Filmreif: Generationen-Thema im Fokus der Berlinale

Vom 10. bis 20. Februar 2011 zeigt das internationale Filmfest Berlinale wieder jede Menge spannende und innovative Filme. In diesem Jahr widmet sich das Programm des Forums dem Zusammenleben der Generationen unter dem Titel: „Kämpfe auf vertrautem Boden“. Familienkonstellationen und –konflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch das Forums-Programm.
Im Gespräch: Forum-Kurator Christoph Terhechte. Das gesamte Interview können Sie hier nachlesen
Inhaltlich wird das Publikum in diesem Jahr mit den unterschiedlichsten Familiensituationen und -problematiken konfrontiert. Geht es dabei dominant um die Darstellung des Zerfalls von tradierten Werten oder um eine Rückbesinnung auf die Bedeutsamkeit familiärer Verpflichtungen für das Individuum?
‚Rückbesinnung‘ hat für mich einen reaktionären Klang, solange sie nicht auch neue Aspekte beinhaltet, also eine Neudefinition von dem, was Familie eigentlich ist. In dem amerikanischen Film Utopians ist dies der Fall. Der Regisseur Zbigniew Bzymek zeigt, wie sich ein Mann mit seiner lesbischen Tochter und deren schizophrener Freundin zu einer Wahlfamilie zusammenfindet.
Mit Blick auf das Programm muss man sagen, dass viele Filme solche desolaten Situationen beschreiben. Sie realisieren dies in mannigfachen Formen und bringen das Familiäre mit politisch-sozialen Entwicklungen in Zusammenhang. Os residentes (The Residents) von Tiago Mata Machado bemüht sich ebenfalls um eine Neufassung der Idee der Familie, indem er eine familienähnliche Situation zeigt. Der Film erzählt von den Bewohnern eines Hauses, die gemeinsam eine Art aktionistisches Happening-Programm leben: vor dem Abbruch des Hauses besetzen sie den Ort, um ihn mit Geist und Kultur zu füllen.
Lassen sich diese familiären Situationen auch als Generationskonflikte beschreiben?
Auch das ist ein Aspekt. Neben Utopians gibt es drei weitere Filme, die die Generationenthematik verhandeln. In Dom (The House) von Zuzana Liová will ein Vater seiner Tochter ein Haus bauen, ohne zu verstehen, dass diese ganz andere Vorstellungen von der Zukunft hat, als in ihrem Heimatdorf zu leben. Der Film betrachtet die Konflikte in den Lebensvorstellungen verschiedener Generationen.
In Auf der Suche von Jan Krüger fährt Corinna Harfouch nach Marseille, um ihren Sohn zu suchen, der plötzlich verschwunden ist. Dabei entdeckt sie, dass ihr Sprössling eine ganz andere Person gewesen ist, als sie dachte. Auch Swans von Hugo Vieira da Silva ließe sich im Kontext der Generationenproblematik verorten: Vater und Sohn kehren zur Mutter zurück, die im Koma liegt. Die Familie hat sich lange Zeit nicht mehr gesehen und Vater und Sohn müssen jetzt nicht nur mit dieser Situation klarkommen, sondern überhaupt lernen, miteinander zu kommunizieren. Der Sohn reist in eine für ihn völlig neue Umgebung, denn er hat in Lissabon gelebt und findet sich nun plötzlich in einer anonymen Neubaugegend irgendwo jenseits von Neukölln wieder. Also muss er sich seinen Raum neu schaffen und das gelingt ihm über Fetische. Selbst der komatöse Körper der Mutter wird zu einem Fetisch. Da Silva entwickelt eine ganz spannende filmische Erzählweise, die sich dem Thema Fetisch – über das Sexuelle hinausgehend – als Kommunikationsgegenstand widmet.
Das Thema Familie ist also das zentrale thematische Feld des diesjährigen Forum-Programms?
Ja, denn es gibt noch deutlich mehr Filme, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Selbst der schweizerische Film Day Is Done von Thomas Imbach ist ein Film über Familie. Die Geschichte wird über auf einem Anrufbeantworter hinterlassene Nachrichten vermittelt. Der Zuschauer bemerkt zuerst nur Details: Der Anruf einer Frau, die enttäuscht ist, weil die Hauptfigur nicht zurückruft etc. Mit der Zeit bilden diese Bruchstücke dann einen großen Zusammenhang, es steht wirklich eine Existenz auf dem Spiel, die wir wie im Zeitraffer erleben: Die Frau wird schwanger, das Kind wird geboren und sie wirft dem Mann vor, sich nicht genug zu kümmern. Irgendwann ist das Kind alt genug, um selbst anzurufen und am Ende des Films ist dieses Kind schon fast erwachsen.
Ist dieser rote Faden im Programm ein Ergebnis bewusster Planung?
Man entscheidet eher instinktiv, welcher Film ins Programm passt. Erst später beginnt man zu begreifen, was eigentlich der Grundstock ist, das Fundament, das man da gelegt hat, und auf das man das fertige Programm aufbaut. Der rote Faden ergibt sich jedoch nicht, wenn man die Filme nach dem Zufallsprinzip zusammenstellen würde. Stattdessen arbeitet man von Anfang an intuitiv darauf hin, auch wenn man in einer bestimmten Phase der Konzeption das Gemeinsame der Filme nicht wirklich benennen kann. Ich glaube, dass die kuratorische Arbeit zum Teil unbewusst abläuft und später muss man sich erst bewusst machen, was man da geschaffen hat. Am Ende weiß man das sehr genau und weiß auch, welche Mosaiksteine noch fehlen, damit die Fassade einen kohärenten Eindruck erweckt.
Tod und Vergänglichkeit auf der Berlinale
Auf der diesjährigen Berlinale geht es um das pralle Leben – mit all seinen Facetten. Und da darf auch der Tod nicht fehlen.
„Hier geht es um die schlichte Frage, was bleibt. Genauer: um die deutschen Filme, die sich bei dieser 61. Berlinale auf faszinierende und geradezu obsessive Weise mit Verstorbenen, Sterbenden und mit dem Verschwinden befassen“, schreibt Autorin Katja Nicodmus in ihrem Artikel „Her mit dem Leben“ in „Die Zeit“, in dem sie die interessantesten Filme kurz vorstellt. Darunter Wim Wenders Film über die im letzten Jahr verstorbene Choreografin Pina Bausch Pina, Swans von Hugo Vieira da Silva, in dem eine Sterbende in einem Berliner Krankenhaus im Koma liegt. Der Regisseur zeigt, wie im Lichte der statischen Krankenhaus-Situation Bewegung in die Beziehung der Familienmitglieder kommt. Oder auch das Regiedebüt von Jan Schomburg Über uns das All, in dem eine junge Frau erlebt, dass ihr Mann sich völlig unerwartet auf einem Parkplatz in Marseille umbringt. Schockartig muss sie beim genauen Blick auf das Leben des Toten erfahren, dass das Leben des Menschen, den sie bis ins Innerste zu kennen glaubte, vollgepackt mit Lügen war.
„Vom Regiedebütanten bis zum altgedienten Autorenfilmer begeben sich die Regisseure quer durch die Sektionen des Festivals auf Spurensuche. Sie rekonstruieren Schicksale, tragen Bilder, Zeichen und Erinnerungen zusammen, suchen das Bleibende in der Vergänglichkeit. „Kino heißt, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen“, lautet ein berühmter Satz von Jean Cocteau. Auf der Berlinale wird er fast schon triumphal in sein Gegenteil verkehrt: Kino heißt, Verstorbene lebendig zu machen“, resümiert Zeit-Autorin Nicodemus.
