Altern zwischen Freiheit und Leistungsdruck

So viele vitale, attraktive, unternehmungslustige Senioren wie heute gab es noch nie. Sie verändern das Altersbild der Gesellschaft – weg von Krankheit und Abhängigkeit hin zu Aktivität und Selbstbestimmung. Die Potentiale des Alters sind verblüffend und noch längst nicht ausgeschöpft, heißt es aus der Wissenschaft. Doch übertreiben wir es nicht manchmal mit den Erwartungen an die letzte Lebensphase?

Titelbild "Schöne Aussichten!" von Ursula Markus

Titelbild "Schöne Aussichten!" von Ursula Markus

Tendenzen einer Überforderungskultur seien bereits sichtbar, etwa im Gesundheitsbereich, sagte Gabriele Doblhammer-Reiter kürzlich bei der gut besuchten neunten Denkwerkstatt Demografie in Berlin. Die Direktorin am Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels hatte Journalisten und Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesundheitsinstitutionen zu einer Diskussion über das Altern zwischen Selbstbestimmung und Leistungsdruck eingeladen. Es sei an der Zeit innezuhalten, um den weiteren Kurs zu bestimmen, so das Plädoyer von Gabriele Doblhammer-Reiter: „Denn aus der Freiheit, aktiv und selbstbestimmt altern zu dürfen, kann der Zwang erwachsen, aktiv und gesund altern zu müssen.“ Wer dem neuen Paradigma nicht entspreche, gerate dann leicht in die Gefahr, als Versager abgestempelt zu werden.

Die ehemalige Ballerina, die noch im hohen Alter und mit eiserner Disziplin ihre eigene Ballettschule führt, eine Großmutter, die neben ihrer Enkelin sitzt und sich Lippenstift aufträgt – mit Fotos aus dem beeindruckenden Bildband „Schöne Aussichten!“ illustrierte Martina Kumlehn von der Universität Rostock ihren Impulsvortrag. Gekonnt schärfte die Religionspädagogin den Blick für die in den Aufnahmen enthaltene Ambivalenz zwischen moderner Freiheit und neuen Zwängen: Sind die roten Lippen der alten Dame Ausdruck nun selbstbewusster Weiblichkeit oder verfällt sie damit einem allgemeinen Jugendwahn?

Raum schaffen für Sinnfragen

Die Antwort überließ Martina Kumlehn ihrem Publikum. Ihr war es wichtig, auf den zunehmenden Zwang zur Selbstoptimierung aufmerksam zu machen, auch im Bereich des lebenslangen Lernens. Denn die Verheißung möglicher Entwicklung bis ins hohe Alter setze die Menschen unter Druck, immer Neues lernen zu müssen, um gesellschaftlich nicht ins Abseits zu geraten. Dabei habe Bildung im Alter oft mehr mit der Frage nach dem Lebenssinn und der Bedeutsamkeit des eigenen Wirkens zu tun. Für solche Selbstreflexion Räume und Angebote zu schaffen, sei von großer Bedeutung, sagte die Rostocker Wissenschaftlerin: „Es geht darum, was der Mensch noch will angesichts dessen, was er noch kann.“

Dabei sei der Wunsch, anderen zu helfen, in keiner Lebensphase so ausgeprägt wie im hohen Alter, sagte Eric Schmitt im zweiten Impulsreferat. Schmitt – er ist stellvertretender Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg – sieht in der sogenannten Generativität, dem Bedürfnis also, nachfolgende Generationen zu unterstützen, ein großes Potential. Insgesamt, so Schmitt, würden die Möglichkeiten des Alters nach wie vor stark unterschätzt, vor allem mit Blick auf das sehr hohe Alter. Auch bei der Prävention von Alterungsprozessen seien noch längst nicht alle Chancen ausgereizt.

Aber auch wenn es zu Erkrankungen komme und die Leistungsfähigkeit abnehme, sei ein produktives Leben möglich, sagte Eric Schmitt. Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit könne zu neuen Einsichten über das menschliche Leben und zu mehr Verständnis für andere Menschen führen. „Auch die Verletzlichkeit des hohen Alters ist ein Potential – daraus kann eine Haltung entstehen, an der sich nachfolgende Generationen orientieren können“, sagte der Heidelberger Gerontologe.

Ehrenamt muss eigenen Interessen entsprechen

Für die praktische Umsetzung böten sich zum Beispiel Erzählcafés, Schulprojekte und Mehrgenerationenhäuser an, hieß es bei der Diskussion im Anschluss an die Vorträge. Überhaupt sei die Bereitschaft zum freiwilligen Einsatz bei älteren Menschen stark ausgeprägt. Angeführt wurden Daten der letzten Altersstudie des Generali-Zukunftsfonds von 2013, wonach bereits die Hälfte der 65- bis 85-Jährigen ehrenamtlich tätig ist. Fast 20 Prozent aus dieser Altersgruppe würden sich demnach gern noch mehr engagieren. Dabei sei es wichtig, betonte Eric Schmitt, dass das Ehrenamt den eigenen Interessen entspreche. Auch gesellschaftliche Anerkennung sei ein bedeutender Faktor: etwa in Form einer Ehrenamtskarte, mit der etliche Bundesländer freiwillige Arbeit durch Vergünstigungen im Kulturbereich, bei Sportveranstaltungen oder in Geschäften honorieren.

So positiv die Aufbruchsstimmung sei, sagte Martina Kumlehn, so wichtig sei es realistisch zu bleiben: Mit einem Ehrenamt seien schließlich auch Verpflichtungen und Festlegungen verbunden, die im Alter nicht immer verlässlich eingehalten werden könnten.

Mit der Regelaltersgrenze hat der Gesetzgeber einen automatischen Schutz vor beruflicher Überforderung im Alter geschaffen. Soll sie bestehen bleiben oder, wie es zuweilen gefordert wird, künftig entfallen? Für einen vollständigen Wegfall konnten sich die Referenten nicht erwärmen, für eine Flexibilisierung aber durchaus. Jeder habe das Recht auf Ruhestand und, falls gewünscht, auch auf Ruhe im Ruhestand.

 

Von Lilo Berg

Weiterführende Informationen:

Ursula Markus und Paula Lafranconi: Schöne Aussichten! Über Lebenskunst im hohen Alter, 2007, Verlag Schwabe, ISBN 978-3-7965-2309-0

Webseite des Rostocker Zentrums zur Erforschung des demografischen Wandels:

www.rostockerzentrum.de