Menschen altern unterschiedlich in Europa
Von Miriam Buchmann-Alisch
Die meisten älteren Europäer fühlen sich fit. Rund ein Drittel der über 50-Jährigen bewertet die eigene Gesundheit mit „gut“. Dabei fallen allerdings schon im Vergleich zweier Nachbarländer große Unterschiede ins Auge: Die Deutschen halten sich insgesamt für kränker als sie sind, die Dänen dagegen für gesünder. Das ist nur ein kleiner Einblick in die Ergebnisse der europäischen Datenerhebung „Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE)“, die vor Kurzem in die dritte Etappe ging.
„Wir möchten detaillierte Informationen über die individuellen Lebensverläufe von Europäern erhalten, mit denen wir die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf das individuelle Verhalten besser beleuchten können“, erklärt Axel Börsch-Supan, Koordinator von SHARE. Bereits die beiden ersten Erhebungswellen förderten interessante Ergebnisse zutage. „Viel stärker als gedacht waren die Nord-Süd-Unterschiede“, sagt Börsch-Supan. „Beispielsweise zeigte sich, dass die Dänen eine kürzere Lebenserwartung haben als die Italiener. Allerdings fühlen sich die Dänen im Alter kerngesund, die Italiener sich dagegen sehr viel kränker – und sind es oft auch.“
Das Projekt nahm bislang die Alterungsprozesse von 45.000 Befragten unter die Lupe. „Die gewonnenen Daten stehen ausschließlich Wissenschaftlern zur Verfügung“, erklärt Börsch-Supan. „Wir haben mittlerweile etwa 1.300 Nutzer weltweit, darunter Sozialwissenschaftler, Ökonomen, Mediziner, Statistiker und Politikwissenschaftler.“
Untersucht wird auf der einen Seite, wie die Menschen ihre Lebenssituation mit zunehmendem Alter individuell erleben: wie sie sich finanziell aufs Alter vorbereiten, wie sie die Phase der Rente angehen, wie sie mit ihrer Gesundheit umgehen. Zum anderen geht es um den gesellschaftlichen Prozess: Wie reagieren die Menschen auf den demographischen Wandel, auf das veränderte wirtschaftspolitische Umfeld?
Welchen Stellenwert die Fürsorge innerhalb der Familie einnimmt, ist ein weiteres Merkmal, in dem sich die Nord-Süd-Unterschiede manifestieren. „Die familiären Bindungen sind beispielsweise in Skandinavien vergleichsweise stark ausgeprägt“, erläutert Börsch-Supan. „Aufgrund der hohen Frauenerwerbstätigkeit kümmern sich viele Großeltern intensiv um ihre Enkel.“ Umgekehrt zeigte sich, dass Menschen in Skandinavien ihren alternden Eltern meist freiwillig, aber sporadisch helfen, während die Menschen in südlicheren Gefilden die Pflege der eigenen Eltern eher als Pflicht begreifen, der sie aber häufig intensiv nachgehen. Unter anderem lassen sich solche Unterschiede auf unterschiedliche Angebote an öffentlichen sozialen Dienstleistungen zurückführen.
Die am Projekt beteiligten Länder wollen die nationalen Befragungen zur gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Situation von Menschen über 50 bis zum Jahr 2025 finanzieren und dabei die Zahl der Befragten deutlich erhöhen. Das bekräftigten sie in einem Memorandum. Das Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und demographischer Wandel (MEA) koordiniert das SHARE-Projekt, an dem sich 14 Länder der Europäischen Union sowie Israel und die Schweiz beteiligen.
Das BMBF wird zusätzlich zu den in Deutschland anfallenden Kosten die Mittel für den gemeinsamen organisatorisch-technischen Rahmen und für die Koordination des europäischen Verbundes tragen. Die Europäische Union wird weiterhin zentrale Aufgaben wie die Softwareentwicklung in neuen SHARE-Ländern finanzieren.
