Alternde Gesellschaften können geistig leistungsfähiger sein

Menschen in verschiedenen Regionen der Welt altern auf unterschiedliche Weise. Wissenschaftler des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) im österreichischen Laxenburg plädieren daher dafür, bei den ökonomischen Zukunftsperspektiven eines Landes nicht nur das Lebensalter, sondern vielmehr die geistige Fitness der Bevölkerung zu berücksichtigen.

© Simon Bierwald für Stiftung Mercator

© Simon Bierwald für Stiftung Mercator

Gemeinhin wird angenommen, der demografische Wandel sei eine Belastung für die Gesellschaft und verursache zwangsläufig höhere Kosten – beispielsweise durch die Pflege alter Menschen, altersbedingte Krankheiten und einen reduzierten sozioökonomischen Beitrag von Älteren.

Aber wie aussagekräftig ist die rein chronologische Altersstruktur einer Gesellschaft in Bezug auf diese Probleme – und ist es überhaupt sinnvoll, verschiedene Gesellschaften auf Grundlage eines eindimensionalen Indikators in Benchmarks zu vergleichen?

Eine von Wissenschaftlern des World Population Programs des IIASA veröffentlichte Studie stellt die Fokussierung auf die chronologische Altersstruktur in Frage. Insbesondere bezweifelt das Forscherteam um Vegard Skirbekk, dass entsprechende Indikatoren dazu geeignet sind, Schlussfolgerungen über zu erwartende Konsequenzen aus der Bevölkerungsalterung zu ziehen und Antworten auf die daraus resultierenden Probleme zu finden.

 

Standardisierter Indikator für geistige Fitness

Die Wissenschaftler vertreten stattdessen den Ansatz, mit einem standardisierten Indikator die kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen in verschiedenen Gesellschaften zu erfassen. Auf Grundlage einer umfangreichen vergleichenden Datenanalyse stellten sie fest, dass die geistigen Fähigkeiten in den Ländern besser sind, in denen Bildungs-, Ernährungs- und Gesundheitsstandards allgemein höher sind. So sind Menschen der Generation 50+ in Nord- und in Mitteleuropa sowie in den USA kognitiv wesentlich fitter als gleichaltrige Personen in Indien, China oder Mexiko. „Es gibt einen klaren kausalen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau eines Menschen und seiner geistigen Fitness“, erklärt Skirbekk.

Die Studie offenbart, dass Gesellschaften, in denen die kognitiven Fähigkeiten der Älteren höher sind, „funktional“ viel jünger sein können als Nationen, in denen der Anteil der Älteren zwar geringer, die geistige Fitness aber schlechter ist. „Indien beispielsweise ist eine der jüngsten Nationen weltweit, ist aber effektiv älter“, erläutert Skirbekk. Durchschnittlich sei beispielsweise ein 60-jähriger Inder in kognitiver Hinsicht so alt wie ein 80-jähriger US-Amerikaner. Dies sei unter anderem auf die hohe Zahl von Analphabeten und eine schlechtere Gesundheitsversorgung in Indien zurückzuführen.

 

Leistungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses spielt entscheidende Rolle

Neben anderen Parametern wurde vor allem auch die Leistungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses gemessen, da dieses beim Erlernen neuer Arbeitsabläufe oder bei der Lösung komplexer Probleme eine entscheidende Rolle spielt. Die vergleichende Datenanalyse lässt laut Skirbekk effektivere Rückschlüsse über Kosten und Belastung des demografischen Wandels zu als die Fokussierung auf die chronologische Altersstruktur. Wenn die Bevölkerung „funktional“ jünger ist, ist auch die ökonomische Belastung für eine chronologisch alternde Gesellschaft geringer.

Eine wesentliche Konsequenz dieses Perspektivwechsels betrifft auch die Politik. Die Verbesserung und der Erhalt der kognitiven Fähigkeiten erfordern langfristig ausgerichtete Investitionen und Veränderungen in der Bildungspolitik. Dies betrifft auch den Lebenswandel der Menschen.

Die Studie beruht auf der Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten von Personen über 50 Jahre aus städtischen und ländlichen Gebieten in 19 Ländern. Sie basiert auf internationalen vergleichbaren Daten aus der English Longitudinal Study of Aging (ELSA), der Health and Retirement Study (HRS), einer Studie der World Health Organization (WHO) über globales Altern und Gesundheit im Erwachsenenalter (SAGE) und dem Survey of Health, Aging and Retirement in Europe (SHARE).

 

Miriam Buchmann-Alisch

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Weiterführende Informationen:

Variation in cognitive functioning as a refined approach to comparing aging across countries