Das Alter wird immer jünger

Verblüffende Zugewinne in der geistigen Leistungsfähigkeit und im Wohlbefinden – doch das Potential wird noch nicht ausreichend genutzt

Für alle, die das Älterwerden mit Sorge betrachten, haben Berliner Forscher jetzt eine gute Nachricht: Ihrer groß angelegten Untersuchung zufolge sind ältere Menschen heute im Vergleich zu Gleichaltrigen vor zwanzig Jahren geistig fitter und glücklicher mit ihrem Leben.

Denis Gerstorf (Foto: Hoffotografen)

Denis Gerstorf (Foto: Hoffotografen)

Die gemessenen Unterschiede seien erstaunlich groß, berichtet der Erstautor Denis Gerstorf, Entwicklungspsychologe an der Humboldt-Universität: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass 75-Jährige mit Blick auf ihre geistigen Leistungen derzeit im Mittel fast zwanzig Jahre jünger sind als 75-Jährige in den frühen 1990er-Jahren.“ Die in deutschen Medien bereits viel beachtete Studie ist gerade in der US-Fachzeitschrift Psychology and Aging erschienen.

Neben dem Zugewinn an kognitiver Leistungsfähigkeit ist der neuen Untersuchung zufolge auch das Wohlbefinden deutlich gestiegen. Beides sei von großer Bedeutung für die Lebensqualität im Alter, sagt Ulman Lindenberger, Direktor am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Dort war zusammen mit Psychologen, Medizinern, Genetikern, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern aus anderen Berliner Forschungseinrichtungen mit der in den frühen 1990er-Jahren vorgenommenen Berliner Altersstudie (BASE) die Grundlage für viele nachfolgende Untersuchungen geschaffen worden. Die aktuelle Studie zum Beispiel vergleicht Daten von BASE-Teilnehmern mit denjenigen von 708 passend ausgewählten Teilnehmern aus der Nachfolgestudie BASE II, die vor Kurzem abgeschlossen wurde.

Körperliche Fitness erlaubt selbstständiges Leben

Zu erklären seien die auffälligen Verbesserungen vermutlich durch günstigere soziokulturelle Bedingungen, etwa ein allgemein höheres Bildungsniveau, heißt es in der Studie. Zum gesteigerten Wohlbefinden könnten auch die bessere körperliche Fitness und die damit verbundene höhere Selbstständigkeit im Alter beitragen.

Die frappierenden Zugewinne auf eine generelle Verlangsamung des Alterungsprozesses zurückzuführen, wäre nach Ansicht von Denis Gerstorf jedoch verfehlt. „Wir gehen eher davon aus, dass der Beginn von Verlusterfahrungen in höhere Altersstufen verschoben ist.“ Dafür sprechen Ergebnisse aus Gerstorfs eigenen Untersuchungen, aber auch Studien von Kollegen, die die letzten Lebensjahre in den Blick nehmen. Sie lassen vermuten, dass es nach einem eindrucksvollen Zuwachs an gesunden Lebensjahren, der bis ins neunte Lebensjahrzehnt reichen kann, zu einem deutlichen Nachlassen von Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden kommt. Irgendwann stoße man eben an natürliche Grenzen, sagt Gerstorf und fügt hinzu: „Die Abbauprozesse am Lebensende scheinen im Vergleich zu früher heute sogar noch stärker ausgeprägt zu sein.“  

Bundespräsident Gauck: Wer will, sollte länger arbeiten

Welche Faktoren im Einzelnen zu der beobachteten Verjüngung beitragen, wie weit sich die negativen Folgen des Alters hinausschieben lassen und wo die Grenzlinie verläuft – das alles sollte in künftigen Untersuchungen geklärt werden, regen die Berliner Forscher an. Doch schon jetzt sei überzeugend nachgewiesen, über welch erstaunliche Reserven ältere Menschen verfügen. Das belegen zahlreiche internationale Studien, wie sie etwa die deutschen Wissenschaftsakademien in ihren Empfehlungen „Gewonnene Jahre“ zusammengefasst haben. In einer zugleich fördernden wie auch fordernden Umwelt seien weitere Steigerungen durchaus möglich, ergänzt Psychologieprofessor Gerstorf: „Noch werden die vorhandenen Potentiale gesellschaftlich zu wenig genutzt.“

Dieser Ansicht ist offenbar auch der Bundespräsident. In einer Rede zu den „neuen Altersbildern“, die Joachim Gauck kürzlich in Berlin hielt, forderte er vielfältigere Möglichkeiten für Menschen, die länger arbeiten wollen. Es müsse ein rechtlicher Rahmen für flexiblere Übergänge zwischen Erwerbsleben und Ruhestand geschaffen werden, etwa durch Teilzeitarbeit. Gauck berief sich dabei auf die Befunde der Altersforschung und sprach von einem „Hochplateau“, einer früher sehr seltenen Lebensphase, in der persönliches Fortkommen und sogar Neuorientierung möglich seien. Wer könnte das glaubwürdiger vertreten als der Bundespräsident selbst? Im Januar wurde er 75 Jahre alt.

 

Von Lilo Berg

 

­­Weiterführende Informationen:

Gerstorf, D., Hülür, G., Drewelies, J., Eibich, P., Düzel, S., Demuth, I., Ghisletta, P., Steinhagen-Thiessen, E., Wagner, G. G., & Lindenberger, U. (in press). Secular changes in late-life cognition and well-being: Towards a long bright future with a short brisk ending? Psychology and Aging

Informationen zu den Berliner Altersstudien (BASE, BASE II)

Die Empfehlungen der Akademiengruppe Altern „Gewonnene Jahre“

Foto Startseite: CC0 Public Domain