Lebensläufe unter der Lupe
Langzeitstudie „Vor dem Lebensabend“
Von Miriam Buchmann-Alisch
1969 waren sie in der 10. Klasse. Heute sind sie 56 Jahre alt. In dieser Zeitspanne kann sich im Leben eines Menschen viel ereignen und verändern. Wie verlief sein Leben? Welche Erfolge konnte er für sich verbuchen? Wo musste er Niederlagen einstecken? Wie hat sich sein Privatleben gewandelt – und wie seine gesellschaftspolitischen Einstellungen? All diesen Fragen gehen Wissenschaftler in einem Langzeitprojekt an den Universitäten Duisburg-Essen und Köln nach. Die Studie, die vor 40 Jahren begann, soll in der nun anlaufenden vierten Etappe bisher einzigartige Daten zu deutschen Lebensläufen liefern.
1969 begann die Längsschnittstudie mit einer schriftlichen Befragung von über 3.000 nordrhein-westfälischen Gymnasiasten des 10. Schuljahres über ihre soziale Herkunft und ihre schulischen Pläne. 1984 traten die Wissenschaftler erneut an die ehemaligen Schüler heran. Weit mehr als die Hälfte der nunmehr 31-Jährigen gaben Auskunft über ihren beruflichen und privaten Werdegang. Wiederum zwölf Jahre später nahmen die Wissenschaftler den weiteren Lebenslauf der nunmehr 43-Jährigen unter die Lupe.
„Zentrales Thema beider Wiederbefragungen waren der Lebenserfolg in Beruf und Familie und die Erfolgsdeutung. Im 31. Lebensjahr stand dabei die Identitätsfindung, im 43. Lebensjahr dann stärker die Identitätswahrung im Vordergrund“, erklärt Klaus Birkelbach von der Fakultät für Bildungswissen der UDE, der das Projekt gemeinsam mit seinem Kollegen Heiner Meulemann, Professor und Direktor des Forschungsinstituts für Soziologie der Universität zu Köln, durchführte.
40 Jahre nach der ersten Befragung nehmen die Wissenschaftler nun erneut Kontakt zu den Teilnehmern der Studie auf. Sie möchten retrospektiv Aufschluss über den beruflichen und privaten Lebenserfolg, die Erfolgsdeutung und die Weltanschauung der heutigen Mittfünfziger gewinnen. „Vor dem Lebensabend – eine dritte Wiederbefragung zu Lebenserfolg und Erfolgsdeutung ehemaliger 16-jähriger Gymnasiasten im 56. Lebensjahr“ lautet der vollständige Titel der Studie. Sie wollen herausfinden, ob die Befragten Pläne realisieren konnten, wie groß ihre Zufriedenheit im Hinblick auf Partnerschaft und Beruf ist und wie sie Erfolge und Misserfolge verarbeitet haben. „Hat jemand beispielsweise krampfhaft auf einem einmal gesetzten Ziel beharrt, oder passte er seine Ziele flexibel an den Lauf der Dinge an“, erläutert Birkelbach. „Auch werden wir nach Entscheidungen fragen, die man lieber anders getroffen hätte, und nach Ereignissen, die das Leben verändert haben.“
Die rückblickende Erhebung ist mit einer vorausschauenden Altersstudie gekoppelt. „Uns interessiert, wie sich Menschen, die sich in der späten, aber dennoch aktiven und engagierten Lebensmitte befinden, auf den anstehenden Ruhestand vorbereiten“, erklärt Prof. Heiner Meulemann. „Wenn man sich aus dem Beruf zurückgezogen hat und die Kinder das Haus verlassen haben, dann hat man statistisch noch zwei Lebensjahrzehnte vor sich. So gesehen kann man das Alter als eine zweite Jugend betrachten, in der neue Aufgaben für diesen Lebensabschnitt gefunden werden müssen.“ Ob die Teilnehmer an der Studie ihre Pläne wirklich umgesetzt haben werden, soll eine erneute Befragung in 10 bis 12 Jahren klären.
Die Wissenschaftler versprechen sich von den für Deutschland einmaligen Erhebungen einen Überblick über die Lebensläufe eines Geburtsjahrgangs, angefangen von der Schulzeit bis ins mittlere und späte Erwachsenenalter. Die Daten erlauben eine Vielzahl von Untersuchungen, bei denen spätere Ereignisse, Ziele und Erwartungen aus den Startbedingungen und den Verlaufsumständen des Lebenswegs verstanden und erklärt werden können. Die DFG fördert das Projekt über zweieinhalb Jahre mit zwei vollen Wissenschaftlerstellen, studentischen Hilfskräften und Sachmitteln in Höhe von 64.000 Euro.
Bilder des Alterns im Wandel,
Band 1 der Reihe „Altern in Deutschland“
Altern, Bildung und lebenslanges Lernen,
Band 2 der Reihe „Altern in Deutschland“
