More years – more life:
Potential des Alterns Topthema beim Euroscience Open Forum

Geistig leistungsfähig bis ins hohe Alter – wie können wir die Veränderungen erklären und was bedeuten sie für die Produktivität der alternden Gesellschaften Europas? Das Potential des Alterns war eines der Topthemen bei dem zweijährlich stattfindenden Euroscience Open Forum, dem größten europäischen Wissenschaftsfestival, das vom 2.-7. Juli in Turin, Italien, zelebriert wurde.

Logo Eurosience Open forum 2010Dr. Claudia Voelcker-Rehage, ehemaliges Juniormitglied der Akademiengruppe Altern, und Dr. Vegard Skirbekk, Leiter des Age and Cohort Change Projekts im World Population Program, International Institute for Systems Analysis Wien, stellten neueste Studien vor, die die Rolle der kognitiven Leistung für den alternden Menschen und für die Volkswirtschaften beleuchteten. Dr. Katja Patzwaldt, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademiengruppe, führte durch das Programm und erläuterte den besonderen, interdisziplinären und öffentlichkeitsorientierten Ansatz der Akademiengruppe.

Die Alternsforschung hat schon seit geraumer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass unsere überkommenen Vorstellungen von den Fähigkeiten und Lebenswelten älterer Menschen aus mehreren Gründen nicht mehr passend sind. Weder gibt es "den" alten Menschen noch lassen sich aus Altersangaben wie 60, 80 oder 100 Jahre konkrete Aussagen über Lern- und Leistungsfähigkeit ableiten. Das liegt daran, dass der Lebensstil einschließlich der zivilisatorisch-kulturellen Möglichkeiten, die einem Menschen in seiner jeweiligen Gesellschaft eröffnet werden, sich so viel stärker als die Biologie auf die Verfassung des Individuums auswirkt. Die Unterschiede zwischen zwei Generationen, zwischen zwei Ländern und zwischen zwei Lebenswegen genügen schon, um völlig andere ‚Altersergebnisse' vorzufinden. Vegard Skirbekk hat es daher in einem laufenden Forschungsprojekt unternommen und davon in Turin berichtet, einen realitätsnahen Indikator für Altern und Produktivität – die ja wesentlich von der kognitiven Leistung abhängt – zu finden. In einem internationalen Vergleich konnte er feststellen, dass das "geistige Alter" der Bevölkerungen nicht mit dem numerischen identisch ist. So hat etwa Chinas relativ jüngere Bevölkerung im Schnitt bei 55-Jährigen eine geistige Leistungskraft, die derjenigen der 80-Jährigen Schwedens entspricht. Rechnet man hinzu, dass auch die Chinesen mit etwas Verspätung gegenüber Europa stark altern, scheint es mehr als oberflächlich und irreführend für europäische Unternehmen, eine vermeintlich jüngere Altersstruktur rein numerisch in ihre Standortentscheidungen einfließen zu lassen.

Wie sich der Lebensstil nun genau auf den Einzelnen auswirkt, hat Claudia Voelcker-Rehage in einer Langzeitstudie gemeinsam mit Ben Godde und Ursula M. Staudinger an der Jacobs University Bremen untersucht. Dank moderatem Ausdauertraining haben sich die Gehirne der untersuchten älteren Personen quasi verjüngt – sie nahmen in ihrer Funktion wieder Eigenschaften jüngerer Menschen an. So ist bekannt, dass mit dem Alter in der Regel mehr Ressourcen gebraucht werden, um die gleichen kognitiven Aufgaben auf hohem Niveau zu erfüllen, als in jüngeren Jahren. Das Gehirn muss sich also mehr anstrengen und aktiver werden, um das Gleiche zu leisten. Durch das körperliche Training jedoch war es auch den Älteren möglich, die gestellten Aufgaben mit geringerem Aufwand zu lösen. Es zeigte sich zudem, dass sich innerhalb des Trainingsjahres – eine ungewöhnlich lange Zeitspanne für derartige wissenschaftliche Studien –keine Gewöhnung einstellte oder ein Maximum erreicht wurde. Im Gegenteil, je länger das Training andauerte, desto besser wurden die Teilnehmer.

Vor den rund 80 Zuhörern und Diskutanten stellte die Gruppe zudem eine Reihe von geläufigen Mythen über das Alter infrage, etwa dass mit dem zunehmenden Anteil Älterer unweigerlich die Gesundheitskosten in die Höhe schnellen müssten. Dagegen führten die Vertreter des Potentials des Alterns aus, dass wir bei der Zahl an gewonnenen Jahren relativ gesehen mehr gesunde Jahre zu unserem Leben hinzufügen. Auch verstärkte Investition in Prävention zahle sich (auch finanziell) in einem Maße aus, das heute stark unterschätzt werde.

Das Euroscience Open Forum präsentiert neue wissenschaftliche Erkenntnisse in allgemeinverständlicher Form und bietet auch Raum, um die gesellschaftliche Verantwortung von Forschung zu diskutieren und die Verbindung zwischen Nicht-Wissenschaftlern und Wissenschaftlern zu stärken. Zu den Top-Forschern und Wissenschaftsmanagern aus rund 35 Ländern, die in der Fiat-Stadt präsent waren, gehören beispielsweise Martin Andler, Sam Auinger, Angelika Brandt, Massimiano Bucchi, Philip Campbell, Elena Cattaneo, Giovanni De Santi, Carlos Duarte, Aldo Fasolo, Ernst Fehr, Julia Fischer, Tecumseh Fitch, Mohammed Hassan, Sheila Jasanoff, Tom Kirkwood, Harold Kroto, Wilhelm Krull, Marja Makarow, Helga Nowotny, Felicitas Pauss, Enrico Predazzi, Carl Sundberg, Nancy Van Osselaer, Ingrid Wünning, Kurt Wüthrich, Anton Zeilinger.

Die kommende ESOF-Konferenz wird in 2012 (12.-16. Juli) in Dublin stattfinden.
www.esof2010.org

Zu den Webseiten von Claudia Voelcker-Rehage und Vegard Skirbekk