„Technik entlastet den älteren Menschen“
Von Miriam Buchmann-Alisch
Der demografische Wandel birgt für unser Leben und die Pflege der älter werdenden Gesellschaft große Anforderungen. Hilft uns dabei die Technik, und inwieweit bestimmt sie heute und zukünftig unser Leben? Auf der Podiumsdiskussion „Mensch und Technik – Wie werden wir im Alter leben?“ am 15. Oktober in Berlin, veranstaltet von ZEIT WISSEN, erläuterte Elisabeth Steinhagen-Thiessen neben anderen Experten, was der Einsatz von Technik im Leben älterer Menschen heute und künftig bewirken kann.
„In 30 Jahren werden ältere Menschen mit sehr viel Technik umgeben sein“, sagte Steinhagen-Thiessen. „Sie werden in einer völlig anderen Umgebung leben als heute.“ Sie ist Ärztliche Direktorin am Evangelischen Geriatriezentrum Berlin und leitet seit 1990 die interdisziplinär zusammengesetzte Forschungsgruppe Geriatrie der Charité. Zur Veranschaulichung hatte sie einen breiten Gürtel umgeschnallt, der ein bisschen nach Motorradgurt aussah. Vorne ein Klettverschluss, hinten Batterie und hochsensible Sensoren. „Er dient dazu, die Bewegungsmuster unserer Patienten aufzuzeichnen. Wir möchten damit Sturzgefahren schon in der Frühphase erkennen und behandeln“, erklärte sie. „Wenn die Daten beispielsweise eine Verschlechterung der Balance zeigen, sagt uns dies, dass jemand sturzgefährdet ist.“
Eingesetzt wird der Gürtel unter anderem in der Berliner Altersstudie, einem Forschungsprojekt, das umfassende Gesundheitsdaten von mehr als 2.000 Berliner Bürgern erhebt. Steinhagen-Thiessen berichtete auch von einem weiteren Projekt, an dem sie mit ihrer Forschungsgruppe beteiligt ist – der Allianz „SmartSenior – Intelligente Dienste und Dienstleistungen für Senioren“. Diese Forschungsinitiative hat zum Ziel, vielfältige Assistenzsysteme zu entwickeln, die Menschen künftig darin unterstützen, auch in höherem Alter gesund und selbstbestimmt leben zu können.
Grundlegend dafür ist Mobilität – dazu gehört auch das Automobil. Es soll technisch für ältere Fahrer aufgerüstet werden. Sensoren erspüren Unsicherheiten des Fahrers künftig möglicherweise bereits an dessen Pulsschlag. Solche Assistenzsysteme könnten bei einem Notfall auch selbstständig einspringen. Falls der Fahrer einen Herzinfarkt bekommt, übernimmt das System die Steuerung und stoppt das Fahrzeug sicher am Straßenrand. „Denkbar wäre es auch, wahlweise Module zuzuschalten, die der einzelne Mensch braucht, zum Beispiel eine Art Armbanduhr, die über die Gesundheit wacht.“ Mit solchen telemedizinischen Innovationen wäre auch für eine schnellstmögliche Versorgung eines Unfallpatienten gesorgt: Denn mikroskopisch kleine Sensoren in diesem intelligenten Armband würden Puls, Blutdruck und Temperatur des Trägers messen und die Daten an eine Servicezentrale weiterleiten. Bei einem Notfall könnte ein GPS-Chip dabei helfen, den Fahrer zu orten. Noch sind diese Entwicklungen Zukunftsmusik, aber schon in wenigen Jahren werden durch das Projekt SmartSenior konkrete Ergebnisse erwartet.
„Medizin bei älteren Menschen ist eine hochindividualisierte Medizin“, erklärte Steinhagen-Thiessen. Technische Geräte können die Gewohnheiten und Vorlieben der Nutzer „erlernen“ und sie bei Bedarf unterstützen. Je nachdem, was der Mensch benötigt, kann er mit mehr oder weniger persönlicher und technischer Assistenz weiter in vertrauter Umgebung wohnen.
Den Einwand, dass alte Menschen meist gar nichts mit Technik zu tun haben wollen, hatte sie bereits als Mitglied der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ widerlegt. Drei Jahre intensiver Forschung hatten im Gegenteil den Erweis erbracht, dass auch sehr alte Menschen Technik gerne nutzen, wenn sie ihnen den Alltag erleichtert und ihnen dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen. Viele ältere Menschen können schon heute dank technischer Unterstützung weiter ihren eigenen Haushalt führen und sich in ihrem außerhäuslichen Umfeld besser zurechtfinden. Dadurch steigt die Lebensqualität, oft die der gesamten Familie. Technik kann die Auswirkungen alterungsbedingter Einbußen und Einschränkungen vermeiden, hinauszögern, ausgleichen und abschwächen, indem sie bestimmte Fähigkeiten trainiert, Alltagskompetenzen unterstützt und Vitalfunktionen überwacht.
Als Beispiel nannte Steinhagen-Thiessen die Computertrainings in ihrem Klinikum. Nach erstem vorsichtigen Herantasten im neuropsychologischen Training sei die Scheu der Patienten vorm Computer regelmäßig verflogen: „Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber nach den ersten Stunden sind sie ganz scharf darauf und wollen unbedingt wieder damit arbeiten.“
Außerdem ist Technik für Menschen mit körperlichen Einschränkungen ein Tor zur Welt – immer mehr ältere Erwachsene nutzen das Internet. In einem Forschungsprojekt hatte Steinhagen-Thiessen erprobt, was Telemedizin und Telereha für Menschen bedeutet, die krankheitsbedingt ans Haus gebunden sind. 13 ältere Menschen, die unter eingeschränkter Mobilität litten, und deren Angehörige wurden mit Laptops und Webcams ausgestattet, die Videokonferenzen ermöglichten – sowohl zwischen den Teilnehmern und medizinischem Fachpersonal als auch zwischen den Teilnehmern untereinander. Die Patienten wurden beobachtet und regelmäßig besucht. Jeden Mittwoch wurde damit zudem übers Internet eine Selbsthilfegruppe versammelt. Statt dass die sozialen Kontakte abnahmen, wurden es mehr. „Jeden Mittwochnachmittag ging da die Post ab“, erzählte sie begeistert. „Sie bestellten vorher auch den Friseur nach Hause, weil man ja nicht schlecht frisiert vor der Kamera sitzen wollte.“
Natürlich bleibt der Ärztin trotz aller Technikbegeisterung bewusst, dass Technik persönliche Kontakte nicht ersetzen kann. Und in ihrem eigenen Krankenhaus muss täglich der Spagat vollführt werden, dass es auf der einen Seite viele Menschen gibt, denen Rehabilitierung wieder zu einem selbstbestimmten Leben verhilft, und auf der anderen Seite solche, die sich an ihrem Lebensende befinden. „Dort muss man natürlich loslassen und etwas ganz anderes tun“, sagte sie. An ihrem Klinikum gibt es dafür ein Pflegewohnheim mit biographiebezogener individueller Bezugspflege rund um die Uhr.
(Bild oben, Quelle: ZEIT WISSEN)
Altern und Gesundheit, Band 7 der Reihe „Altern in Deutschland“
