Altern zuhause - neue Wege: Teil 1 Kommunalpolitik

Aufsuchende Altenarbeit

Eine Möglichkeit, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern, bietet das Modellprojekt „Aufsuchende Altenarbeit – Hausbesuche“. Es wurde 2008 in Bremen ins Leben gerufen und wird mit Sozialarbeitern und ehrenamtlichen Mitarbeitern umgesetzt. Zentrales Ziel ist es, ältere Menschen enger in das gesellschaftliche Leben in ihrem Stadtteil einzubinden. „Niemand verlässt seine gewohnte Umgebung leichten Herzens, schon gar nicht, wenn man über Jahrzehnte in seiner Nachbarschaft verwurzelt ist“, sagt Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen, die das Projekt gestartet hatte. Nachdem die Projektarbeit der ersten Jahre ausgewertet war und ein Evaluationsbericht vorlag, soll das Projekt nun verstetigt und weiter ausgebaut werden. Es habe bewiesen, dass alte und hilfebedürftige Menschen sich mit ein wenig Unterstützung Lebensqualität erhalten und neue Lebensfreude hinzugewinnen können.

Vernetzung, Information und Kooperation unterschiedlicher Dienstleister

Die „aufsuchende Altenarbeit“ beginnt mit einem ersten Hausbesuch, bei dem ein hauptamtlicher Mitarbeiter über das Projekt informiert und die individuellen Wünsche der jeweiligen Senioren ermittelt. Was sich daraus ergibt, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab: Dies können Informationen über Angebote im Stadtteil sein, beispielsweise Nachbarschaftshilfen, ein Hausnotruf oder ein Menüdienst. Eine weitere Möglichkeit der aktiven Einbindung Älterer ist die Vermittlung von Besuchs- oder Begleitdiensten. Zudem kann die Teilnahme an Veranstaltungen organisiert werden, bei Bedarf mit Begleitung und/oder Fahrdienst. Um diese Angebote realisieren zu können, lag ein Fokus des Projekts auch auf der Vernetzung, Information und Kooperation unterschiedlicher Dienstleister im jeweiligen Stadtteil.

Aus der begleitenden wissenschaftlichen Evaluation des Modellprojekts „Aufsuchende Altenarbeit – Hausbesuche“ geht hervor, dass die meisten der rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über 70, viele über 80 Jahre alt sind und allein im eigenen Haushalt leben. Unter vielen anderen Gesichtspunkten wurde die Häufigkeit sozialer Kontakte zu Angehörigen, Freunden, Ärzten, Nachbarn, Pflege- und Sozialdiensten, Betreuern, Nachbarschaftshilfen und Kirchengemeinden erfragt. Die meisten der Befragten gaben hierbei an, sehr selten Kontakt zu Freunden zu haben – fast jeder Sechste seltener als einmal im Monat. So wundert es nicht, dass am häufigsten Besuchsdienste vermittelt wurden – für die Betroffenen ist es einfach wichtig, jemanden für eine Unterhaltung oder für ein Gesellschaftsspiel um sich zu haben. Mobilitätseinschränkungen tragen zur sozialen Isolation bei.

Deutlich wurde auch, dass Mobilitätseinschränkungen für die soziale Isolation vieler der besuchten Senioren eine wichtige Rolle spielen. Sehr häufig angefragt wurde daher die Begleitung bei Wegen außer Haus, beim Spazierengehen und Einkaufen, bei Arztbesuchen oder gesellschaftlichen Veranstaltungen. In Ausnahmefällen konnte vorübergehend auch eine sehr enge Begleitung mit täglichen Besuchen organisiert werden, etwa beim Übergang vom Krankenhaus zu einer Pflegeeinrichtung oder im Falle fortschreitender Demenz. Daneben wurden anhand der Bedürfnisse der Nachbarschaften verschiedene Veranstaltungen entwickelt oder der Kontakt zu bereits bestehenden Angeboten hergestellt: Treffen mit Migranten-Gruppen, eine Werder-Gruppe für Fußballfans mit Besuchen im Stadion, gemeinsames Kochen, ein Nostalgiekino, ein Adventscafé, Stadtteilspaziergänge, eine Infoveranstaltung der Polizei, eine Gesprächsgruppe zum Verarbeiten von Kriegserlebnissen sowie Ausflugsfahrten in Einkaufszentren, in den Rhododendron- und Bürgerpark sowie in den Tiergarten.

Ein wichtiges Fazit des Evaluationsbericht lautet: „Der Kontakt und die Erfahrung mit den Projekten und den Angeboten vermitteln den Probanden ein Gefühl von Sicherheit in dem Sinn, dass jemand da ist, den sie auch zukünftig in schwierigen Situationen ansprechen können und der sie bei der Lösung von Alltagsproblemen unterstützt.“ Die Kosten des Modellvorhabens tragen die „Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen“ sowie der Bremer Fonds für Innovation und Strukturverbesserung. Umgesetzt wird es derzeit in den Stadtteilen Hemelingen und Obervieland. Die Neuausschreibung ist inzwischen abgeschlossen, als zusätzlicher Stadtteil ist Gröpelingen hinzugekommen, ein Stadtteil mit hohem sozialen Unterstützungsbedarf.

Miriam Buchmann-Alisch

 

Weitere Informationen zum Modellversuch „Aufsuchende Altenarbeit – Hausbesuche in Bremen“

Evaluationsbericht zum Modellversuch „Aufsuchende Altenarbeit/Hausbesuche“ durch das Zentrum für Pflegeforschung und Beratung Hochschule Bremen

Ähnliche Projekte gibt es auch in anderen Städten, einige Beispiele:

München

Regensburg

Ravensburg

Dresden

Jena

Lesen Sie auch: Altern zuhause – Neue Wege (Teil 2: Senioren-Assistenten)

Altern zuhause – Neue Wege (Teil 3: Anwohnerinitiative „Ritas Nachbarn“)

Drittes und Viertes Lebensalter

Beschreibt die Altersgruppen etwa von 65 bis 80/85 Jahren bzw. der Über-80- bzw. 85-Jährigen, auch Hochaltrige genannt. Begriff orientiert sich an den parallel lebenden Generationen (erstes Lebensalter: abhängige Phase der Kindheit und Jugend; zweites Lebensalter: junge und mittlere Erwachsene). Die steigende Lebenserwartung ist heute vor allem auf Zuwächse in diesen  höheren Altersgruppen zurückzuführen. Anders war das vor 100 Jahren: damals verbesserten sich die Überlebenschancen vor allem der Neugeborenen, Kinder und Jugendlichen. 

Selbstständig, hilfs- und pflegebedürftig

Pflegebedürftigkeit ist altersunabhängig. Sie wird durch das Sozialgesetzbuch definiert als täglich benötigte Unterstützung bei der Grundversorgung (Ernährung, Körperpflege), die mindestens 90 Minuten umfasst. Personen, die in ihrem Alltag Hilfe benötigen oder auch Pflege, können dennoch in der Lage sein, selbstständig zu leben. Neun von zehn alten Menschen wohnen privat; drei Viertel der privat Lebenden brauchen keine regelmäßige Pflege. Auch bei den 85-Jährigen sind nur ein Fünftel pflegebedürftig und rund ein Drittel hilfsbedürftig.