Bis ins Alter auf eigenen Füßen

Nach der Babypause kehren viele Frauen nur teilweise oder gar nicht mehr in den Beruf zurück. Das Finanzielle überlassen sie weitgehend dem Partner. Was aber, wenn die Beziehung in die Brüche geht, fragt Renate Schmidt. Die frühere Bundesfamilienministerin hat ein flammendes Plädoyer für die materielle Unabhängigkeit von Frauen verfasst. Bei einer Lesung in Berlin stellte sie ihr Buch vor.    

Als Renate Schmidt mit der Schule fertig war, wurden junge Frauen  Verkäuferin oder gingen ins Büro – bis sie heirateten. So war es in Westdeutschland vor fünfzig Jahren üblich. Heute haben viele Frauen eine gute Ausbildung und stehen finanziell auf eigenen Beinen. Doch die Zahl derjenigen, die sich auf einen Versorger verlassen, nehme seit einiger Zeit wieder zu, beklagte die langjährige SPD-Politikerin kürzlich im Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA).

Renate Schmidt

Renate Schmidt

Mit ihrem Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“, das sie zusammen mit der Münchener Finanzberaterin Helma Sick geschrieben hat, will Schmidt Frauen vor diesem Irrweg bewahren.

Ihnen soll es nicht ergehen wie zum Beispiel Melanie. Die junge Betriebswirtin heiratet den Juristen Thomas, das Paar bekommt drei Kinder, die Melanie betreut – sie bleibt auf Wunsch ihres Mannes zu Hause. Kurz nach ihrem 55. Geburtstag kommt der Schock: Er habe eine schwangere Freundin, sagt Thomas, er wolle die Scheidung. Einen Ehevertrag, der Melanie finanziell absichern würde, gibt es nicht, auf Unterhalt von Thomas kann sie nicht zählen und eine Rückkehr in den Beruf ist nach der langen Unterbrechung schwierig. Die Altersarmut scheint vorgezeichnet zu sein: Als Rentnerin bleiben Melanie wohl nicht viel mehr als 850 Euro im Monat.

Ein Einzelschicksal ist das keineswegs. „Die meisten Deutschen wünschen sich eine lebenslange Partnerschaft“, sagte Renate Schmidt in Berlin, „und doch werden knapp vierzig Prozent der Ehen geschieden, in Großstädten sind es sogar fünfzig Prozent.“ Immer noch schlössen viele junge Menschen den Bund fürs Leben, ohne zu wissen, was das für ihre finanzielle Zukunft bedeutet. Schmidt: „Unter den 18- bis 29-Jährigen weiß kaum jemand, was ein gesetzlicher Güterstand oder ein Ehevertrag ist.“ Und nach wie vor schlitterten junge Frauen reichlich unbedarft in die finanzielle Abhängigkeit vom alleinverdienenden Ehemann – auch wenn es in Umfragen heißt, dass 90 Prozent von ihnen eine  gleichberechtigte Partnerschaft und eigenes Geld anstreben.

Die Hausfrauenehe sei nicht nur waghalsig für die betroffene Frau, sagte Renate Schmidt – „wir alle werden dadurch ordentlich zur Kasse gebeten.“ Im Buch wird das am Beispiel eines Paares durchgerechnet. In dreißig Ehejahren kommen demnach durch Ehegattensplitting, Krankenmitversicherung und Ansprüche auf Witwenrente rund 500 000 Euro zu Lasten des Steuerzahlers zusammen.

Auch das kostenfreie Studium der Frau, dem keine Erwerbstätigkeit folgt, geht auf die Rechnung der Gesellschaft. Da sei etwas aus den Fugen geraten, findet Renate Schmidt: „Fachkräfte werden überall dringend benötigt, dabei sitzen viele von ihnen zu Hause.“

Oder sie sind nur stundenweise berufstätig. So wies die DZA-Wissenschaftlerin Laura Romeu Gordo in einem begleitenden Vortrag auf die unvermindert hohe Teilzeiterwerbsquote von Frauen (2014: 37 Prozent) im Vergleich zu Männern (2014: 9 Prozent) hin. Dazu komme die Bevorzugung frauentypischer Berufe, die in der Regel schlechter bezahlt seien. Beides zusammen ergibt, so Romeu Gordo, nicht nur ein ausgeprägtes Lohn-, sondern auch ein starkes Rentengefälle: „Frauen erhalten im Schnitt nur die Hälfte der Rente, die Männern ausbezahlt wird.“ Ihr Fazit: Trotz besserer Ausbildung bleiben Frauen weiterhin finanziell abhängig, entweder vom Mann oder vom Staat.

Erwerbsquote; Deutsches Zentrum für Altersforschung/ OECD 2015[Grafik: Erwerbsquote, Quelle: Deutsches Zentrum für Altersforschung/ OECD 2015]

Damit es in Zukunft besser wird, unterbreiten Renate Schmidt und Helma Sick eine ganze Kaskade von Empfehlungen. Auf politischer Ebene fordern sie die Abschaffung von Ehegattensplitting, beitragsfreier Krankenversicherung und Witwenrente. Arbeitgeber sollten Wege finden, ihren Beschäftigten mehr Zeit für die Familie einzuräumen. Vieles hänge jedoch von den Frauen selbst ab, heißt es in dem Buch. Nur über ungleiche Bezahlung im Job zu jammern, helfe nicht, sagte Renate Schmidt bei der Lesung: „Wir müssen solidarisch dagegen ankämpfen – aber oft vermisse ich den Schulterschluss mit anderen Frauen.“

Wenn sie gefragt werde, gebe sie jungen Frauen oft folgende Ratschläge: „Arbeiten Sie nicht in einem Minijob, behalten Sie ein eigenes Konto und legen Sie Ihren Sparvertrag keinesfalls still, nur weil sie in einer festen Beziehung leben.“ Entscheidend sei es, finanzielle Vereinbarungen mit dem Partner zu treffen und diese in einem Vertrag festzuhalten. Er sollte geschlossen werden, solange die Liebe noch jung sei, empfahl Schmidt. Aber ist das nicht unromantisch? Darauf die frühere Ministerin: „Lieber heute unromantisch als morgen arm.“

Von Lilo Berg

 

Zur Person

Renate Schmidt kam 1943 in Hanau/Main zur Welt. Von 1961 bis 1980 arbeitete sie als Programmiererin, Systemanalytikerin und Betriebsrätin in einem großen Versandunternehmen. Von 2002 bis 2005 war sie im Kabinett Schröder Bundesfamilienministerin. Im Jahr 2009 beendete sie ihre politische Karriere und ist seither in vielen ehrenamtlichen Funktionen tätig. Renate Schmidt ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. 

Buch:

Helma Sick, Renate Schmidt: Ein Mann ist keine Altersvorsorge – Warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen so wichtig ist, Kösel Verlag, München 2015, 16,99 Euro, ISBN: 978-3-466-34594-6

Foto Startseite: james goodman 2012 via Flickr https://flic.kr/p/bTYLPc mit Lizenz CC BY-NC-ND 2.0