„Wir könnten noch sehr viel besser sein“

Sie bereichern unser Wissen über das Altern und überraschen uns mit Erkenntnissen zur modernen Familie: die bevölkerungsweiten Längsschnittstudien der Sozial- und Gesundheitswissenschaftler. Dabei ist ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft, sagt Axel Börsch-Supan, der jetzt zusammen mit Kollegen eine Stellungnahme zur Situation dieser Studien vorlegt.

Herr Professor Börsch-Supan, warum sind bevölkerungsweite Längsschnittstudien so wichtig?

© Jan Roeder/MEA

© Jan Roeder/MEA

Sie helfen uns, den Wandel unserer Gesellschaft besser zu verstehen und neue Trends zu erkennen. Das ist möglich, weil in solchen Studien eine möglichst gleich bleibende Gruppe von Menschen über längere Zeiträume hinweg wiederholt befragt wird. Auf diese Weise werden Veränderungen ebenso sichtbar wie gleichbleibende Muster. Aus den Daten lassen sich außerdem Vorhersagen für künftige Entwicklungen ableiten. Das macht sie zu einer wichtigen Grundlage für politische Entscheidungen.

Gibt es dafür ein aktuelles Beispiel?

Nehmen wir die neue Flexi-Rente. Sie erleichtert die befristete Weiterbeschäftigung von Arbeitnehmern über die Regelaltersgrenze hinaus. Die wissenschaftlichen Argumente für die Neuregelung stammen ganz wesentlich aus bevölkerungsweiten Längsschnittstudien. Sie belegen nämlich, dass Gesundheit und Produktivität nur ganz langsam nachlassen und es beim Eintritt ins Rentenalter meist noch erhebliche Reserven gibt. Es ist also keineswegs so, dass Menschen mit 30 Jahren den Gipfel ihrer Schaffenskraft erreichen und mit 65 Jahren verbraucht sind. Diese Vorstellung ist sehr verbreitet, aber sie ist definitiv falsch.

Bevölkerungsweite Längsschnittstudien spielen also eine große Rolle, wenn es um die Perspektiven älterer Menschen geht?

Ja. Dass so viele Menschen alt werden, ist historisch ein neues Phänomen. Wir wissen noch sehr wenig darüber und sind deshalb umso mehr auf systematische Beobachtungen angewiesen. Aus ihnen geht hervor, wie Menschen individuell altern und was der demografische Wandel für Gesellschaft und Politik bedeutet. Wird der künftig hohe Anteil kinderloser Senioren beispielsweise zum Problem? Noch wissen wir es nicht, aber bevölkerungsweite Längsschnittstudien werden uns sicher schon bald erste Antworten liefern.

Auch wenn das Altern ein wichtiger Aspekt ist: Welche Erkenntnisse kann man noch erwarten?

Wir wissen aus solchen Studien zum Beispiel, wie positiv sich Investitionen in die Bildung auf die lebenslange Gesundheit auswirken. Und dass die Familie für die meisten Deutschen nach wie vor die wichtigste soziale Institution ist – trotz aller Unkenrufe über ihren drohenden Zerfall. Kaum verändert haben sich auch die Austauschverhältnisse in der Familie, etwa mit Blick auf die Pflege im Alter. Sie wird in der Regel von den Angehörigen übernommen, die bei Bedarf Pflegekräfte hinzuziehen. Frauen sind heute viel häufiger erwerbstätig als früher, aber deshalb brechen die meisten Familien nicht auseinander, es schmiedet sie eher noch enger zusammen. Das zeigt nicht nur das sozio-ökonomische Panel, eine der ältesten Bevölkerungsstudien hierzulande, auch Längsschnittbeobachtungen wie PAIRFAM und SHARE belegen das.

Der Nutzen längsschnittlicher Studien ist kaum bestreitbar: Warum dann jetzt diese Stellungnahme?

Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens wird der Nutzen sozialwissenschaftlicher empirischer Forschung durchaus nicht von jedem gesehen und allzu oft werden naturwissenschaftliche Projekte den sozialwissenschaftlichen vorgezogen. Zweitens wird das Potenzial längsschnittlicher Studien in Deutschland leider nicht ausgeschöpft. Wir geben punktuell viel Geld dafür aus und doch fehlt es an einer zuverlässigen Finanzierung, die es erlauben würde, solide Investitionen zu tätigen und besonders qualifizierte Mitarbeiter langfristig einzustellen. Derzeit haben wir oft nur Zweijahresverträge anzubieten und verlieren viele von ihnen. Defizite gibt es auch in der Aus- und Weiterbildung von Studierenden und Wissenschaftlern. Und last but not least sind die unterschiedlichen Forschungsansätze nicht ausreichend vernetzt und harmonisiert. Das alles verhindert ein Aufschließen zur internationalen Spitzenforschung. Dabei könnten wir sehr viel besser sein.

Was ist zu tun?

Wir brauchen eine langfristige und koordinierte Förderstrategie. So wie es inzwischen bei den naturwissenschaftlichen Großgeräten selbstverständlich ist. Denken wir nur an den Röntgenlaser XFEL in Hamburg, den Gravitationswellen-Detektor in Hannover oder an die Forschungsschiffe in Bremerhaven. Wenn man so will, sind bevölkerungsweite Längsschnittstudien die Großgeräte der Sozial- und Gesundheitswissenschaften.

Kosten sie auch so viel wie die naturwissenschaftliche Infrastruktur?

Es wird viel weniger dafür ausgegeben. Die europaweite Studie SHARE, die ich koordiniere, kostet in 20 Jahren etwa so viel wie ein Gravitationswellen-Experiment. 

Doch Geld ist nicht alles: Wie wollen Sie weiter vorgehen?

Wir empfehlen eine bessere Koordinierung auf europäischer Ebene und machen Vorschläge zur disziplinübergreifenden Datennutzung. Für leitende Mitarbeiter sollte es Arbeitsverträge geben, die so lange gültig sind, wie die Studie dauert – das bringt die erforderliche Kontinuität. Und die Nachwuchsforscher an den Universitäten brauchen eine gezieltere Ausbildung, damit sie die Bevölkerungsstudien der Zukunft optimal planen und auswerten können. 

 

Interview: Lilo Berg

 

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Axel Börsch-Supan (61) ist seit 2011 Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. Er koordiniert die europäische Längsschnittstudie SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe). Axel Börsch-Supan ist Mitglied der Leopoldina.

Die Stellungnahme „Wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung bevölkerungsweiter Längsschnittstudien“ wurde von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe der Akademien Leopoldina, acatech und Union der Deutschen Akademien erarbeitet. Ihre Sprecher sind Prof. Dr. Axel Börsch-Supan, MPI für Sozialrecht und Sozialpolitik, und Prof. Dr. Johannes Siegrist von der Universität Düsseldorf. Die vollständige Stellungnahme und eine Kurzfassung sind im Internet verfügbar.

 

Volkskrankheiten, Bildung und Familie

Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 30 bevölkerungsweite Langzeitbeobachtungen. Sie bilden das Rückgrat der empirischen Forschung in den Sozial-, Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaften, in Epidemiologie und Gesundheitsforschung.

Bekannte Beispiele für Längsschnittstudien sind die Nationale Kohorte (NAKO) zur Untersuchung von Volkskrankheiten und Lebensgewohnheiten und das Nationale Bildungspanel (NEPS) für die Beobachtung von Bildungsprozesse und Kompetenzentwicklung. Das Beziehungs- und Familienpanel PAIRFAM erforscht seit 2008 die partnerschaftlichen und familialen Lebensformen in Deutschland und das Sozio-ökonomische Panel SOEP erhebt seit 1984 Daten zu Persönlichkeit, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit.

Deutschland ist in eine Reihe internationaler Beobachtungsstudien einbezogen. Dazu zählt der Survey SHARE, der die Beziehungen zwischen Gesundheit, Altern und Ruhestand untersucht.

Bild Startseite: Marc Levy 2011 via Flickr https://flic.kr/p/9rRxVa (CC BY-SA 2.0)