Lebenslanges Lernen
Grundtvig macht ältere Menschen in Europa mobil
Von Miriam Buchmann-Alisch
Immer mehr Menschen bilden sich im Ruhestand weiter. Manche sind dabei europaweit mobil. Hanns Hanagarth ist einer von ihnen. „Besonders interessant ist die Begegnung mit anderen Menschen meines Alters aus verschiedenen Ländern“, sagt der 66-Jährige aus Ulm. Der ehemalige Bankkaufmann nahm vor sieben Jahren zum ersten Mal an einer europäischen Grundtvig-Lernpartnerschaft teil. Momentan ist er im Projekt „Danube Networkers“ aktiv, in dem er seit zwei Jahren gemeinsam mit Senioren anderer Donauländer zu Themen rund um den Fluss forscht, an dessen Ufer sie alle leben.
Das Grundtvig-Programm für allgemeine Erwachsenenbildung feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Benannt wurde es nach dem dänischen Pädagogen N. F. S Grundtvig, der als Begründer der Volkshochschulen gilt. Es ist Teil des europäischen Programms für lebenslanges Lernen und hat zum Ziel, Erwachsene aller Altersgruppen dabei zu unterstützen, ihr Wissen, ihre Kompetenzen und ihre Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Eine besondere Zielgruppe sind neben älteren Menschen auch Erwachsene, die ihren Bildungsweg ohne Grundqualifikationen abgebrochen haben.
„Neu im Programm sind seit einem Jahr auch Besuche, Austausche und längere Assistenzen für angehende oder aktive Lehrende in der Erwachsenenbildung sowie Workshops für Lernende und Freiwilligenprojekte älterer Menschen“, sagt Anke Dreesbach, stellvertretende Teamleiterin des Grundtvig-Programms in Deutschland. Zudem gibt es Lernpartnerschaften, multilaterale Projekte und Netzwerke für alle, die sich an europäischen Projekten beteiligen möchten.
Aufbau eines interkulturellen Netzwerks
Im Projekt „Danube Networkers“ steht die bürgerschaftliche Partizipation im Vordergrund. Sieben Seniorengruppen aus den Donaustaaten Deutschland, Österreich, Slowakei, Bulgarien, Ungarn und Rumänien bauen ein interkulturelles Netzwerk auf. Gemeinsam erforschen sie historische, geographische und wirtschaftliche Aspekte der Donau und dokumentieren auf der projekteigenen Website mit Texten und Bildern die Bedeutung des Flusses für sie selbst und ihr jeweiliges Land. Koordiniert wird diese Grundtvig-Lernpartnerschaft vom Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm.
„Der Mensch lernt, solange er lebt. Erwachsene und ältere Menschen sind besonders motiviert, wenn sie den Nutzen einer Weiterbildung erkennen“, erläutert Ursula Staudinger, Vizepräsidentin der Leopoldina, die sich in der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ mit dem Schwerpunkt Lernen befasst hat. „Daher ist es umso wichtiger, dass Älteren verstärkt Aufgaben angeboten werden und das Potenzial ihrer gewonnenen Jahre nicht verschenkt wird.“
Unterschiedliche Herangehensweisen in den einzelnen Ländern
Auch für Hanagarth ist der Nutzen seines Engagements entscheidend: „Für mich ist es wichtig, dass es nicht nur Spaß macht, sondern auch darüber hinaus etwas bringt.“ Für ihn bedeutet das zum einen, seine Sprachkompetenzen durch die europaweiten Kontakte aufzufrischen. Durch berufsbedingte Auslandsaufenthalte spricht er Englisch, Französisch, Niederländisch und Italienisch. Auch im Umgang mit seinen südosteuropäischen Mitstreitern, deren Sprachen er nicht beherrscht, nützen ihm seine Kenntnisse, um sich über Umwege zu verständigen.
Zum anderen schätzt er die internationalen Kontakte, die sich über die gemeinsame Projektarbeit ergeben, und die Möglichkeit, die Projekte gemeinsam mit ihnen zu planen und zu gestalten. „Interessant ist auch, wie unterschiedlich die Herangehensweise in den einzelnen Ländern ist“, sagt er. „Wir koordinieren und einigen uns von Projekttreffen zu Projekttreffen. Ich bin immer neugierig auf den Projektverlauf und auf andere Sitten und Gebräuche.“
Bildungsferne Schichten erreichen
Wie viele andere Teilnehmer ist Hanagarth über eine andere Veranstaltung auf das Projekt aufmerksam geworden. Die Hürde, sich selbst zu bewerben, ist für den Einzelnen oft groß. Daher bewerben sich bislang eher Menschen, die bereits in der Vergangenheit an Weiterbildungen, zum Beispiel an Kursen der Volkshochschule, teilgenommen haben. „Wer allerdings die ersten Schritte gewagt hat, ist meist sehr daran interessiert, zukünftig wieder an einem Projekt teilzunehmen“, sagt Dreesbach.
Grundsätzlich spielt die Vorbildung der Teilnehmer für eine Weiterbildungen im Grundtvig-Programm keine Rolle. Ein besonderes Ziel ist es, zukünftig bildungsferne Schichten noch besser zu erreichen. „Es ist schwieriger, an diese Zielgruppe heranzukommen“, erläutert Dreesbach. „Viel läuft über Mundpropaganda und über Multiplikatoren vor Ort an bestimmten Einrichtungen. Wir arbeiten gezielt daran, das Programm für diese Zielgruppe noch besser zugänglich zu machen.“
Europa erst in die Beine, dann in die Köpfe bringen
Ein vorrangiges Ziel des Grundtvig-Programms ist, den persönlichen Horizont zu erweitern. „Der Prozess des Lernens im Ausland schafft eine andere Basis der Verständigung und der Offenheit. Solche Aufenthalte in Nachbarländern lassen die Teilnehmer erkennen, dass die Grenzen im Kopf oft viel größer sind als die tatsächlichen“, berichtet Dreesbach und zitiert ein Feedback aus den Lernpartnerschaften, das den Weg zu solcher Offenheit auf eine einfache Formel bringt: „Wir müssen Europa erst in die Beine, dann in die Köpfe bringen.“
Dabei arbeiten deutsche Einrichtungen in einem Projekt oft mit mehreren europäischen Partnerländern zusammen. Sprachlich ist das meist kein Problem, denn die übergreifende Kommunikation findet stets auf Englisch oder mehrsprachig statt. Meist geht die Zusammenarbeit nach einem Projekt weiter. „So ergibt sich eine Art Nachhaltigkeit, indem Kontakte in der Zukunft weiter genutzt werden“, resümiert Dreesbach.
Schon jetzt steht fest, dass auch das Donau-Projekt ein nachhaltiges Netzwerk geschaffen hat. Eine Gruppe von Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und der Slowakei wird sich auch nach Projektabschluss im Juli weiterhin gemeinsam ökologischen Themen entlang der Donau widmen.
Links:
Zur Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Mehr zum Thema lebenslanges Lernen und berufliche Bildung:
Altern, Bildung und lebenslanges Lernen,
Band 2 der Reihe „Altern in Deutschland“
Hg. von Ursula M. Staudinger und Heike Heidemeier
Gewonnene Jahre,
Empfehlungen der Akademiengruppe Altern in Deutschland
Zum Jacobs Center for Lifelong Learning and Institutional Development an der Jacobs University
