Gesicht statt Genetik: Was das Alter(n) wirklich beeinflusst
Mediziner und Altersforscher Kaare Christensen sprach in Bremen

Maria Weiße und Carola Kleinschmidt

Mediziner und Altersforscher Kaare ChristensenDie Hälfte der heutigen Grundschulkinder wird vermutlich älter als 100 Jahre alt werden. Die nächste Generation wird vielleicht noch älter. Seit Jahren erforschen Wissenschaftler die Ursachen für diesen Trend zur Langlebigkeit. Sind die Gene verantwortlich? Oder bessere Lebensbedingungen und eine bessere Gesundheit? Liegt es an soziologischen Faktoren? Und macht diese Entwicklung die Menschen glücklich? Am 21. September 2011 nahm der dänische Arzt und Altersforscher Prof. Kaare Christensen bei seinem Vortrag „The Remarkable Plasticity of Aging“ (Deutsch: „Die außerordentliche Plastizität des Alterns“) zu diesen Fragen Stellung. An der Bremer Jacobs University sprach er vor hauptsächlich jungen Leuten über Hintergründe, Auswirkungen und Zukunft des Alterns der Individuen in der westlichen Gesellschaft.

Studien zeigen, dass Frauen ab 70 Jahre fünf- bis sechsmal häufiger fit genug sind, um alleine zu leben als gleichaltrige Männer. Wissenschaftler fragen sich schon lange, ob die Ursachen für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Genen zu suchen sind. Oder ob vor allem die Lebensgeschichte darüber entscheidet, wie wir alt werden.

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, legten der dänische Altersforscher Kaare Christensen und sein Team einer Gruppe von Krankenschwestern, Frauen ab 60 sowie jungen Männern Fotos von Zwillingen vor, die unterschiedlich stark gealtert waren. Die Wissenschaftler baten die Studienteilnehmer um die Schätzung des Alters der Menschen auf den Fotos.

Gesichter sagen mehr als Gene

Allein anhand der Fotos kamen alle Betrachter bei ihrer Einschätzung zu ähnlichen Ergebnissen. Im Laufe der Zeit bestätigte sich außerdem, dass der als älter geschätzte Zwilling auch früher verstarb. Für den Mediziner Christensen ist deshalb klar: Zur Bestimmung des Alters lohnt der Blick in das Gesicht der Menschen mehr als ein Blick auf die DNA. Schließlich tragen Zwillinge die gleiche Erbinformation in der DNA ihrer Zellen – und können dennoch, in Abhängigkeit von ihrem Lebensstil, sehr unterschiedlich altern.

Senior mit Tafel 60+In seinem Vortrag betonte Kaare Christensen, dass seine Studien belegen, wie groß der Einfluss der Lebensbedingungen auf das Älterwerden ist. Seit circa 150 Jahren werden die Menschen in den Industrieländern kontinuierlich älter und auch körperlich fitter alt als die Generationen vor ihnen. Feststellen lässt sich diese Entwicklung unter anderem an der generellen körperlichen Funktionsfähigkeit und der Greiffähigkeit alter Menschen. In untersuchten Alterskohorten von 1905 und 1915 waren diese bei den später Geborenen besser ausgeprägt. Aus der späteren Gruppe feierten außerdem 30 Prozent mehr Menschen ihren 100. Geburtstag.

Mit 65 unzufrieden, mit 75 wieder zufrieden

Doch welche Auswirkungen hat die Entwicklung zur Langlebigkeit auf die Lebensfreude? Christensen sprach Aspekte an, die auf den ersten Blick ein eher negatives Licht auf das lange Leben werfen: Die Gefahr der Vereinsamung steigt mit dem Alter. Auch leiden viele ältere Menschen über viele Jahre hinweg an Erkrankungen, die durch den heutigen Stand der Medizin nicht mehr zu einem sofortigen Tod führen, sondern lebenserhaltend behandelt werden können. Für die Mehrzahl der Menschen sinkt zwischen 60 und 69 die Zufriedenheit mit Alltag und Gesundheit im Vergleich zum Leben als jüngerer Mensch.

Lohnt es sich dann überhaupt, alt zu werden? Christensen meint, es lohne sich auf jeden Fall, denn wer die 70 erreicht, blickt fortan wieder glücklicher auf sein Leben. Und die meisten Menschen, die die hundert-Jahre-Marke überschritten haben, würden sich über einen Geburtstagsbesuch im nächsten Jahr sehr freuen, ergaben die Studien des Mediziners und Altersforschers.