Demografischer Wandel
„Alte Menschen sind kein Makel für eine Stadt“
Von Miriam Buchmann-Alisch
Deutschland könnte im Jahr 2030 europaweit die älteste Bevölkerung haben. Das besagen Prognosen von Eurostat. Regional gibt es jedoch große Unterschiede. Während das Durchschnittsalter in Chemnitz in 20 Jahren voraussichtlich die europaweite Liste anführen wird, scheint es in Trier und Hamburg auf eher niedrigem Stand zu bleiben. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Doch was bedeuten solche Zahlen für eine Stadt wie Chemnitz?
2008 betrug in den 27 europäischen Mitgliedsstaaten das Durchschnittsalter der Bevölkerung rund 40 Jahre. Voraussichtlich werden es bis 2030 durchschnittlich fünf Jahre mehr sein. In mindestens vier Regionen werden die Menschen sogar ein Durchschnittsalter von mehr als 48 Jahren haben. Der höchste Anstieg wird im Osten Deutschlands erwartet, in den Regionen Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg-Südwest, Brandenburg-Nordost, Thüringen, Dresden, Sachsen-Anhalt und Chemnitz.
Drei Faktoren sind für den wachsenden Altersdurchschnitt besonders relevant. Die Geburtenrate in Deutschland ist gering. Gleichzeitig werden immer mehr Menschen immer älter, was insbesondere an besserer Gesundheit liegt. Und schließlich spielt die größere Mobilität vor allem junger Menschen am Beginn ihres Berufslebens eine Rolle.
Die Prognosen legen nahe, dass der erwartete hohe Altersdurchschnitt in Chemnitz mit einem gleichfalls erwarteten weiteren Rückgang der Einwohnerzahl zusammenhängt.
Vom Vorurteil lösen, dass Alter mit Stagnation einhergeht
Doch wie soll eine Stadt auf die Prognose reagieren, in 20 Jahren womöglich die „älteste“ Stadt Europas zu sein? „Es nützt nichts, gebannt auf die Zahlen zu schauen“, erklärt Stephan Beetz, Soziologieprofessor an der Hochschule Mittweida und ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“. „Man muss sich von dem Vorurteil lösen, dass Alter mit Stagnation einhergeht. Das ist nicht deckungsgleich.“ Vielmehr komme es darauf an, dass die Region sich sorgsam damit auseinandersetze, dass sich an bestehenden demografischen Strukturen so schnell nichts ändern werde. „Alte Menschen sind jedoch kein Makel für eine Stadt. Sie können im Gegenteil sozial und ökonomisch ein Gewinn sein.“
Wie das aussehen könnte, zeigen „alte“ Städte, die nicht durch den Wegzug von Jüngeren, sondern durch den Zuzug von Senioren geprägt sind. „Sie bieten Strukturen, die Menschen vor allem im so genannten dritten Lebensalter viel bieten“, erklärt Beetz. Noch ist das selten, weil die meisten Städte Ältere nicht als Zielgruppe ihres Marketings ansehen.
Stadt der verschiedenen Generationen
In vielen Städten Ostdeutschlands ist jedoch die Sorge berechtigt, dass negative Zukunftsszenarien zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. „Zunächst einmal handelt es sich aber bei den Eurostat-Zahlen um eine Prognose“, sagt Katja Uhlemann, Pressesprecherin der Stadt Chemnitz. „Wir gehen der Frage nach, wie man eine Stadt der verschiedenen Generationen organisiert, damit alle darin gut und zufrieden leben können.“
Kritisch sieht sie den Umgang mit dem Älterwerden insgesamt: „Wir gehen in Deutschland sehr zwiespältig mit dem Älterwerden um. Wir freuen uns über medizinische Fortschritte und die höhere Lebenserwartung heute geborener Kinder, aber zugleich reagieren wir schnell hysterisch, wenn es darum geht, mit den Folgen dieser Entwicklung, nämlich dem Älterwerden, umzugehen.“
Eine ganze Elterngeneration, die wegbrach
Das jetzt schon hohe Durchschnittsalter in Chemnitz hängt zu großen Teilen mit dem Wegzug jüngerer Menschen zusammen. Die traditionsreiche Ingenieurs- und Industriestadt hat seit dem Ende der DDR-Zeit mit Abwanderung zu kämpfen. „Kurz nach der Wende haben 60.000 Menschen die Stadt verlassen, um anderswo Arbeit zu suchen. Das ist auf heute gesehen eine ganze Elterngeneration, die wegbrach“, erklärt Uhlemann. Allerdings scheint der Trend zur Abwanderung zunächst einmal gestoppt zu sein: „Die Geburtenrate steigt, und wir haben erstmals positive Zuzugszahlen.“
Programme zum Stadtumbau laufen seit fast zwei Jahrzehnten. Doch noch immer stehen 15 Prozent der Wohnungen in Chemnitz leer, das sind um die 30.000 unbewohnte Wohnungen. „Es gibt aber auch eine positive Seite der Medaille, nämlich eine große Auswahl und vergleichsweise niedrige Mieten“, sagt Uhlemann. Das wichtigste Instrument der Stadt, mit dem demografischen Wandel umzugehen, sei allerdings, Menschen über qualifizierte Arbeitsplätze an die Stadt zu binden. Zudem setzt sie auf Bildung, Betreuungsangebote für Kinder und Lebensqualität durch Kultur und Sport.
„Menschen kommen in eine Stadt, wenn sie gute Arbeit haben“, ist die Pressesprecherin überzeugt. „Für unseren Standort spricht: Wir haben das höchstes Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen, und jeder Jugendliche bekommt eine Lehrstelle. Zudem gibt es seit Kurzem verbindlich eine praxisbezogene Berufsorientierung in Mittelschulen.“ Hinzu komme die Technische Universität mit etwa 10.000 Studierenden. „Eine unserer größten Aufgaben sehen wir darin, dass der Übergang vom Studium in den Beruf in Chemnitz erfolgt.“
Lebensqualität der Menschen untersuchen
Auch der Soziologe Beetz ist der Meinung, dass eine Stadt wie Chemnitz es sich nicht leisten kann, dass junge Leute abwandern. Er plädiert jedoch dafür, die Lebensqualität aller Bewohner der Stadt im Blick zu behalten und den Befund ernst zu nehmen, dass der demografische Wandel nicht aufzuhalten ist. Für eine Bindung junger Menschen an eine Stadt reiche ein guter Arbeitsplatz allein meist nicht aus.
„In Chemnitz gibt es wie in allen Städten unterschiedliche Bedarfe. Junge Menschen suchen gute Arbeitsmöglichkeiten, sie benötigen aber auch den Pulsschlag einer Stadt“, erklärt der Wissenschaftler. In den nächsten Monaten führt er mit seinen Studenten ein Studienprojekt im Chemnitzer Stadtteil Reitbahnviertel durch. Fragen sind unter anderem, welche Wünsche die Chemnitzer Jugendlichen an ihr Umfeld haben. Ein erster Befund zeige, dass Jugendliche kaum im Stadtteil wahrzunehmen sind, obwohl ihr zahlenmäßiger Anteil relativ groß ist. Die Studierenden der Sozialen Arbeit möchten die Lebensqualität aller Generationen untersuchen, insbesondere aber die Rolle jugendlicher Peergroups und ihrer Treffpunkte. Was passiert, wenn Gleichaltrige in einen anderen Stadtteil oder eine andere Stadt ziehen?
Auf der anderen Seite dürfe man aber auch nicht aus dem Blick verlieren, dass Mobilität für viele Menschen ein wichtiger Faktor im Berufsleben ist. Beetz: „Für viele Menschen ist es beruflich und privat ein Gewinn, vorübergehend oder ganz in eine andere Stadt oder auch in ein anderes Land zu wechseln.“
Und schließlich sei auch das Alter vielfältig. Wie erleben Senioren die Stadt Chemnitz? „Die Lebenszufriedenheit von alten Menschen war in den vergangenen Jahren meist relativ hoch. Man nahm sie als ruhige Bewohner und Mieter wahr“, sagt Beetz. „Allerdings beachtet man häufig noch nicht, dass sich das ändert, dass die zukünftigen Alten wahrscheinlich mehr erwarten.“
Um die Bedürfnisse von Senioren unter anderem in Chemnitz genauer zu erkunden, startet die Hochschule Mittweida das SILQUA-Forschungsprojekt „Empowerment für Lebensqualität im Alter“. Darin untersuchen Beetz und seine Mitarbeiter in Kooperation mit sächsischen Wohnungsgenossenschaften, ob und in welcher Form sich ältere Menschen für ihre Belange in ihrem Lebensumfeld einsetzen.
Links:
Mehr unter Eurostat Statistics in focus 1/2010
Altern in Gemeinde und Region, Band 5 der Reihe „Altern in Deutschland“
Altern in Gemeinde und Region,
Band 5 der Reihe „Altern in Deutschland“
