„Wir brauchen einen Runden Tisch zur Arbeit von morgen“

Digitalkameras, Streaming-Dienste, 3-D-Drucker: Das sind Beispiele für radikale Innovationen, die ganze Branchen komplett veränderten. Made in Germany sind solche Durchbrüche selten. Um die Gründe und Konsequenzen ging es beim hochrangig besetzten Forschungsgipfel 2018. Die Psychologin und Alternsforscherin Ursula Staudinger diskutierte mit und erläutert hier ihre Ideen.

Photo by Ryan Tang on Unsplash

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Frau Professor Staudinger, wie innovativ kann ein Land sein, in dem bald jeder vierte Bürger 65 Jahre und älter ist?

Sehr innovativ, wenn wir es richtig anpacken.

Gibt es da einen speziellen Dreh?

Wir müssen zum Beispiel dafür sorgen, dass Fachkräfte aller Altersstufen fit auf ihrem Gebiet bleiben. Dass Neues immer wieder auf Bewährtes trifft, dass Jung und Alt in Innovationsteams zusammenkommen. Dann haben auch ältere Mitarbeiter innovative und zugleich tragfähige Ideen, wie die Forschung zeigt.

Das klingt nach einer guten Lösung für den allseits beklagten Fachkräftemangel. Doch wollen die Älteren sich noch derart ins Zeug legen oder gehen sie lieber so früh wie möglich in Rente?

Das kommt ganz auf die Qualität der Arbeit an. Gute Arbeit hält uns im Job und stärkt die Gesundheit. Schlechte Arbeit macht auf Dauer krank – da  hört man dann natürlich gern auf. Es geht also darum, die Arbeit für möglichst viele Menschen gut zu gestalten. 

Wie kann das gelingen?

Um den Kurs zu bestimmen, brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Runden Tisch, an dem sich Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aus Politik, Verbänden und Forschung beteiligen. Als Vorbilder dafür sehe ich die Runden Tische zu den Hartz-IV-Reformen oder zur Energiewende, von denen wichtige Impulse ausgingen. Bei der neuen Runde ginge es um die Frage:  Wie gestalten wir Arbeit im 21. Jahrhundert?

Würden Sie sich an diesem Runden Tisch beteiligen wollen?

Ja, ausgesprochen gern. Ich würde dabei für Neugewichtungen über das gesamte Arbeitsleben hinweg werben, etwa für bessere Optionen zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Davon könnten junge Leute ebenso wie ältere Arbeitnehmer profitieren. Das gilt auch für moderne Angebote zur gesundheitlichen Prävention. Ich denke da zum Beispiel an neue Orte in unseren Städten, an denen man sozusagen im Vorbeigehen Sport treiben kann.

Bei einem Runden Tisch zur Zukunft der Arbeit ginge es auch um die Rente mit 70. Für die Bundeskanzlerin ist sie tabu. Wie stehen Sie dazu?

Wir müssen darüber sprechen. Die heute 65-Jährigen können im Durchschnitt mit 20 weiteren Lebensjahren rechnen. Aber nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die Jahre, die wir bei guter Gesundheit verbringen, nehmen in Deutschland weiter zu – ein Ende ist derzeit nicht abzusehen. An diese Entwicklung müssen wir uns anpassen, um einen Kollaps der Rentenversicherung zu vermeiden. Die entscheidende Frage ist,  wie die rund fünfzig Jahre Arbeitsleben bis zum 70. Geburtstag aussehen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, auf ein definiertes Renteneintrittsalter ganz zu verzichten?

Nicht viel. Der feste Ruhestand schützt all jene, die nach einem langen Berufsleben körperlich und geistig erschöpft sind. Dass die Alten erst einmal abtreten, ist auch wichtig für die Jungen, die sonst zu lange auf freiwerdende Positionen warten müssen. In einer Gesellschaft des längeren Lebens brauchen wir neue Ansätze für diejenigen, die auch nach dem Renteneintritt noch erwerbstätig sein wollen.

Gesellschaft des längeren Lebens – ein schöner Ausdruck. Andere hätten schlicht „alternde Gesellschaft“ gesagt.

Ich störe mich an diesem Begriff. Er ruft sofort die leider immer noch weit verbreiteten negativen Altersstereotype wach. Wer Alter gleich mit Krankheit, Demenz und Pflegenotstand  verbindet, den weise ich auf die Datenlage hin. Und die zeigt eindeutig: Wir leben länger, weil wir gesünder sind und die gewonnenen Jahre sind oft Jahre großen Wohlbefindens.   

Photo by David Siglin on UnsplashHeißt das, auch heutige Ruheständler könnten beruflich weiter mithalten oder sogar noch einmal richtig durchstarten?

Im Prinzip ja. Die heute 65-Jährigen sind im Schnitt gesundheitlich zehn Jahre jünger als die vorhergehende Generation und haben viel mehr Energie. Sie sind vielleicht nicht mehr so schnell wie sie mit 20 waren, aber dafür umso gewissenhafter und verlässlicher. Im Berufsleben erfahren sie Wertschätzung und Bestätigung und sind sozial eingebunden – all das stärkt die Gesundheit des Einzelnen und trägt gleichzeitig zur Produktivität der Gesellschaft bei.

Wie lässt sich dieses Potential für die Arbeitswelt nutzen?

Was wir brauchen, sind viele neue Optionen zur Wiedereinfädelung ins berufliche Leben. Zum Beispiel die Möglichkeit, als Rentner im früheren Unternehmen als Springer zu arbeiten. Oder neue attraktive Positionen für Spätberufene, auf die man sich aber eigens bewerben muss – ähnlich wie bei den Seniorprofessuren an manchen Hochschulen. Oder mehr Unterstützung bei der Gründung eines eigenen Unternehmens im Alter. Derzeit tun sich die Banken noch sehr schwer, älteren Gründern Startkapital zu leihen. Auch das muss sich ändern.

Sie leben und arbeiten seit einigen Jahren in den USA, dem Mekka der Innovation. Können wir Deutsche da überhaupt mithalten?

Verschiedene Länder haben unterschiedliche Stärken und Schwächen und es wäre für Deutschland falsch, wie hypnotisiert auf Google, Facebook, Amazon und Co. zu starren. Natürlich sind das Weltfirmen, wie sie jedes Land gerne hätte. Aber sie sind Teil einer US-spezifischen Kultur der Bildung und des Wirtschaftens. Amerika hat eine dynamischere Investitionskultur und dort ist viel Geld in der Hand von Wenigen konzentriert. Das Marketing hat einen enormen Stellenwert. In Deutschland hingegen legt man mehr Wert auf die Qualität eines Produkts. Große Pluspunkte sind die solidarische Grundeinstellung und ein Bildungssystem, das alle nach ihren Möglichkeiten fördert und Fertigkeiten vermittelt. Auf diese Vorzüge sollten wir setzen – auch mit Blick auf die künftige Arbeitswelt.

Interview: Lilo Berg

Zur Person

Die Psychologin und Alternsforscherin Prof. Dr. Ursula M. Staudinger (59) wurde 2013 an die Columbia University nach New York berufen. Dort hat sie in den letzten fünf Jahren als Gründungsdirektorin das Robert N. Butler Columbia Aging Center aufgebaut. Zuvor war sie Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen und Gründungsdekanin des Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development (JCLL). Ursula Staudinger ist seit 2002 Mitglied der Wissenschaftsakademie Leopoldina und war zehn Jahre lang deren Vizepräsidentin. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen die Potenziale des Alterns im demografischen Wandel und die Entwicklung von Einsicht und Weisheit im Lauf des Lebens.Mehr auch auf Wikipedia

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Fotos diese Seite: Photo by Ryan Tang on Unsplash (Oben); Photo by David Siglin on Unsplash