Demografiepolitik
Kongress „Best Age“: Altersbilder in unserer Gesellschaft

von Miriam Buchmann-Alisch

Deutschland altert, die Bevölkerung schrumpft. Diesen Prozess in all seinen Facetten beleuchtete der vierte Demografie-Kongress „Best Age – Quo Vadis Demografiepolitik?“, der am 1. und 2. September 2009 in Berlin stattfand. Zwei Tage lang diskutierten rund 400 Fachleute darüber, welche Chancen und Risiken der demografische Wandel mit sich bringt. Veranstalter war die Zeitschrift „Behörden Spiegel“ in Kooperation mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

AltersbilderNeben Vorträgen und Podiumsdiskussionen luden 16 Foren zur Vertiefung spezifischer Fragen ein. Darunter das Forum „Altersbilder in unserer Gesellschaft“, in welchem Mitglieder der Altenberichtskommission der Bundesregierung einige Zwischenergebnisse präsentierten. Zur Debatte stand, inwieweit die derzeitigen Altersbilder die Ressourcen und Potenziale des Alters widerspiegeln.

Die renommierte Alternsforscherin Ursula Lehr war dazu eingeladen, das Forum mit einem Rückblick zu eröffnen, denn 1989 hatte sie als damalige Bundesministerin den ersten Altenbericht angeregt.
Sie wies unter anderem darauf hin, dass der Wandel der Altersbilder zunächst ein Verdienst der Wissenschaften sei. Die Forschung über das Altern werde zunehmend interdisziplinär, es gäbe eine stärkere Gewichtung sozial- und verhaltenswissenschaftlicher Themen und generell eine größere Themenvielfalt. Und seit den 50er Jahren werde das Älterwerden immer häufiger mit Aktivität und Mobilität in Verbindung gebracht. „Die Praxis hat das Ihre dazu getan, dass im Wandel des Altersbildes zunehmend eine Aktivierung stattfand“, sagte Ursula Lehr.

Die Rolle älterer Arbeitnehmer für die deutsche Wirtschaft beleuchtete Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Sowohl jüngere als auch ältere Generationen sprächen sich für eine Einbindung Älterer aus. „Wir erfahren aus Befragungen einen besonderen Bedarf an Symmetrie der Verantwortungsverteilung“, erklärte Hüther. Doch trotz des steigenden Anteils der 55- bis 64-jährigen Erwerbstätigen in allen Branchen und Gruppen (insgesamt von 38,2 Prozent in 1997 auf 53,8 Prozent in 2008) konstatierte er noch viel Handlungsbedarf. Denn Arbeitnehmer über 50 werden beispielsweise im Bereich der Weiterbildung noch immer viel zu wenig berücksichtigt. Eine seiner Thesen: Externe Faktoren prägen die Altersbilder, sie sind ein Reflex des Wandels der Rahmenbedingungen.

Ulla Walter, Stiftungsprofessorin an der Medizinischen Hochschule Hannover, beleuchtete Altersbilder in der medizinischen Prävention und Rehabilitation. „Häufige Kontakte jüngerer Menschen zu Älteren begünstigen eine spätere Tätigkeit in der Altenarbeit“, berichtete Walter. „Und sie tragen zu einem positiveren Altersbild bei.“ Sie wies darauf hin, dass Senioren insbesondere Potenziale im Bereich der gesundheitlichen Rehabilitation nicht hinreichend ausschöpfen. Verantwortlich dafür seien individuelle und institutionelle Barrieren, die beide häufig mit einem zu negativen Altersbild zusammenhängen.

Rudolf Tippelt, Professor am Institut für Pädagogik, Bildungs- und Sozialisationsforschung an der Ludwig-Maximilian-Universität München, nahm die Bedeutung von Bildung im Alter in den Blick. „Es geht darum, die Innovationsfähigkeit auch im Alter wach zu halten, die soziale Integration zu befördern und zu ermöglichen, dass auch Ältere klar und bewusst am kulturellen und politischen Leben teilhaben“, sagte er. Einige seiner Ergebnisse: Je höher der Bildungsgrad, desto häufiger bilden sich ältere Menschen weiter. Und je häufiger ein älterer Mensch sich weiterbilde und Kontakt zur jungen Generation habe, desto positiver sei sein eigenes Altersbild und die eigene Gewinn-Verlust-Bilanz.

Andreas Kruse, Vorsitzender der Altenberichtskommission, Direktor des Instituts für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und Moderator des Forums, fasste zusammen, dass Altersbilder das Resultat gesellschaftlicher Praxis seien: „Es besteht ein Veränderungsdruck, diese gesellschaftliche Praxis kritisch zu reflektieren.“

Bisher erschienen fünf Altenberichte:

Die Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland (1993),
Wohnen im Alter (1998),
Alter und Gesellschaft (2001),
Demografischer Wandel und Hochaltrigkeit unter besonderer Berücksichtigung der Demenz (2002) und
Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft (2006).
Die Sechste Altenberichtskommission wird ihren Bericht voraussichtlich im Frühjahr 2010 dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend übergeben.

Zur 6. Altenberichtskommission

 

band 1 AltersbilderZum Thema "Altersbilder" siehe auch: Bilder des Alterns im Wandel.
Historische, interkulturelle, theoretische und aktuelle Perspektiven,
Band 1 der Reihe "Altern in Deutschland".