Fachkräftemangel: Längere Berufstätigkeit könnte das Problem halbieren.

Deutschland hat ein Fachkräfte-Problem – und das wird in den nächsten Jahren extrem wachsen. Bisher wird in der öffentlichen Diskussion vor allem darüber debattiert, ob und wie man diesen Mangel durch Fachkräfte aus dem Ausland ausgleichen könnte. Das Potenzial, das im heimischen Arbeitsmarkt steckt – beispielsweise durch längere Beschäftigung und bessere Weiterbildung der Arbeitnehmer ab 45 - wird dabei viel zu wenig beachtet, erklärt Prof. Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheim Research Institute for the Economics of Aging (MEA) und Mitglied der Akademiengruppe "Altern in Deutschland".

Prof. Axel Börsch-Supan © MEA

Herr Prof. Börsch-Supan, der Fachkräftemangel ist Fakt. Aber von welcher Dimension reden wir für die Zukunft?

Börsch-Supan: Wenn sich die Erwerbstätigkeit der Deutschen weiter auf dem heutigen Niveau hält, werden wir bis zum Höhepunkt des demografischen Wandels um das Jahr 2035 herum mehr als zehn Millionen weniger Erwerbstätige haben als heute. Und das bei einer Bevölkerungszahl, die nur etwas drei Millionen Menschen niedriger ist als heute.

Häufig wird die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitnehmern aus dem Ausland als Lösung für das Problem genannt, wie kürzlich beispielsweise von Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW (zum Interview).

Börsch-Supan: Wir sprechen von zehn Millionen Erwerbstätigen. Das ist eine so riesige Zahl, dass man sich nicht vorstellen kann, dass sie durch Arbeitskräfte aus dem Ausland auch nur annährend ausgeglichen werden kann. Das kann man leicht ausrechnen: Bis zum Höhepunkt des demografischen Wandels sind es noch 25 Jahre. Man müsste also 25 Jahre lang jedes Jahr 400 000 Erwerbstätige pro Jahr ins Land holen - das ist völlig ausgeschlossen. Von daher ist eine pure Emigrationsstrategie als Reaktion auf den demografischen Wandel in keiner Weise ausreichend.

Was hilft dann?

Börsch-Supan: Wenn wir die Arbeitsbeteiligung Älterer, also der Menschen, die 45 Jahre und älter sind, auf das Niveau anheben könnte, das Dänemark schon hat, wäre über die Hälfte unserer Arbeitsmarktprobleme schön gelöst.

Was heißt das in konkreten Zahlen?

Börsch-Supan: Wenn die Deutschen im Schnitt zwei Jahre später in Rente gehen würden, also statt mit 62 mit 64 Jahren, die Frauenerwerbsquote so hoch wäre wie in Dänemark, und die Gymnasial- und Hochschulreform abgeschlossen wäre, so dass junge Menschen zwei Jahre früher mit ihrem Beruf beginnen, dann würden wir im Jahr 2030 etwas mehr als fünf Millionen zusätzliche Arbeitnehmer haben.

Aber es geht ja nicht nur um irgendwelche Arbeitnehmer. Es ist doch immer die Rede vom Mangel an Fachkräften.

Börsch-Supan: Im Moment wird häufig von bestimmten Branchen gesprochen, in denen jetzt schon Arbeitskräfte fehlen. Aber in einigen Jahren ist das Problem eines, das alle Branchen betrifft.

Das würde bedeuten, dass es weniger um die Konzentration auf Fachkräfte geht, sondern vielmehr um die breite Bevölkerung, die länger arbeiten sollte. Ist das realistisch? Viele Menschen scheiden derzeit ja nicht freiwillig aus dem Berufsleben aus.

Börsch-Supan: Was diese Entwicklung derzeit verhindert, ist die Tatsache, dass es viel zu wenige Weiterbildungsveranstaltungen für die Arbeitnehmer über 45 gibt. Und es gibt auch keine Kultur der Weiterbildung über 45. Die Arbeitgeber sind der Ansicht, es lohne sich nicht – weil sie damit rechnen, dass die ersten ihrer Angestellten ab 55 schon wieder aus dem Unternehmen und dem Arbeitsleben ausscheiden. Aber auch bei den Arbeitnehmern ab 45 ist das Interesse an Weiterbildung relativ gering.

Was kann man daran denn ändern?

Börsch-Supan: Für die Arbeitgeber und ihren Investitionswillen in die Förderung der Arbeitnehmer 45 plus wäre es wichtig, dass die Rente ab 67 wirklich umgesetzt wird. Nur mit der Erhöhung es Renteneintrittsalters wird es normal werden, dass die Menschen im Durchschnitt bis 64 arbeiten. Dann würde sich die Investition in Weiterbildung für die Arbeitgeber auch bei Beschäftigten, die 45 sind, noch lohnen und amortisieren.

Die Arbeitnehmer müssten dagegen verstehen, dass es angemessen ist, etwas länger zu arbeiten – einfach weil die Lebenserwartung in den letzten Jahren so enorm gestiegen ist. Und sie müssten akzeptieren, dass man heute nicht mehr 40 Jahre lang in ein und demselben Job arbeiten kann. Der Zusammenhang ist klar: Je dynamischer eine Wirtschaft wird und je länger man im Arbeitsleben bleibt, umso selbstverständlicher ist es natürlich, dass man Veränderungen miterlebt und auch selbst aktiv gestaltet.

Dieses Arbeitsideal leben hoch flexible Akademiker ja heute schon. Aber was ist mit dem Dachdecker, der nun einmal einen körperlich belastenden Lehrberuf hat und nicht so viele Ausweichmöglichkeiten?

Börsch-Supan: Das Beispiel vom Dachdecker, der 40 Jahre auf dem Dach steht, ist meiner Ansicht nach überholt – auch wenn es immer wieder gerne zitiert wird. Ein Dachdecker steht natürlich nicht 40 Jahre auf dem Dach. Vielleicht tut er das 20 Jahre. Und danach geht er vielleicht in die Verwaltung oder in einen ganz anderen Job. Denn es ist doch so: Manuell sehr beanspruchende Tätigkeiten sind zum Teil wirklich nur zeitlich begrenzt machbar. Doch diese Arbeitsfelder werden immer weniger. Zugleich gibt es immer mehr Berufe und Berufsfelder in allen Branchen, die sich am Schreibtisch abspielen – und solche Arbeiten kann man auch mit 64 oder 67 noch machen.

Farmer mir notebook in MaisfeldBörsch-Supan: Was nötig wäre, um diesen Wechsel zu bewältigen, ist schlicht die Erkenntnis, dass auch ein Dachdecker Weiterbildung und Perspektiven der Entwicklung braucht, die ihm diesen Übergang vom Arbeiten auf dem Dach zu einem Job, den er bis 64 machen kann, ermöglichen. Diese Weiterbildungsmöglichkeiten müssten natürlich auf die verschiedenen Ausbildungen und Berufsgruppen zugeschnitten sein. Doch gute und effiziente Weiterbildung, die Arbeitnehmer lebenslang begleitet, wichtige Impulse gibt und das nötige Wissen vermittelt, haben wir in Deutschland einfach viel zu wenig.

Aber sogar, wenn dieser Wechsel im Denken und Handeln möglich wäre. Viele Experten wie DIW-Chef Klaus Zimmermann, dass Deutschland so oder so zu spät dran ist. Der Zug ist schon längst abgefahren, der Aufschwung der Wirtschaft längst gefährdet. Sehen Sie das auch so?

Börsch-Supan: Es wäre natürlich hilfreich gewesen, wenn man sich vor 20 Jahren der Alterung der Bevölkerung bewusster gewesen wäre und gehandelt hätte. Aber das hilft uns ja heute nicht. Und wir haben immer noch genug Zeit, um etwas zu tun. Ich finde die extrem pessimistische Haltung sogar irritierend. Denn Menschen - und auch die Deutschen – sind sehr anpassungsfähig. Auch die über 45jährigen. Man denke nur an Deutschland in den 50er und 70er Jahren oder auch die Deutsche Wiedervereinigung. Deutschland hat eine ganze Reihe von großen gesellschaftlichen Umbrüchen gemeistert, bei denen die Ausgangsposition nicht ideal war. Aber da gab es diese Larmoyanz und Schwarzseherei nicht. Da hat man sich verändert – und die deutsche Gesellschaft gleich mit.
Die große Reserviertheit gegenüber den Veränderungen im Beruf und auf dem Arbeitsmarkt, die sich derzeit etabliert hat, ist vor diesem Hintergrund unverständlich.

Die Fragen stellte Carola Kleinschmidt