„80-Jährige spielen 60-Jährige“
Die Schauspielagentur 60plus in Köln
Von Miriam Buchmann-Alisch
Einstiegsalter 60. „Das war die Idee des Jahres 2006“, schwärmt Carole Schmitt. Damals gründete die Schauspielerin und Produzentin gemeinsam mit ihrer Agentin Ulrike Boldt die erste und bislang einzige Agentur, die sich ausschließlich auf die Vermittlung von Schauspielerinnen und Schauspielern in der Altersgruppe 60plus konzentriert.
Joseph Saxinger, der älteste Schauspieler in der Agentur
250 Schauspieler schrieben die beiden Unternehmensgründerinnen damals an. Ein paar Tage später lagen 180 Bewerbungen auf ihrem Tisch, aus denen sie 50 Künstler auswählten. Fast alle sind noch immer unter Vertrag. „Wir haben eigentlich immer Bewerbungen in der Warteschleife. Aber mehr ist von der Arbeitskapazität leider nicht machbar“, erklärt Schmitt. Die Resonanz bei Castern und Produzenten war deutschlandweit groß, das neue Konzept sprach sich schnell herum. „Wir haben mit vielen Produktionen direkt zu tun, die bei uns anfragen. Unser Vorteil ist, dass wir gleich zehn Schauspieler für eine Rolle vorschlagen können.“
Manche Künstler hatten jahrelange Durststrecken hinter sich, auch wenn sie vor 20, 30 Jahren richtig gut im Geschäft waren. Einen Grund dafür sieht Schmitt in bekannten Gesichtern in immer gleichen Rollenklischees. „Wer momentan prominent ist, bekommt alle Rollen“, stellt sie fest. „Das zieht sich durch alle Altersklassen. Wir versuchen, da ein bisschen frischen Wind reinzubringen.“ Auf ihrer Website bewerben sie all ihre Künstler mit Porträtfotos, Künstlerbiografien und aktuellen Demofilmen.
Die Agentur arbeitet hauptsächlich projektbezogen. Die vertretenen Schauspieler erhielten Rollen in Eventmovies wie dem TV-Dreiteiler „Krupp – eine deutsche Familie“ oder dem Kinofilm „Der Baader-Meinhof-Komplex“, aber auch in bekannten Serien wie „Tatort“ und „Soko“. Eine der vielleicht bekanntesten Gesichter der Agentur ist Beatrice Richter, die in der 80er Jahren durch die Comedy-Show „Sketch up“ mit Diether Krebs bekannt wurde.
„Die meisten unserer Künstler sind schon in Rente, wollen aber unbedingt weiter arbeiten“, erzählt Schmitt. „Unser ältester Schauspieler ist 88 Jahre alt, unsere älteste Schauspielerin sogar 89.“ Besonders anfänglich erlebte die Agenturleiterin es häufig, dass die Altersbilder der Filmemacher stark von der Realität abwichen: „Das war ganz interessant. Da rief zum Beispiel ein Caster an und sagte: ‚Wir suchen eine Oma. Sie soll 60 Jahre alt sein, dauergewelltes Haare haben mit Löckchen in Grau.’ Dann sahen sie sich die Fotos auf unserer Website an und stellten fest, dass die 60- bis 70-Jährigen bei uns viel jünger aussahen. Als sie dann jemanden in der Liste fanden, der dem gewünschten Altersbild entsprach, stellten sie fest: ‚Upps, die ist ja schon 85.’ Die Rolle wurde schließlich mit einer 80-Jährigen besetzt.“
Marianne Schubart-Vibach, die älteste Künstlerin in der Agentur
Dass die Schauspieler sehr viel jüngere Charaktere spielen, ist keine Ausnahme. Carole Schmitt: „Es scheint in der Gesellschaft immer noch nicht angekommen zu sein, dass die meisten 60-Jährigen nicht nur jung aussehen, sondern auch topfit sind und nicht etwa gebeugt gehen. Auch unser 88-Jähriger ist noch fit. Natürlich hat er so seine Knieprobleme und ist nicht mehr ganz so schnell unterwegs. Aber er spielt noch immer Sommertheater, bei den Kreuzgangspielen in Feuchtwangen beispielsweise.“ Jedes Jahr zieht er für drei Monate nach Feuchtwangen um, wohnt dort zur Untermiete und steht fast täglich auf der Bühne. „Überhaupt ist es interessant zu sehen, dass es auch die ältesten unserer Schauspieler noch gut schaffen, viel Text auch in sehr kurzer Zeit zu lernen“.
Carole Schmitt stellt fest, dass in der Branche ein Umdenken eingesetzt hat. In Werbespots rücke die Zielgruppe der „Best Ager“ zunehmend in den Fokus. Auch die Film- und Fernsehbranche scheine die neue Kernzielgruppe zu erschließen, die sich im Zuge des demografischen Wandels ergibt. Ihre Agentur ist zwar noch immer einzigartig in ihrer Spezialisierung auf 60plus, doch auch andere stocken in dieser Hinsicht auf: „Früher war es üblich, dass Agenturen je eine Schauspielerin und einen Schauspieler über 60 unter Vertrag hatten. Heute sind es sehr viel mehr.“
Dennoch bleibt der Markt für ältere Schauspieler hart umkämpft. „Es gibt in Deutschland einen Riesenpool von Schauspielerinnen und Schauspieler über 60“, sagt Schmitt. „Insgesamt sind es rund 800. Gleichzeitig wird immer weniger produziert, und die Gagen gehen runter.“ Und wer zwei bis drei Jahre nur Theater gespielt, nicht aber gedreht hat, ist schnell raus aus dem Filmgeschäft. Zudem sieht Carole Schmitt für einige ihrer Künstler in höherem Alter Probleme, mit gestiegenen technischen Anforderungen zurechtzukommen: „Manche Produktionen machen bereits Online-Castings, wo gefordert wird, dass der Schauspieler zuhause alles am PC einspricht. Und das auch noch in guter Bild- und Tonqualität. Das können viele Ältere gar nicht leisten.“
Fotos: ©Schauspielagentur 60plus
