggründe sind.
„Unsere ersten Ergebnisse zeigen, dass Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen in Deutschland für die Auswanderung kaum eine Rolle spielt“, berichtet Erlinghagen. Vielmehr zeichne sich ab, dass für Jung und Alt vor allem spezifische Phasen im individuellen Lebensverlauf zur Entscheidung führen, Deutschland für eine Zeitlang oder für immer zu verlassen. Wer seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt, hat dafür oft familiäre oder berufliche Gründe, beispielsweise die Karriereplanung oder den Eintritt in den Ruhestand. Darunter gibt es viele junge Deutsche, die nur für ein paar Monate oder Jahre Erfahrungen im Ausland sammeln und dann zurückkehren, aber auch ältere Migranten, die es im Ruhestand wieder in ihr Geburtsland zieht.
Viele Migranten kehren am Lebensabend in ihre Heimat zurück
Bei den Ergebnissen der Langzeitstudie fallen insbesondere die großen Unterschiede zwischen deutschen Auswanderern und solchen mit Migrationshintergrund ins Auge. „Deutsche Auswanderer sind eher jünger, leben allein und haben einen akademischen Abschluss“, erläutert Erlinghagen. „Migranten dagegen kehren häufig mit dem Übergang in den Ruhestand in ihre Heimatländer zurück. Die Wahrscheinlichkeit, Deutschland wieder zu verlassen, sinkt jedoch, je länger sie bereits im Land leben.“ Wenn die Zuwanderung mehr als 20 Jahre zurückliegt, lässt sich meist kein Unterscheid mehr zu Menschen feststellen, die in Deutschland geboren wurden.
Den SOEP-Daten zufolge verbringen insbesondere sehr viele Türken ihren Lebensabend in Deutschland und bilden damit unter allen Migranten eine deutliche Ausnahme. Mehrheitlich sehen sie die Bundesrepublik als den besseren Alterswohnsitz an. Dies kann laut Erlinghagen zudem damit zusammenhängen, dass die Türkei nicht Mitglied der Europäischen Union ist. „Teilweise kann nach einer Rückkehr in das Heimatland eine Wiedereinreise problematisch sein. Zudem sind viele Migranten aus der Türkei in Deutschland heimisch geworden, haben ihre Familien hier.“
Unterschiedliche soziale Sicherungssysteme
So unterschiedlich wie die Gründe, dass Deutsche im Ausland oder Ausländer in Deutschland arbeiten, so unterschiedlich sind auch die Rechtsvorschriften für eine Rentenberechnung. Grundsätzlich gilt: Wem in Deutschland eine Rente zusteht, der bekommt sie auch gezahlt, egal wo er sich aufhält – ob nun in Spanien, Neuseeland oder Kalifornien.
Allerdings gibt es aufgrund der europa- und weltweit zum Teil völlig unterschiedlichen sozialen Sicherungssysteme so große Gegensätze, dass sich die Berechnung oder die Auszahlung von Rente inzwischen zum Fachgebiet für Spezialisten entwickelt hat. Beispielsweise erlischt bei einer dauerhaften Auswanderung der Anspruch auf Krankenversicherung in einer gesetzlichen, deutschen Krankenkasse. Da für ältere Menschen die Gesundheitsversorgung aber besonders wichtig ist, sollten sie sich laut Erlinghagen gut überlegen, ob sie nur teilweise ihren Wohnsitz verlegen. „Zudem zahlen Krankenkassen meist nur den Standard, der vor Ort üblich ist“, sagt er. Problematisch kann es werden, wenn chronische Krankheiten auftreten. „Zudem werden im Alter oder bei Krankheiten soziale Netzwerke bedeutsamer.“
Auswanderung bedeutet nur für einen Teil der Menschen eine lebenslange Entscheidung, das Land zu verlassen. Die SOEP-Langzeitstudie dagegen erfasst die realen, manchmal temporären Stationen und nimmt damit den Prozesscharakter von Einwanderungs- und Auswanderungsbewegungen in den Blick. „Auswanderung ist nicht per se schlecht“, unterstreicht Erlinghagen. „Wenn Leistungsträger temporär Erfahrungen im Ausland sammeln, kann dies im Gegenteil sehr positive Effekte haben. Wenn sie nach zwei, drei Jahren wiederkehren, kommen sie besser qualifiziert zurück. Ihre Kinder gehen in einem anderen Land zur Schule, lernen die Sprache, lernen andere Menschen kennen, sammeln interkulturelle Erfahrungen. All das bringen sie später nach Deutschland mit.“
Quellen
Deutschland ein Auswanderungsland? DIW-Wochenbericht Nr. 39/2009
Pressetexte der DRV:
Deutsche Rente gibt es auch auf die Fidschi-Inseln oder nach Grönland
Leben und arbeiten im Ausland – keine Nachteile für die Rente
