Alter zum Draufdrücken

Ideenmangel, Lethargie und negative Vorurteile – die Ausstellung EY ALTER nimmt all das aufs Korn und lädt zu einer Entdeckungsreise in die eigene Zukunft ein.

Der Ex-Regierende Klaus Wowereit ist 64, kann sich aber auch mit 21 anfreunden und die sportliche 38-Jährige neben ihm fühlt sich seit Kurzem wie elf. Das verkünden große Plakate an den Bauzäunen des boomenden Euref-Campus in Berlin-Schöneberg. Sie leiten die Besucher zu einer turmhohen, runden Stahlkonstruktion, dem Gasometer, wo Günter Jauch jahrelang seine Talkshow veranstaltete und in der jetzt eine Demografie-Ausstellung gastiert. Ihr etwas nassforscher Titel: EY ALTER – Du kannst dich mal kennenlernen.

Wer hinein will,  steht gleich vor einer Richtungsentscheidung: Über einem Zugang zur Ausstellung heißt es „Jung“, über dem anderen „Alt“ – Wie fühlt man sich gerade? Was passt am besten zu einem? Beide Tore münden jeweils in eine dunkle Zelle der Vorurteile. „Du bist so 1.0“ und „Deine beste Zeit hast Du hinter Dir“ raunt es auf der einen Seite, auf der anderen tönt es: „Frech!“, „Handy angewachsen?“ und „Jetzt mach das mal ordentlich“. So eingestimmt geht es in den Hauptraum, in dem 20 Mitmachstationen auf die Besucher warten.

Programme für Schulklassen

Es ist kurz nach Mittag und die Jugend ist gerade abgezogen.  „Vormittags kommen meistens Schulklassen aus Berlin und Umgebung“, sagt Sylvia Hütte-Ritterbusch. Für Einzelbesucher und Familien sei der Nachmittag ideal, empfiehlt die Bremer Psychologin und Ausstellungsmacherin. Sie leitet das Team Demografie Initiative MBC der Daimler AG, auf deren Initiative EY ALTER zurückgeht und die das Projekt finanziert. 350 000 Besucher wurden bereits auf den ersten Stationen in Stuttgart und Bremen gezählt. Berlin ist der dritte Stopp auf der Deutschlandtour und hier ist die Schau noch bis zum 19. Januar 2019 zu sehen.

Eingebettet ist EY ALTER in eine umfassende Demografie-Strategie von Mercedes-Benz. Dabei geht es im Kern um die Zukunft der Arbeit in einer älter werdenden Gesellschaft – eine Frage, mit der sich der große Automobilbauer wie praktisch alle Unternehmen im Land befassen muss. Mercedes setzt seit Jahren erfolgreich auf altersgemischte Teams, in denen die Jungen oft mit frischem Wissen, Ideen und Enthusiasmus punkten, die Älteren mit ihrer Erfahrung, emotionaler Stabilität und Urteilskraft. Passend dazu heißt die Strategie YES – Young and Experienced together Successful.

Die Idee zu der Ausstellung gehe auf eine Diskussion in Bremen zurück, berichtet Sylvia Hütte-Ritterbusch. Ob zum Thema Altern nicht auch Positives zu berichten sei, habe der Personalleiter des dortigen Mercedes-Werks und Initiator und Leiter von YES, Heino Niederhausen, provozierend gefragt – oder müsse man sich doch mit dem gängigen Bild vom unaufhaltsamen Niedergang abfinden? „Wir haben daraufhin die wissenschaftliche Literatur durchforstet, zusammen mit Studierenden und Wissenschaftlern der Jacobs University Bremen“, erinnert sich die Psychologin. 2014 erhielt sie den Auftrag, mit ihrem Team eine Demografie-Schau zu entwickeln. „Viele von uns hatten so etwas noch nie gemacht, aber ein Jahr später stand die Ausstellung“, sagt Hütte-Rittersbusch. Sie sitzt in einem rundum verglasten Seminarraum  mitten in der Ausstellung und wirft einen Blick nach draußen.

Unterwegs in der Wildnis

Eine Besucherin springt gerade mit aller Kraft an einer Messlatte hoch, ein paar Meter weiter zieht ein Gast ächzend an den Hebeln einer Maschine –  Beinkraft und Handgriffstärke geben Auskunft über die Fitness eines Menschen. An einem weißen Kasten mit zwei Eingreifstutzen ist die Denkleistung gefragt: Hier sollen Puzzleteile unter erschwerten Bedingungen zusammengesetzt werden. Wer die ersten beiden, „Dein Alter“ und „Dein Potenzial“ überschriebenen Abteilungen passiert hat, kommt in die Sektion „Dein Team“. Hier geht es ums Überleben. „Stell Dir vor“, so die Anleitung, „Du bist in der Wildnis unterwegs und plötzlich bricht ein Bär durchs Dickicht:  Welche vier Personen können mit dieser Situation am besten umgehen?“ Zur Auswahl stehen zwölf junge und ältere Frauen und Männer mit unterschiedlichen Kompetenzprofilen. Das Team ist schnell gewählt, ein Cartoon gibt sofort Feedback und wehe, die Mischung war verkehrt: Da hängt man dann schnell am rettenden Ast – hoch über dem hungrigen Bären. Das eigene Abschneiden lässt sich an jeder Station mithilfe eines Chips auf der Eintrittskarte erfassen und am Ende des Parcours gibt es sogar eine Urkunde.

Zentrales Objekt ist ein Großmodell des menschlichen Kopfs. Drumherum können die Besucher sich mit wissenschaftlichen Befunden zum Altern vertraut machen. „Uns geht es darum, die üblichen negativen Stereotype in Frage zu stellen“, sagt Sylvia Hütte-Ritterbusch. Vor allem die  Vorstellung, dass Altern ein automatischer Abbauprozess sei, eine Naturgewalt gewissermaßen, gegen die sich nichts ausrichten lasse. Wie falsch das sei, habe die Wissenschaft hinreichend bewiesen.

Eine Reise ins jüngere Ich

Zum Beispiel durch die berühmte Klosterstudie. Dafür wurde Anfang der 1980er-Jahre in einem Kloster an der amerikanischen Ostküste eine Kulisse errichtet, die das Lebensgefühl von 1959 weckte – mit Musik, Filmen,  Zeitschriften und vielen anderen Details aus jener Zeit. Die acht männlichen Bewohner im Alter von mindestens 70 Jahren wurden aufgefordert, sich in ihr Ich von damals zurückzuversetzen. Niemand behandelte sie wie alte Herren und Spiegel gab es im ganzen Haus nicht. Nach nur fünf Tagen erzielten alle Teilnehmer deutliche bessere körperliche und geistige Leistungen als zu Beginn des Experiments. Sie sahen sich selbst als 50- bis 60-Jährige und waren entsprechend leistungsfähiger.

„Alter ist Kopfsache“ heißt es passend dazu im gut gemachten Begleitmagazin zur Ausstellung. Einstellungen spielen eine wesentliche Rolle, sowohl die eigene Haltung wie auch die der Umwelt – das Klosterexperiment führt es vor Augen. Mindestens ebenso wichtig ist das lebenslange Training. Welche erstaunlichen körperlichen und geistigen Leistungsgewinne dadurch bis ins hohe Alter möglich sind, zeigt die Forschung immer wieder aufs Neue.  

In Berlin stehe die Wissensvermittlung im Vordergrund, sagt Sylvia Hütte-Ritterbusch. Und so versammeln sich rund um den großen Tisch im gläsernen Seminarraum fast täglich Schüler mit ihren Lehrern und zu anderen Zeiten Firmenmitarbeiter, die eine Demografie-Strategie für ihr Unternehmen erarbeiten. Für Schulen stehen zwei altersgerechte Unterrichtspakete zur Verfügung; die Unterrichtseinheit für die älteren Schüler ab der zehnten Klasse entstand zusammen mit dem Berliner Büro des Netzwerks Population Europe. Unternehmen können zwischen drei kostenpflichtigen Fortbildungspaketen für Fach- und Führungskräfte wählen, die sich einzeln oder im Team buchen lassen.

Partner der Ausstellung sind, in seltener Eintracht, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und die IG Metall. Auch sie suchen nach Antworten auf die Frage, wo die Arbeitskräfte der Zukunft herkommen. Er wünsche sich, „dass es für die Menschen spürbar wird, dass sie länger gebraucht werden“, hatte der Regierende Bürgermeister und Schirmherr der Ausstellung Michael Müller bei der Eröffnung im Mai gesagt. Wem das als Motivation nicht reicht, hält sich an Müllers Vorgänger: „Es ist schön älter zu werden“, sagt Klaus Wowereit, „und eine Alternative gibt’s gottseidank nicht.“ Ey Alter – wenn das nichts ist.

Von Lilo Berg

Ausstellung

EY ALTER  – Du kannst dich mal kennenlernen

17. Mai 2018 bis 19. Januar 2019

im Gasometer, Torgauer Str. 12, Berlin-Schöneberg

(in deutscher und englischer Sprache)

Magazin

Firmenpakete, Programme für Schulklassen

Klosterstudie

Ellen J. Langer: Counterclockwise: Mindful Health and the Power of Possibility, Ballantine Books, New York 2009

Deutsches Buch bei Verlag Junfermann Link

Ellen Langer auf Youtube Link

Fotos © EY ALTER