Babyboomerinnen ziehen Bilanz

Sie wuchsen auf mit dem Versprechen von Freiheit und Gleichberechtigung, erhielten eine gute Ausbildung und starteten voller Elan ins Berufsleben. Den Frauen der geburtenstarken Jahrgänge boten sich Chancen, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Seither sind rund fünfzig Jahre vergangen und die Babyboomerinnen blicken auf das Erreichte zurück: Was hat ihnen der große Aufbruch tatsächlich gebracht?

„In vielen Fällen ist es ein Rentenbescheid von unter 600 Euro im Monat“, schreiben die Berliner Journalistinnen Christina Bylow, Jahrgang 1962, und Kristina Vaillant, Jahrgang 1964, in ihrer kämpferischen Bilanz „Die verratene Generation“. Christina Bylow stellte die Kernthesen des Buchs bei einer Lesung im Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) vor.

Autorin und Journalistin Christina Bylow

Autorin und Journalistin Christina Bylow

Verraten wurden Millionen Frauen demnach von „Vater Staat“, der seinen Töchtern zuerst große Freiheiten versprach und sie dann mit einer rückständigen Familienpolitik im Stich ließ. Denn entweder wurden die Babyboomerinnen im Beruf jäh ausgebremst, wenn sie Kinder bekamen, oder aber sie blieben gleich kinderlos. Wenn hin und wieder eine Kollegin schwanger geworden sei, erzählte Christina Bylow aus ihrem früheren Redaktionsleben, dann sei sie bald auf Nimmerwiedersehen verschwunden. „Chefredakteurinnen und deren Stellvertreterinnen hatten jedoch niemals Kinder.“

Aufgerieben zwischen Kind und Beruf

Die Journalistinnen hätten ihren Posten mit Nachwuchs vermutlich auch nur schwer halten können. Für sie gab es weder Elternzeit noch Elterngeld, kaum Kitaplätze und so gut wie keine Ganztagsschulen. Kinderbetreuung war privat zu regeln, galt lange als Gedöns und blieb – konfrontiert mit einer Generation „scheinemanzipierter“ Männer (Bylow) – meist an den Frauen hängen. „Doch die wenigsten waren einfach Hausfrau und Mutter, viele haben sich aufgerieben zwischen Kind und Beruf – und tun es noch“, schreiben die Autorinnen. 

Die Zumutungen, so fordern sie, sollten endlich beim Namen genannt werden, forderte Christina Bylow bei der Lesung. Zu lange habe  man über eine in Deutschland besonders drastische Lohungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen geschwiegen. „Und zu lange haben wir uns ein katastrophales Betreuungswesen für unsere Kinder gefallen lassen.“ Auch das neue Unterhaltsrecht und die Rentenreform benachteiligten die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge – der große Aufschrei darüber sei bisher jedoch ausgeblieben. Die Quittung für das Wegschauen komme irgendwann in Form des Rentenbescheids: „Was als Aufbruch in die Gleichberechtigung begonnen hat“, sagte Christine Bylow, „wird für viele Frauen in Altersarmut enden.“

Eine Studie öffnete die Augen

Das zu erkennen brauchte auch bei den beiden Autorinnen Zeit. Ihr Erweckungserlebnis hatten sie bei der Lektüre einer Studie der Politologin Barbara Riedmüller. Sie zeigt, dass mehr als vierzig Prozent der Frauen, die zwischen 1962 und 1966 in den alten Bundesländern geboren sind, mit einer erschreckend geringen gesetzlichen Rente rechnen müssen – den besagten 600 Euro oder sogar noch weniger.

Unter den gleichaltrigen Frauen aus der DDR haben nur zwanzig Prozent derart karge Aussichten – die meisten von ihnen waren fast durchgehend in Vollzeit berufstätig, während ihre Kinder betreut wurden. „Mit der Wahrheit über die Renten ist die Gleichberechtigungs-Lüge, der die westdeutschen Frauen dieser Generation aufgesessen sind, endgültig aufgedeckt“, schreiben Bylow und Vaillant in ihrem Buch. Der Verrat sei nun in Zahlen festgeschrieben.

Langjährige Teilzeitbeschäftigung, oft im Niedriglohnsektor: Das sei die Hauptursache für die Magerrenten der Babyboomer, sagte Julia Simonson, die stellvertretende Institutsleiterin und Chefin der Forschungsabteilung, in einem Koreferat. „Der Mann arbeitete Vollzeit, die Frau verdiente in Teilzeit etwas hinzu“, so beschrieb die Wissenschaftlerin das klassische Rollenmuster der Babyboomer. Doch weil sich immer mehr Paare trennten, funktionierte bei ihnen die althergebrachte Absicherung über den Partner nicht mehr. Und zu allem Übel sank auch noch das allgemeine Rentenniveau.

In der Forschung verstehe man unter dem Begriff „Babyboomer“ die geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis etwa 1965 in Westdeutschland, sagte Simonson. Sie seien in relativ gesicherten Verhältnissen aufgewachsen und dank der Bildungsexpansion habe erstmals in Deutschland eine ganze Frauengeneration eine gute Ausbildung erhalten. In der DDR habe es einen vergleichbaren Babyboom nicht gegeben.

Gut gestimmt und gesund

In Gänze verraten sei diese Generation jedoch nicht, sagte die DZA-Forscherin – dafür seien die Lebensläufe viel zu heterogen, die immateriellen Gewinne zu groß. So sei die Lebenszufriedenheit der Babyboomer hoch, wie man aus Befragungen wisse, und auch ihre Gesundheit bewerteten die meisten als gut oder sehr gut. Viele verfügten über tragfähige soziale Netzwerke. Simonson: „Was wir noch nicht wissen, ist, wann diese Generation in Rente geht und wie viele Frauen und Männer sich dann ehrenamtlich weiter engagieren.“

An diesem Punkt wagte Christine Bylow eine Prognose. Bei  möglicherweise zwei Millionen von Altersarmut betroffenen Frauen gebe es wenig Spielraum für Ehrenämter: „Die Frauen haben keine Zeit dafür, sie müssen sich etwas hinzuverdienen.“

 

Von Lilo Berg

 

Literatur:

Christina Bylow, Kristina Vaillant: Die verratene Generation – Was wir Frauen in der Lebensmitte zumuten, Pattloch Verlag, München 2014, ISBN 978-3-629-13048-8

Barbara Riedmüller, Ulrike Schmalreck: Die Lebens- und Erwerbsverläufe von Frauen im mittleren Lebensalter. Wandel und rentenpolitische Implikation, Freie Universität Berlin 2012

Veranstaltungshinweis:

Am Donnerstag, 3. März, 17:30 bis 19:00 Uhr, liest die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt im Deutschen Zentrum für Altersfragen aus ihrem neuen Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“. Die Veranstaltung ist kostenfrei. Es wird um Anmeldung gebeten bei Beate.Schwichtenberg@dza.de. Weitere Informationen

Foto Startseite: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0407-015 / CC-BY-SA 3.0