Altern zu Hause - neue Wege: Teil 3 Anwohnerinitiative

Leben zusammen, nicht nur nebeneinander: "Ritas Nachbarn". © Ritas Nachbarn

Teil 3: Anwohnerinitiative „Ritas Nachbarn“

Ein innovatives generationenübergreifendes Projekt ist die Anwohnerinitiative „Ritas Nachbarn“, die 2008 von engagierten Bewohnern der etwa 500 Familien umfassenden Rita-Bardenheuer-Straße in Bremen gegründet wurde. „Wir wollten das Zusammenleben im Quartier stärken“, erzählt Ernst Klatte, einer der Initiatoren. Ein zentraler Aspekt besteht in gegenseitiger Hilfestellung in vielen Lebenslagen. Diese kann darin bestehen, einem Nachbarn bei der Suche nach einer neuen Wohnung, bei der Pflege eines Agehörigen oder im Haushalt zu unterstützen oder sich um professionelle Hilfe zu kümmern. 

Ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Projekt, das auf die Idee und Initiative von „Ritas Nachbarn“ zurückgeht, war der Umbau eines in die Jahre gekommenen Spielplatzes zu einem offenen Mehrgenerationenplatz, der im Sommer 2012 eingeweiht wurde. „Unter dem Motto ‚von 9 bis 99’ sollten hier Jung und Alt zusammenkommen“, erklärt Klatte. „Auf den früher menschenleeren Spielplatz strömen nun Eltern mit ihren Kindern und auch die Älteren.“

Um den Bedürfnissen aller Generationen optimal gerecht zu werden, wurde für die Planung ein Arbeitskreis gebildet, dem auch die Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Monika Fikus von der Universität Bremen angehörte. Mit einer Bürgerbefragung im Rahmen einer Open-Space-Veranstaltung wurde die Struktur des Platzes ermittelt. So entstand unter anderem ein deutschlandweit einmaliges drei Meter hohes Kletter- und Balanciergerüst, das zwei Ebenen bietet: oben ein Hochseilgarten für die Kinder, unten auf einer Höhe von etwa 20 Zentimetern dasselbe für Senioren. Die spielerischen Übungen auf flexibel verketteten Holzbrettern sollen die Balance stärken und somit auch der Sturzprävention dienen. 

Die Idee dazu entstand durch eine vorherige Simulation in einer Turnhalle. Die Sportwissenschaftlerin stellte dort kleine Spielmöglichkeiten und alternativ daneben Fitnessgeräte auf. „Unsere Frage war, was die Anwohner wirklich draußen nutzen wollen. Das Ergebnis war verblüffend“, erzählt Fikus. „Je älter die Senioren waren, desto lieber wollten sie spielen. Insbesondere Balancieren war stark gewünscht.“ Dieser spielerische Aspekt war später auch leitend für die Planung einer Hochschaukel für Kinder und Erwachsene. Zudem gibt es ganz normale Sitzbänke, die demnächst mit Pedalen zum Training von Muskulatur und Hüfte bestückt werden. 

„Studien haben gezeigt, dass Aktivität im Alter generell sehr wichtig ist. Es ist wesentlich wertvoller, immer in Bewegung zu sein als beispielsweise ein Mal pro Woche intensiv zu trainieren“, erklärt Fikus. „Die Bewegung kann ruhig moderat sein, die Dauerhaftigkeit ist wichtiger.“ Ihre Vision wäre es, „Städte so zu gestalten, dass sie die Menschen auffordert, hier und da aktiv zu werden, damit Bewegung im öffentlichen Raum zu einem Stück Alltagskultur wird.“ 

Ergänzend wurde auf dem Mehrgenerationenplatz eine Fläche für Tai Chi und Qi-Gong eingerichtet, die auch vom nahe gelegenen Sportverein genutzt wird. Berücksichtigt wurden auch die Bedürfnisse eines benachbarten Blindenheims, indem Hochbeete mit Duftpflanzen zum Riechen, Fühlen und Schmecken angelegt wurden. 

Finanziert wurde das Projekt mit öffentlichen Mitteln der Stadt Bremen und aus Spenden, die die Arbeitsgruppe eingeworben hat. 

Zudem organisieren „Ritas Nachbarn“ zahlreiche Veranstaltungen, bei denen sie auf das Engagement der Bewohner zurückgreifen. Dazu gehören gemeinsame Radtouren und Wanderungen, Spieleabende, ein regelmäßig stattfindender „Parlamentarischer Sonntag“ sowie Vorträge zu Kultur, Musik und Wissenschaft. Und einmal im Monat kommen rund 20 Nachbarn zusammen, um am Sonntag gemeinsam zu frühstücken.

„Früher kannten manche Wohnungsnachbarn sich kaum beim Namen. Jetzt kennen sich die meisten Nachbarn untereinander“, sagt Ernst Klatte. „Wir sind sozusagen ein kleines Dorf geworden.“

Miriam Buchmann-Alisch

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