"Altern ist keine Krankheit"

„Weltweisheit“ lautet der Titel eines Projekts, das beim 13. Internationalen Literaturfestival Berlin im Rahmen des „Wissenschaftsjahres 2013 – Die demografische Chance“ initiiert wurde und ein literarisches wie auch wissenschaftliches Panorama von „Kulturen des Alterns“ eröffnen soll. Bei der Auftaktveranstaltung, die am 3. September 2013 im Haus der Berliner Festspiele stattfand, wurde der mehrfach preisgekrönte Forscher Prof. Christian Behl zu den naturwissenschaftlichen Aspekten des Alterns befragt.

Für das Projekt lud das Literaturfestival zehn internationale Schriftsteller und Journalisten ein, über ihre persönlichen Erfahrungen und über den Umgang mit dem Alter in ihren Kulturen zu sprechen und eigens für das Projekt verfasste literarische Texte vorzutragen. Des Weiteren wurden führende deutsche Altersforscher eingeladen, um das „literarische Panorama von Altersbildern“ durch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu erweitern. Für die Diskussionen zwischen Autoren und Altersforschern schrieben die Veranstalter Themen wie „Lebensqualität im Alter“, „Kreativität im Alter“, „Emotion und Alter“ auf die Agenda: „So sollen Forschung und Wissenschaft erlebbar gemacht und die gesellschaftliche Debatte über Herausforderungen und Chancen des demografischen Wandels bereichert werden.“

Der zur Auftaktveranstaltung eingeladene Wissenschaftler musste dem prall gefüllten Auditorium zunächst sein Forschungsgebiet erläutern. Behl ist seit 2003 Direktor des Instituts für Pathobiochemie der Universitätsmedizin an der Universität Mainz. Die Pathobiochemie untersucht die Veränderung der biochemischen Vorgänge im menschlichen Körper während einer Krankheit. Der immer noch weit verbreiteten Annahme, dass die fortgeschrittene Lebensphase ein pathologisches Phänomen sei, widersprach der Wissenschaftler gleich zu Beginn: „Altern ist keine Krankheit, Altern ist ein physiologischer Prozess. Wenn wir den Alterungsprozess auf die neurobiologische Ebene, also auf die Funktion von Nervenzellen beziehen, dann können wir eigentlich sagen, dass das menschliche Gehirn schon mit 20 Jahren zu altern beginnt.“ Beobachtbar sei dabei, dass die sogenannten synaptischen Verzweigungen „in ihrer Dynamik abnehmen“. Insofern sei Altern vor allem auch als ein dynamischer Prozess zu betrachten.

Einige Leistungen verbessern sich im Alter

Der Prozess des Alterns beginne bei Menschen in relativ jungen Jahren. Im Laufe des Alterns gäbe es „viele abnehmende Funktionen“, umgekehrt aber auch „einige Leistungen, die sich verbessern, wie beispielsweise das Merken oder Verbinden von Wörtern.“ Um diese verbesserte Leistungsfähigkeit zu illustrieren, verwies Behl auf die ästhetische Schöpfungskraft: „Es gibt zahlreiche Beispiele von Künstlern, die gerade im hohen Alter erst ihre großen Werke produziert haben. Dabei spielt natürlich die Lebenserfahrung eine ganz große Rolle.“ Einen Erfahrungszuwachs könne man auch auf der zellulären Ebene wissenschaftlich messen. So könne man in Zellen sehen, „was sie Zeit ihres Lebens für Eiweiße, was sie für genetische Programme angehäuft haben“ und dadurch die Zunahme an Erfahrung „biochemisch abbilden“.

Behl vertrat die Auffassung, dass das maximale Lebensalter biologisch determiniert sei. Für die Spezies Mensch liege es bei ungefähr 120 bis 130 Jahren. „Ich glaube, die mittlere Lebenserwartung wird sich an die maximale Lebenserwartung annähern, aber diese kann nicht überschritten werden“, erklärte er.

Behl nahm damit in einer wissenschaftlichen Kontroverse eine traditionelle Position ein. Demografen wie James Vaupel vom Max-Planck-Institut in Rostock argumentieren dagegen, dass eine solche Obergrenze ein Mythos sei. Gäbe es eine maximale Lebenserwartung, müsste sich auch der Anstieg der Langlebigkeit bei den besonders Hochbetagten abschwächen. Dies sei aber weder im Ländervergleich noch innerhalb einer Bevölkerung der Fall. Zudem sei das Altern als biologischer Prozess sowohl beim Menschen als auch in Modellorganismen wie Hefebakterien oder der Fruchtfliege enorm veränderlich, und die gegenwärtigen Lebensbedingungen hätten einen großen Einfluss auf die Sterberaten.

Mögliche Lebensverlängerung durch kalorische Restriktion

Als Beispiel für ein sehr hohes Alter erwähnte der Mainzer Forscher Behl die 1997 im Alter von 122 Jahren verstorbene Südfranzösin Jeanne Calment, die bis zu ihrem Ende mit „geistiger und körperlicher Fitness“ gelebt hätte.

Um möglichst lange zu leben, empfahl Behl, die eigene Ernährung zu überdenken: „Man kann wirklich etwas tun. Man muss beispielsweise an die kalorische Restriktion denken. Keiner von uns wird dabei hungern.“ Die lebensverlängernde Wirkung einer dauerhaften kalorischen Restriktion wurde bei mehreren Tierarten wissenschaftlich dokumentiert.

Behl verwies auf ein Experiment mit zwei Gruppen von Rhesusaffen. Bei der ersten Fraktion wurde die Kalorienzufuhr permanent um 30 Prozent reduziert. Die zweite Affenclique durfte nach Belieben fressen. „Diese Kolonie hatte eine deutlich geringere Lebensspanne, das war eindeutig messbar“, erklärte der Forscher. Der Grund dafür läge darin, dass die erste Gruppe „einfach gesünder“ gewesen sei. In diesem Zusammenhang sei auch eine verminderte Fettaufnahme von Bedeutung: „Veggie-Day ist ja fast schon wieder ein Unwort – aber Vegetarier leben einfach gesünder.“ Für die Zufuhr von tierischen Eiweißen gab der Naturwissenschaftler folgende Empfehlung: „Zwei Mal pro Woche Fisch, einmal pro Woche Fleisch.“

Für ein sehr hohes Lebensalter können allerdings weder eine vegetarische Lebensweise, noch ein erhöhter Fischkonsum, noch eine beständige Kalorienrestriktion eine Garantie bieten. Neben der Ernährung können auch körperliche Bewegung, soziale Gemeinschaft und Umweltbedingungen bedeutsame Einflussfaktoren sein. Auch das Genom spielt für die Lebenserwartung eines Individuums eine gewisse Rolle. Tendenzen seien dadurch für jedes Individuum ermittelbar: „In der eigenen familiären Historie kann man schon ungefähr sehen, in welche Richtung es geht.“

Miriam Buchmann-Alisch

Weiterführende Informationen:

Internationales Literaturfestival Berlin
Programmsparte „Weltweisheit - Kulturen des Alterns“

Biografie von Jeanne Calment und anderen Super-Alten (pdf)

James Vaupel / Kristin von Kistowski 2005: Der bemerkenswerte Anstieg der Lebenserwartung und sein Einfluss auf die Medizin. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 48:586–592. (pdf)
Oeppen J, Vaupel JW (2002): Broken limits to life expectancy. Science 296:1029–1031.

Bildnachweis Startseite: Besucher stehen beim Literaturfestival an © Tina Brüser