Altes Europa – von wegen

Achtzig Jahre: Was früher als biblisches Alter galt, ist heute die durchschnittliche Lebenserwartung von Europäern. Doch was fangen Schweden und Spanier, Georgier und Deutsche mit den gewonnenen Jahren an? Welche Ziele, welche Träume haben sie? Und sind sie zufrieden oder doch eher unglücklich? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die sehenswerte Foto-Ausstellung über Europas neue Alte in Berlin.

Alt? Davon will Francisek nichts hören. Der 84-Jährige sitzt mit seiner Frau Fanika am Küchentisch eines schönen Bauernhofs inmitten der slowenischen Steiermark. „Wir sind nicht alt – wir leben schon lange“, sagt Francisek in tadellosem Deutsch. Tag für Tag arbeitet er vier bis fünf Stunden auf den Obstplantagen, im Weinberg oder im Stall, wo er sich um das Milchvieh kümmert. Es ist ein Mehrgenerationenbetrieb, in den nun auch zwei Enkeltöchter eingestiegen sind. Aber das noch lange kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen, erzählen die Großeltern ihrem Gast, der deutschen Fotografin Gabriele Kostas.

„Dass wir uns kennengelernt haben, war ein wunderbarer Zufall“, berichtet Kostas. Eigentlich hatte sie sich mit den Nachbarn verabredet, doch das Treffen kam wegen einer plötzlichen Erkrankung nicht zustande. Sie solle doch ein paar Häuser weiter anklopfen, riet man ihr, und so landete sie in der Küche von Francisek und Fanika.

Dokumentiert hat Kostas diese Begegnung ebenso wie viele weitere Besuche bei Europäern zwischen 65 und 97 Jahren in Bildern und Texten. Dass die alten Menschen darin nur bei ihrem Vornamen genannt werden, macht sie besonders nahbar. Die Foto-Essays sind bis Anfang 2017 im Museum Europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem ausgestellt und zudem vollständig in einem mit viel Hintergrundinformation angereicherten Begleitband versammelt. 

 

Beliebt beim Publikum

„Uns geht es darum, die große Bandbreite des Alterns darzustellen und die Menschen in ihrem Alltag zu zeigen“, sagt Gabriele Kostas und wenn sie von „wir“ spricht, meint sie die enge Zusammenarbeit mit Irene Ziehe. Die Kulturanthropologin und Kuratorin ist im Museum Europäischer Kulturen zuständig für die Serie „Europabilder“, die vor drei Jahren mit Porträts europäischer Jugendlicher startete. Gleich danach habe man mit den Vorbereitungen zur aktuellen Schau begonnen, berichtet Ziehe: „Und sie hat interessanterweise noch mehr Resonanz als die Jugend-Ausstellung.“

Das besondere öffentliche Interesse führt die Kuratorin auch auf den Mangel an ansprechenden, authentischen Bildern von betagten Menschen zurück. Bisher widmen sich nur wenige Ausstellungen dieser Thematik, darunter die vielbeachtete Schau „Neue Bilder vom Alter(n)“ der Wissenschaftsakademie Leopoldina im Jahr 2010.  

Einen frischen Blick auf das Alter gestatten auch die Fotos von Gabriele Kostas. Ihre Europäerinnen und Europäer sind mindestens 65 Jahre alt und somit im klassischen Rentenalter. Sie kommen aus verschiedenen Berufen und sozialen Schichten, aus der Stadt und vom Land. Manche leben allein, andere mit dem Partner, mit Kindern und Enkeln oder auch im Heim. Wie kommt ein so buntes Kaleidoskop zustande? „Zuerst habe ich mich im Freundeskreis umgehört“, berichtet Kostas. Binnen kurzem erhielt sie viele Zusagen: von Nachbarn im brandenburgischen Bad Belzig, von Bekannten in Frankreich, Spanien und Portugal, aber auch von bislang unbekannten Menschen aus ganz Europa, die ihr vermittelt worden waren.

Ein Spätberufener erzählt

Den 72jährigen Mönch Hegumen Ilia zum Beispiel lernte Kostas über die georgische Botschaft kennen. Sandro, so hieß der Ordensmann in seinem früheren Leben als Politiker und überzeugter Kommunist, hatte sich erst nach dem Tod seiner Frau entschieden, ins Kloster zu gehen. Damals war er 66 Jahre alt. Heute ist Vater Ilia Vorsteher einer orthodoxen Bruderschaft und ein viel beschäftigter Mann. Mit seinem früheren Leben hat der Mönch gebrochen und doch sieht er Parallelen. Die Essenz der kommunistischen Ideologie beruhe auf christlicher Philosophie – aber auch auf dem Irrglauben, dass sich Gott auf die Erde verlagern lasse. Ein Kurswechsel sei immer möglich, sagt der Spätberufene: „Weder von Gottes Seite noch von menschlicher Seite wurde ein Alter festgelegt, um Mönch zu werden.“

Eine starke Energie durchzieht viele Geschichten, die diese Ausstellung erzählt. Wolf, der 72jährige Hirnforscher aus Frankfurt, arbeitet intensiv an einer neuen Theorie der Erkenntnis. Der 67jährige Belgier Michel betreibt in seiner Villa in Portugal eine sehr beliebte  Pension. Die 94jährige Berlinerin Ilse produziert einen Lehrfilm, um ihre Kenntnisse der Handweberei und Töpferei an künftige Generationen weiterzugeben. Die Pariserin Nicole – sie ist 76 Jahre alt und hat lange in der DDR gelebt – übersetzt mit großer Leidenschaft deutschsprachige Literatur ins Französische.

Ingemar, 73 Jahre, Schweden. Das Motorrad, um Freiheit zu erleben. © Gabriele KostasIngemar, 73 (Foto), hat sich eine Harley-Davidson zugelegt und cruist so oft er kann durch seine mittelschwedische Heimat. Und der 90jährige Anton lebt nach einem harten Arbeitsleben als Landwirtschaftsgehilfe in einem brandenburgischen Seniorenwohnheim. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, er hatte mehrere kleine Schlaganfälle und kann sich nur noch mithilfe eines Rollators fortbewegen. Und doch ist er dankbar für jeden neuen Tag und will mindestens 95 Jahre alt werden.

Paradoxe Zufriedenheit

Wie man sich im Alter fühlt, hängt offenbar nicht davon ab, ob man krank oder gesund ist. Das zeigen die Antworten in den Fragebögen, die Gabriele Kostas und Irene Ziehe den Porträtierten vorlegten. Bei fast allen erreicht die Lebenszufriedenheit im Alter Spitzenwerte – auch wenn die Lebensumstände Außenstehenden vielleicht nicht optimal erscheinen. Das entspricht dem aus der sozialwissenschaftlichen Forschung bekannten Zufriedenheitsparadox: Nach einer oftmals großen Zufriedenheit im Kindes- und Jugendalter sinkt die Kurve in den mittleren Jahren deutlich ab, um im sechsten Lebensjahrzehnt allmählich zu steigen – nicht selten auf hundert Prozent im hohen Alter.      

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Fragebogenstudie: Keiner der Porträtierten empfindet sich selbst als alt. Viele von ihnen haben jedoch eine sehr konkrete Vorstellung davon, was Altsein bedeutet: „Wenn die Augen nicht mehr funkeln“, sagt Wolf. Und Anton meint: „Wenn jemand nicht mehr gut erzählen und selbstständig essen kann.“

„Man muss keine Angst vor dem Alter haben“, das ist eine Erkenntnis, die Gabriele Kostas aus dem Projekt mitnimmt. Für Europas neue Alte tue sich nach dem 65. Geburtstag keineswegs ein Nichts auf, es gehe vielmehr mit beeindruckender Vitalität und Kreativität weiter. Wichtig für das Wohlbefinden sei eine Aufgabe, aber auch gesellschaftliche Anerkennung – weil man die Enkel betreut, im Beruf bleibt oder ein Ehrenamt übernimmt. Was ihr das Projekt noch gezeigt hat? „Alle Befragten sind stolze Europäer – etwas anderes als ein Europa ohne Grenzen wollen sie sich gar nicht mehr vorstellen.“

 

Von Lilo Berg

Ausstellung: Europas neue Alte – Ein foto-ethnografisches Projekt, Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin, Arnimallee 25, 14195 Berlin, noch bis 26. Januar 2017.

Begleitbuch:

Gabriele Kostas, Irene Ziehe: Europas neue Alte – Ein foto-ethnografisches Projekt / Europe’s New Oldsters – A Photo-ethnographic Project (durchgehend zweisprachig), Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin 2016, 25 Euro, ISBN: 978-3-89479-960-1

Begleitprogramm für Erwachsene und Kinder (Beispiele):

Echt alt? – Öffentliche Führung am 22.Oktober, 15:30 Uhr, Museum Europäischer Kulturen
Was bedeutet „Alter“?: Kinder und Großeltern im Gespräch – Workshop am 23. Oktober, Beginn 14:00 Uhr, Museum Europäischer Kulturen

Foto Startseite: Ilse, 94 Jahre, Deutschland. „Wer etwas weiß, der soll es weitergeben“. © Gabriele Kostas

Fotos oben: Ingemar, 73 Jahre, Schweden. Das Motorrad, um Freiheit zu erleben. / Hegumen Ilia, 72 Jahre, Georgien. © Gabriele Kostas