Das Leben als Tanz

Im klassischen Tanz ist die Karriere meist mit Ende Dreißig zu Ende. Tänzerische Improvisation ist viel länger möglich –und sie verwandelt das Altern in eine Forschungsreise.    

Anna Halprin mit 90 Jahren

Anna Halprin mit 90 Jahren

Martha Graham war 75 Jahre alt, als sie im Jahr 1969 ihre letzte eigene Tanzvorstellung gab, Mary Wigman verabschiedete sich mit 56 Jahren als Solotänzerin von ihrem Publikum und zeitgenössische Choreografinnen wie Anna Halprin (96; auf dem Foto mit 90 Jahren) und Simone Forti standen zuvor viele Jahre lang selbst auf der Bühne. Was diesen Protagonistinnen des modernen Tanzes gelang – umjubelte Auftritte im fortgeschrittenen Alter –, ist im klassischen Tanz die große Ausnahme. Eine Ballettkarriere endet in der Regel mit Ende Dreißig, wenn der Körper nicht mehr mitspielt und die Kraft nachlässt.

Wo andere aufhören, fängt die Tänzerin, Choreografin und Tanzwissenschaftlerin Susanne Martin an. Wie niemand sonst auf ihrem Gebiet rückt sie das Thema Altern in den Mittelpunkt. Die in Berlin lebende Künstlerin steht seit ihrer Kindheit auf der Bühne und denkt gar nicht ans Schlussmachen: „Ich werde tanzen, solange es geht und es mich interessiert“, sagt die 48-Jährige, die in Essen, an der Folkwang Universität, an der Rotterdam Dance Academy und am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin ausgebildet wurde. Kürzlich erschien ihre Studie „Dancing Age(ing)“, mit der sie an der Middlesex University London promovierte.

In der als Buch veröffentlichten Untersuchung beschreibt die Künstlerin, wie es professionellen Tänzern gelingen kann, ihren Beruf ein Leben lang auszuüben. Der Königsweg ist demnach die Improvisation. „Sie hat sich im modernen Tanz als eine besonders alternsfreundliche Arbeitsweise bewährt“, sagt Susanne Martin. Die Technik erlaube es Tänzern, ihre körperlichen Grenzen in der Bewegung zu erkunden, sie in die Darstellung mit einzubeziehen und dabei zu allgemein wertvollen Erkenntnissen zu gelangen. „Ich kann mich im Improvisieren selbst zum Forschungsprojekt machen“, bringt es die Tanzkünstlerin auf den Punkt. Sie setzt dabei auf „practice as research“ (auch „artistic research“ genannt, auf Deutsch etwa: künstlerische Forschung), eine kulturwissenschaftliche Methode mit angelsächsischer Tradition.  In Deutschland, berichtet Susanne Martin, spreche sich der Ansatz erst allmählich herum.

Ihre eigenen Improvisationen führen die Vielschichtigkeit des Alter(n)s vor Augen. So fordert die Tänzerin im Stück „The Fountain of Youth“ (deutsch: Der Jungbrunnen) das Publikum zunächst auf, mit ihr diverse Fitnessübungen zu machen. Dann setzt sie sich eine graue Perücke und eine Altersmaske auf und verfremdet die zuvor eingeübten Bewegungen, um schließlich in wildem Tanz zu Musik der 1970er-Jahre über die Bühne zu brettern. In einer anderen Tanzszene denkt sie laut über die seltsame Verwandtschaft von freier Soloimprovisation und Demenz nach: Es geht um die Orientierung in Raum, Zeit und sozialen Gefügen und die fällt hier wie dort schwer. In der ironisch gefärbten Schlussszene versucht Susanne Martin den Zuschauern ihre „Doc Martin Forever Young Meta Methode“ schmackhaft zu machen. Dabei stellt sie ein paar Anregungen für die individuelle Wohnzimmerpraxis vor (siehe unten) und setzt diese auch gleich tänzerisch um, indem sie Sekt schlürfend durch bunte Lichteffekte hüpft.  

Was ist jung? Was alt? Und wo beginnt das Altern? Um solche Fragen gehe es ihr, sagt Susanne Martin: „Ich will ein Bewusstsein für die Ambiguität des Alterns wecken.“ Etwa indem sie sich Masken mit faltigen Gesichtern und eine graue Perücke aufsetzt: Werden ihre Bewegungen jetzt anders wahrgenommen? Sind es noch die gleichen Bewegungen wie vorher ohne Maske? Und wie sieht das Publikum die Figur der exaltierten Alten? Ist das lustig, cool, peinlich oder alles zusammen?

Susanne Martin„Ich trage viele Alter in mir“, sagt Susanne Martin, wenn sie von ihrer Arbeit  erzählt. In dem Stück „The Fountain of Age“ mimt sie eine betagte Tänzerin. Sie berichtet ihrem Publikum von einem Traum, in dem sie im Alter von 75 Jahren mit einer Retrospektive früherer Altenstücke berühmt wird. „Erst in diesem Alter werde ich das Ineinanderfließen von Kunst und Leben, von Künstlichkeit und Authentizität bestmöglich verkörpern können“, prognostiziert die Tanzwissenschaftlerin.

Bis dahin will Susanne Martin noch oft auf der Bühne stehen und als Dozentin jungen Leuten die Kunst der Tanzimprovisation vermitteln. Oder bei wissenschaftlichen Konferenzen ihren Zugang zu Altern und Alter vorstellen, wie beispielsweise beim Kongress 2017 des European Network in Aging Studies (ENAS) in Graz.

„Im Tanz steckt viel Wissen über das Leben“, sagt Susanne Martin. In der Bewegung zeige sich sehr schnell, was im Hier und Jetzt möglich sei und was nicht. Statt das Unmögliche zu betrauern, setzt sie auf die Improvisation, die immer wieder neue Wege im Umgang mit dem eigenen Körper eröffnet. „Ich kann das alles auf der Bühne anregen“, sagt Susanne Martin.  „Um es aber wirklich zu verstehen, muss man selbst tanzen.“

Von Lilo Berg

Wohnzimmerpraxis:

1. Ändere Deinen Look. Suche in Deinen Schränken und ziehe etwas Ungewöhnliches an.

2. Sei Deiner Zeit voraus. Verpasse Dir künstlich eine Grauhaarfrisur – die Perücke ist im Doc-Martin-Paket inbegriffen.

3. Benutze die Droge Deiner Wahl.

4. Kontextualisierung ist essentiell: Experimentiere mit Design und Lichteffekten um Dich herum.

5. Lege eine Musik auf, die Dir Spaß macht – es gibt keine Peinlichkeitsgrenze.

6. Führe jede Bewegung aus, die Dir in den Sinn kommt; nutze jede Technik, die Dir heute zur Verfügung steht. Every movement is a movement.

Literatur:

Susanne Martin: Dancing Age(ing) – Rethinking Age(ing) in and through Improvisation Practice and Performance, transcript Verlag, Bielefeld 2017

Links:

Homepage von Susanne Martin mit Auftrittsterminen

Stücke von Susanne Martin (Trailer):

https://vimeo.com/142264906

https://vimeo.com/130871033

Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin

European Network in Ageing Studies (ENAS)

Foto Startseite: © Lars Åsling, Vorstellung des Solos "The Fountain of Youth" 2013 in Göteborg

Fotos oben: (Halprin) Shawn 2010 via Flickr https://flic.kr/p/8UEfar (CC BY-NC 2.0); (Forti) Jason Underhill [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons; (Martin) William Gillingham-Sutton 2015