Demografiebericht der Bundesregierung
Eckpunkte für unser Leben im demografischen Wandel
Die Trends sind bekannt: Die Deutschen werden weniger und der Anteil der älteren Bevölkerung nimmt zu. Jetzt legt die Bundesregierung in ihrem aktuellen Demografiebericht konkrete Zahlen vor - und skizziert, welche Konsequenzen diese Veränderungen haben, welche Maßnahmen nötig werden.
Die Fakten in aller Kürze: Derzeit leben 81,7 Millionen Menschen in Deutschland - bereits seit 2003 ist die Zahl der Bevölkerung rückläufig. Der Trend hält an. Nach den Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes werden im Jahr 2060 nur noch 65 bis 70 Millionen Menschen in Deutschland leben. Zugleich wird der Altersdurchschnitt der Bevölkerung steigen: 2060 wird vermutlich jeder Dritte, also 34 Prozent der Bevölkerung, 65 Jahre oder älter sein. Bis zum Frühjahr 2012 soll das Bundesministerium des Inneren Vorschläge machen, wie dieser möglichst umfassend und ganzheitlich gestaltet werden kann.
Mehr Geburten und Integration für soziale Gerechtigkeit
Der Demografiebericht legt das Augenmerk zuerst auf die Familie: „Die Familie ist für die demografische Entwicklung von zentraler Bedeutung“, heißt es dort. Ein Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder und staatliche Leistungen für Familien ermöglichen eine bessere Verbindung von Beruf und Familie. Einem der Leitziele der Demografiestrategie der Bundesregierung, nämlich Soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt, könnte mit diesen Maßnahmen näher gekommen werden.
Eine sozial gerechte Gesellschaft ist auch die beste Voraussetzung für die Integration von Zuwanderern, die auf Grund des Fachkräftemangels in den nächsten Jahren von immer größerer Bedeutung sein wird.
Bildungswachstum in allen Altersstufen für Wohlstandssicherung
Auch die Sicherung des Wohlstands und Stärkung der Wachstumsperspektiven ist ein Leitziel der Demografiestrategie. Als einer der wichtigsten Punkte wird in diesem Zusammenhang eine Verbesserung des Bildungsniveaus im frühkindlichen und schulischen Bereich genannt. Auch die Gruppe Erwachsener, die bereits Kinder haben, aber eine berufliche Weiterbildung und -entwicklung anstreben, hat die Bundesregierung im Blick. Wenn zusätzlich zum höheren Bildungsniveau auch Arbeitskräfte genutzt werden würden, die bisher keine bedeutende Rolle spielten, könnte die wirtschaftliche Sicherheit für Deutschland gewährleistet sein. Neben der Frauenerwerbstätigkeit, die durch verstärkte Betreuungsangebote für Kinder erhöht werden könnte, wird auch die Expertise und längere Leistungsfähigkeit älterer Menschen immer bedeutender für den Arbeitsmarkt.
Prävention für ein länger gesundes Leben
Viele Menschen werden heute bei guter Gesundheit älter - und sind länger arbeitsfähig als die Generationen zuvor. Diese positive Entwicklung bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Gesundheitssystem entlastet wird und die Menschen auch durchgängig gesund alt werden. Derzeit sieht die Entwicklung vielmehr so aus, dass die Ausgaben der Gesundheitssysteme weiter steigen. Auch im Bereich der Pflegeversicherung steigen die Kosten. Ausbau und Verbesserung ambulanter Pflege sind ebenso vorgesehen wie die zunehmende Unterstützung pflegender Familienmitglieder. Um weiterhin allen Menschen eine medizinische Versorgung bieten zu können, sieht die Gesundheitspolitik einen Ausbau der Präventionsmaßnahmen vor. Geeignete Vorsorgemaßnahmen könnten dazu führen, dass die Bevölkerung gesünder älter und das Gesundheitssystem entlastet wird.
Mobilität auf allen Ebenen für lebenswerte Räume
Vor allem im ländlichen Raum wird der demografische Wandel zu einer drastischen Abnahme der Bevölkerung führen. Dies bringt verschiedene Probleme mit sich: Die Verkehrsinfrastruktur, die Versorgungsstruktur, das kulturelle Angebot ist häufig nicht in befriedigender Art gegeben. Der Demografiebericht formuliert die Notwendigkeit, örtlich angepasste Lösungen zu finden. Regionale Kooperationen könnten dabei helfen. Auch neue Ansätze, wie zum Beispiel den Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln, können hier Lösungen aufzeigen.
Verantwortungsbewusstes Handeln für einen stabilen Staat
Der Demografiebericht macht deutlich, dass sich Deutschland in den nächsten Jahrzehnten stärker als die meisten anderen OECD-Länder auf einen Rückgang und eine Alterung der Bevölkerung einstellen muss. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf nahezu alle Gesellschafts-, Lebens- und Politikbereiche - Veränderungen, die es zu meistern gilt. "Die Gestaltung des demografischen Wandels ist eine der großen Zukunftsaufgaben", sagte Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich und betont, dass beispielsweise der Gefahr von Versorgungs- und Mobilitätsengpässen rechtzeitig begegnet werden müsse. Friedrich: “Wir sind gefordert, unser gesellschaftliches Fundament umzubauen. Der demografische Wandel ist jedoch auch eine Chance, eine umfassende und nachhaltige Modernisierung unseres Landes zu bewirken."
Der Demografiebericht zeigt, wie in verschiedenen Bereichen mit dem demografischen Wandel umgegangen werden kann. Es wird deutlich, wie wichtig politische Strukturen für ein gesellschaftlich und sozial gerechtes Miteinander aller Generationen und Bevölkerungsgruppen ist.
Die konkrete Demografiestrategie der Bundesregierung wird im Frühjahr 2012 vorgestellt. Sie wird konkrete Gestaltungsvorschläge für den Bund enthalten, um mittel- und langfristig die Chancen eines längeren Lebens zu nutzen und damit einhergehende Risiken abzuwenden. Dabei wird die Bundesregierung ihre Arbeit an den folgenden vier Zielen ausrichten:
1. Chancen eines längeren Lebens erkennen und nutzen
Der erfreuliche Anstieg der Lebenserwartung und das damit verbundene längere gesunde Leben sind eine große Chance für jeden Einzelnen wie auch für die Gesellschaft als Ganzes. Damit einher geht eine Verschiebung der Abfolge und Länge, teilweise auch die Überlagerung der bisherigen klassischen Lebensphasen (Ausbildung, Arbeit, Ruhestand). Alle Menschen sollen ihrer Lebenssituation entsprechend die Chance erhalten, ihre Potenziale und Fähigkeiten zu entwickeln, Lebenswünsche zu realisieren und ihren Beitrag zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu leisten. Die Entwicklungsmöglichkeiten sind frühzeitig, für Menschen jeden Alters und in allen Lebensbereichen von der Familie über die Bildung, Erwerbsbeteiligung und das bürgerschaftliche Engagement bis hin zur Gesundheit zu gestalten.
2. Wachstumsperspektiven stärken und Wohlstand sichern
Der zu erwartende Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird etwa ab dem Jahr 2020 deutlich schneller verlaufen als der Rückgang der Gesamtbevölkerung. Die damit verbundenen Herausforderungen für die wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere die Sicherung der Fachkräftebasis und eines hohen Produktivitätswachstums, erfordern es, diesen Prozess zu gestalten. Dies verlangt vorrangig die Qualifizierung und Ausschöpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials, aber auch mehr qualifizierte Zuwanderung sowie die Stärkung des Forschungs- und Innovationspotenzials und wachstumsfördernde Rahmenbedingungen der Faktor- und Produktmärkte.
3. Soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt erhalten und stärken
Die Alterung der Bevölkerung und die regional unterschiedliche Bevölkerungsdynamik werden Veränderungsbereitschaft und Anpassungen erfordern. Dies gilt für eine stabile Finanzierungsbasis und generationengerechte Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme ebenso wie für die Sicherung einer wohnortnahen Grundversorgung in den Regionen und Kommunen. Die Menschen in Deutschland sollen sich auch künftig auf eine angemessene Absicherung im Alter und Versorgung mit Gesundheits- und Pflegeleistungen verlassen können.
4. Handlungsfähigkeit des Staates bewahren
Um die Handlungsfähigkeit des Staates zu bewahren, ist die Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte sicherzustellen. Ein wichtiger Orientierungspunkt ist dabei die Generationengerechtigkeit. Die sozialen Sicherungssysteme und das öffentliche Leistungsangebot sind dabei an die sich verändernden Bedingungen und Bedürfnisse anzupassen.
Bürgerbeteiligung als Korrektiv
Der demografische Wandel und seine Gestaltung sind ein komplexer Prozess. Demografiepolitik ist daher eine langfristige Gestaltungsaufgabe. Sie kann nur gelin- gen, wenn die Bürger mitwirken. Dazu bedarf es Möglichkeiten eines Austauschs. Die Bundesregierung wird daher mit ihrer Demografiestrategie einen Dialogprozess initiieren, in dessen Rahmen die weitere Abstimmung der demografiepolitischen Aktivitäten auf den unterschiedlichen staatlichen und nichtstaatlichen Ebenen sowie ihre zukünftige Ausgestaltung, Begleitung und Fortentwicklung vorgesehen sind.
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