Generationen im Wandel:
Die Familie ist in Gefahr! Die Familie ist lebendig wie nie!

Darüber, ob Familienbande in der modernen Gesellschaft fester oder lockerer werden, wird viel diskutiert. Feststeht: Junge wie ältere Menschen nennen „Familie“ einen der wichtigsten Eckpunkte in ihrem Leben. Ist dieser Wunsch in der mobilen Gesellschaft noch realistisch?
Ein Gespräch mit Professor Martin Kohli. Der Soziologe am European University Institute in Florenz hat Tausende Familienbeziehungen in ganz Europa untersucht.

von Carola Kleinschmidt

Prof. Martin Kohli

Sehr geehrter Herr Professor Kohli, zur Weihnachtszeit ist das Thema Familie wieder ganz vorne. Wie sieht es heute aus? Trifft man sich in der globalen Gesellschaft wirklich noch zum Fest mit Oma und Opa oder muss heute häufiger die Fest-Email und ein Geschenk-Paket genügen?

Kohli: Weihnachten ist nach wie vor ein Fest der Familie. Häufig ist das Elternhaus für die erwachsenen Kinder eine Art Familientreffpunkt, zum Beispiel zu Weihnachten. Abgesehen davon hat die Hälfte der heutigen Großelterngeneration mindestens ein Kind, das im gleichen Haus oder im Umkreis von einem Kilometer lebt. Das heißt, für die heutige Großelterngeneration sind die Familienbande eigentlich sehr eng – zumindest zu einigen ihrer Kinder.

Kann man das verallgemeinern? Sind die Familienbande heute vielleicht generell enger als man denkt, wenn man an die mobile Gesellschaft denkt?

Kohli:Die Ergebnisse der Erhebungen über die Familienbeziehungen haben uns ehrlich gesagt selbst überrascht. Zum einen, wie nah die Generationen trotz der gestiegenen räumlichen Mobilität doch noch beieinander sind. Zum anderen weil die Unterstützung der Eltern für die längst erwachsenen Kinder und auch Enkelkinder viel stärker ausgeprägt ist als wir annahmen.

Was heißt das konkret?

Kohli: Man kann sagen, dass die Älteren über weite Strecken die Gebenden sind. In finanzieller Hinsicht, aber auch in Form von direkter Hilfe, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung. Wir haben das in unserem europäischen Survey ziemlich genau untersucht. Dabei zeigte sich: Wenn man die direkte finanzielle Hilfe und die Hilfe in Form von persönlicher Unterstützung ausrechnet und vergleicht, welche Geldsummen von den Eltern an die Kinder fließen – und umgekehrt – so bleiben die Eltern gegenüber ihren erwachsenen Kindern bis etwa 80 Jahre die Netto-Geber. Als „Arbeitslohn“ für persönliche Unterstützung hatten wir dabei 7,50 Euro pro Stunde angenommen.

Ihre Zahlen beziehen sich auf die heutige Großelterngeneration, also auf Menschen, die um 1940 geboren sind und eher viele Kinder hatten. Wie werden sich die Familien in den nächsten Generationen verändern, wenn es häufig nur ein oder zwei Kinder pro Haushalt gibt?

Kohli: Diese Veränderung setzt vor allem die Elterngeneration unter Stress – weil sie für den Notfall, beispielsweise für den Fall, dass sie im Alter hilfsbedürftig werden, nur noch auf wenige oder keine Kinder zählen können. Für die Kinder sieht die Situation eigentlich besser aus. Denn wenn es weniger Kinder im Haushalt gibt, ist mehr Geld Zeit für das einzelne Kind da. Nicht nur, wenn das Kind klein ist, sondern auch dann, wenn das Kind selbst in die Phase der Familiengründung kommt. Wir beobachten beispielsweise, dass gerade die Betreuung der Enkelkinder durch die Großeltern ein wichtiger Faktor für junge Familien ist, der es ermöglicht, Ausbildung oder Beruf mit Kindern zu vereinbaren. Die Großeltern sind sowohl mit ihrer Zeit als auch mit ihrer finanziellen Investition ganz entscheidend daran beteiligt, ob junge Familien das schaffen.

hände von generationenSie beobachten, dass die Familienbande heute eigentlich sehr eng sind – aber wieso ist dann in der öffentlichen Diskussion immer wieder vom Zerfall der Familie die Rede?

Kohli: Die Familienbeziehungen haben sich natürlich sehr gewandelt. Es gibt eine größere Individualisierung. Die Großeltern haben nicht mehr die Macht, per Kommando zu bestimmen, dass die Kinder sich um sie kümmern oder sie besuchen. Keiner in der Familie kann mehr selbstverständliche Erwartungen an gegenseitige Leistungen formulieren, sobald die Kinder erwachsen sind. Dabei sind es nicht nur die erwachsenen Kinder, sondern auch die Eltern selbst, die heute immer betonen, dass jeder und jede selbstständig entscheiden müsse, was er oder sie wie tut. Diese Selbstständigkeit ist inzwischen so etwas wie ein allgemein verbindlicher kultureller Code geworden, an dem sich die meisten orientieren.
Familienbeziehungen sind dadurch natürlich potenziell problematischer geworden und nicht mehr so fraglos vorauszusetzen. Und es gibt natürlich auch viele erwachsene Kinder, die wenig oder keinen Kontakt zu den Eltern pflegen. Genauso wie es Eltern gibt, die keine Zeit oder Kraft für die Unterstützung ihrer erwachsenen Kinder und Enkel aufbringen. Aber das ist doch eher die Ausnahme.
In unseren Untersuchungen zeigt sich, dass viele Familienbeziehungen sogar stärker werden, weil sie sich nicht mehr auf normativen Zwang stützen, sondern auf die freiwillige Entscheidung füreinander da zu sein. Das funktioniert vor allem in Familien, in denen beide Seiten, also Eltern wie Kinder, den starken kulturellen Wandel anerkennen und das Bedürfnis nach Autonomie auf beiden Seiten respektieren.

Gibt es Familienthemen, die besonders viel Sprengstoff in sich bergen?

alte Dame mit erwachsener TochterKohli: Gerade die Frage, wie man mit einer eventuellen Pflegebedürftigkeit innerhalb der Familie umgeht, ist eines der Problemthemen. Der größte Teil der Pflege geschieht ja nach wie vor im Rahmen der Familie. Die erste Person, die die Pflege übernimmt, ist dabei der Ehepartner. Meist die Ehefrau, weil der Mann im Schnitt etwas älter ist und Frauen überdies länger leben. Danach springen Töchter und Schwiegertöchter ein, manchmal auch Söhne. Das war schon immer ein schwieriges Feld, aber es wird in Zukunft noch schwieriger: zum einen, weil sich die gesellschaftlichen Erwartungen an die Autonomie wandeln. Immer weniger Menschen möchten über Monate oder Jahre an eine pflegebedürftige Person gebunden sein. Zum anderen sinkt natürlich mit der Zahl der Kinder auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind in räumlicher Nähe wohnt. Dazu kommt, dass die Töchter und Schwiegertöchter selbst mit 50 oder 55 noch mitten im Berufsleben stehen.

Was könnte da helfen?

Kohli: Wir brauchen auf jeden Fall professionelle Dienste, die auch die Pflege in der Familie stärker unterstützen und entlasten. Zum Beispiel Feriendienste etc. Damit der größte Wunsch der Älteren ermöglicht wird: Solange es geht, zu Hause zu bleiben.
Aber man muss auch sagen: Zum Glück ist der größte Teil der Älteren nicht pflegebedürftig! Die meisten leben bis zum Tod oder kurz vorher relativ selbstständig zu Hause.

Häufig ist ja auch davon die Rede, dass die nächste Generation der Älteren, also die Generation der 68er viele neue Lebensmodelle entwickeln wird, die völlig unabhängig von der Familie funktioniert. Wie sehen Sie das?

Kohli: Die Generation der 68er hat natürlich andere Vorstellungen vom Leben und damit auch vom Leben im Alter als die Generation davor. Allerdings wird der Wandel wohl nicht ganz so exotisch ausfallen, wie man das vielleicht manchmal denkt. Wohngemeinschaften und andere alternative Wohnformen beispielsweise werden auch für die älteren 68er überwiegend nicht mehr attraktiv sein. Die Familie wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen.

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