Wie lebt ein Stadtmensch um die 100?
Neuauflage der „Berliner Altersstudie“
Von Miriam Buchmann-Alisch
Jeder kennt alte Menschen in der Nachbarschaft oder in der eigenen Familie. Aber was wissen wir genau über die Lebenssituation betagter Mitbürger? Weltweit zum ersten Mal vermittelte die 1996 erschienene „Berliner Altersstudie“ ein umfassendes und präzises Bild der unterschiedlichen Lebenslagen alter Menschen. Die kürzlich im Akademie Verlag erschienene dritte Auflage dieses Standardwerks erweitert die damaligen Momentaufnahmen um eine entscheidende Facette: Die seit 20 Jahren laufende wissenschaftliche Beobachtung der hochaltrigen Studienteilnehmer macht die Entwicklung individueller Lebenswege vergleichbar.
Als sich 1988 ein Team aus Medizinern, Geriatern, Psychologen, Soziologen und Psychiatern zu einer umfassenden Untersuchung des Alterns zusammentat, handelte es sich um ein einzigartiges Projekt: Das Spektrum der beteiligten Wissenschaften war enorm breit, die Untersuchungsgebiete waren sowohl disziplinär als auch interdisziplinär bestimmt. „Dass so viele Disziplinen so eng und gleichrangig zusammenarbeiten, kommt auch heute nur selten vor“, hebt Julia Delius, die Koordinatorin des Projekts am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, hervor.
© Berliner Altersstudie, Foto: Karl Groß, Berlin
Zudem war die Gruppe der Befragten ungewöhnlich: Es handelte sich um Einwohner West-Berlins im Alter zwischen 70 und über 100 Jahre. 516 Teilnehmer wurden repräsentativ ausgewählt, Fragen zu ihrer wirtschaftlichen, gesundheitlichen, praktischen und gesellschaftlichen Situation zu beantworten. Die Stichprobe wurde nach Alter und Geschlecht geschichtet, das heißt, dass in jeder Altersgruppe (70 bis 74, 75 bis 79 usw.) gleich viele Männer und Frauen vertreten waren. An die bejahrten Probanden heranzukommen, war gar nicht so einfach. „Die Namen wurden zufällig aus dem Melderegister gezogen. Nach einer ersten Kontaktaufnahme besuchten die Wissenschaftler die potenziellen Teilnehmer zuhause und informierten sie über die Studie. Im Falle ihrer Zustimmung erfragten sie zunächst in einer multidisziplinären Ersterhebung wesentliche Grundinformationen. Dann folgte bei 516 Personen das Intensivprotokoll mit 14 Sitzungen zu verschiedensten Bereichen“, erzählt Delius. „Schade ist im Nachhinein nur, dass die Untersuchung sich noch auf West-Berlin beschränkte.“
Auch die Umstände der Befragungen mussten an die Zielgruppe der teilweise Hochbetagten angepasst werden: „Die Wissenschaftler haben sich sehr bemüht, den Personen die Teilnahme zu erleichtern“, betont Delius. „Sie haben sie zuhause besucht und Methoden gewählt, die auch für sehr alte Menschen machbar sind.“ Dabei gab es über die Jahre auch Überraschungen, wie etwa die Erfahrung, dass selbst die meisten Hochbetagten wenig Berührungsängste mit neuen Technologien zeigten: „Touchscreens beispielsweise haben die Teilnehmer nicht etwa abgeschreckt. Im Gegenteil: Die alten Menschen sind oft sehr motiviert.“
Seit den ersten Erhebungen 1990 bis 1993 wurden die damaligen Studienteilnehmer bis zu sieben weitere Male befragt. Die Ergebnisse dieser Langzeitbeobachtungen flossen in der jetzt erschienenen Neuauflage in zwei ergänzende Kapitel ein. Krankheit und Tod haben die Teilnehmergruppe jedoch über die Jahre sehr verkleinert. An der achten Befragung 2008 konnten nur noch 22 Personen teilnehmen. Sie waren aber auch im Durchschnitt über 92 Jahre alt. Medizinische Fragen standen bei dieser Erhebung deutlich im Vordergrund.
90 Prozent leben selbstbestimmt
Die Erhebungen zeigten zahlreiche interessante Ergebnisse. Beispielsweise offenbarten die Daten von 1996, dass alte Menschen nicht – wie häufig angenommen – pessimistisch, einsam und krank sind. Im Gegenteil: Überwiegend fühlten sich Frauen und Männer über 70 selbstständig und waren mit ihrem Leben zufrieden. 90 Prozent der Befragten lebten selbstbestimmt in privaten Haushalten. Drei Viertel von ihnen benötigten keine regelmäßige fremde Hilfe. Die meisten von ihnen waren aktiv und beteiligten sich beispielsweise an Vereins- oder Weiterbildungsaktivitäten.
In der Gruppe der 80- bis 100-Jährigen zeigte die Untersuchung zum Teil allerdings auch eine andere Facette des Alters: In diesem so genannten vierten Lebensalter nahmen körperliche Gebrechlichkeit und chronische Leiden zu, umgekehrt nahmen geistige Fähigkeiten ab. Gleichzeitig stieg die Zahl derer, die mit ihrem Leben unzufrieden waren und sich einsam fühlten.
Senioren fühlen sich 13 Jahre jünger
Im vergangenen Jahr ergab sich aus spezifischen Fragestellungen innerhalb der Berliner Altersstudie, dass Menschen über 70 Jahre sich durchschnittlich 13 Jahre jünger fühlten, als sie es tatsächlich waren. Dieses Gefühl der Probanden änderte sich im Laufe der über sechsjährigen Teilstudie nicht grundsätzlich. Allerdings nahm die Differenz zwischen dem tatsächlichen und dem im Spiegel wahrgenommenen Alter ab, und auch die Lebenszufriedenheit sank.
„Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zwischen der Einschätzung, jünger zu sein und jünger auszusehen, als es dem tatsächlichen Lebensalter entspricht, und der Lebenszufriedenheit im Alter“, erläutert die Entwicklungspsychologin Anna Kleinspehn-Ammerlahn vom MPI für Bildungsforschung. „Wir haben erste Hinweise darauf, dass die Selbsteinschätzung des Alters mit der verbleibenden Lebenserwartung zusammenhängt.“
Lebenszufriedenheit und Lebenserwartung
Dass ein offenkundiger Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und der noch bevorstehenden Lebensspanne besteht, ist ein weiteres Ergebnis der längsschnittlichenStudie. Die Analyse der psychologischen Befragungen aus über 12 Jahren ergab 2008, dass bei Hochbetagten eine stark abnehmende subjektive Zufriedenheit mit dem Leben oft auf den nahenden Tod hinweist.
Sprecher und Mitherausgeber der Berliner Altersstudie ist der Entwicklungspsychologe Ulman Lindenberger, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Mitglied der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“. Er ist einer der führenden Köpfe der kognitiven Alternsforschung und wurde kürzlich mit dem Leibniz-Preis 2010, dem wichtigsten deutschen Forschungsförderpreis, ausgezeichnet.
Drei weitere Mitglieder der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ haben an der Berliner Altersstudie mitgewirkt: die Medizinerin Elisabeth Steinhagen-Thiessen, ärztliche Direktorin am Evangelischen Geriatriezentrum Berlin und Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité, der Ökonom Gert G. Wagner, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, und die Psychologin Ursula M. Staudinger, Vizepräsidentin der Jacobs University.
Die Berliner Altersstudie
Herausgegeben von Ulman Lindenberger, Jacqui Smith, Karl Ulrich Mayer und Paul B. Baltes
3. erweiterte Auflage 2010
Akademie Verlag, 69,80 Euro
Die Berliner Altersstudie (BASE) wurde 1989 von der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Altern und gesellschaftliche Entwicklung“ (AGE) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften initiiert. Seitdem führen verschiedene Berliner Institutionen das Projekt in Kooperation durch.
Bis Ende 1998 wurde die Studie durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und die beteiligten Institutionen getragen. Seit 2008 wird sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung kofinanziert.
