„Wandern ist ein Riesenthema“

Reiselustige ältere Menschen werden für die Urlaubsbranche immer wichtiger. Doch was sind ihre Vorlieben und Wünsche? Wie entscheiden sie sich, wenn es ums Reisen geht? Und welche Trends zeichnen sich ab? Die Soziologin Bente Grimm ging diesen Fragen nach und stellte ihre Ergebnisse Anfang März bei der Internationalen Tourismus Börse (ITB) vor.

Frau Grimm, Sie haben das Urlaubsreiseverhalten der Generation 50plus untersucht. Ändert sich denn schon mit fünfzig die Art, wie wir Urlaub machen?

Mit fünfzig kommen viele in das Alter, in dem die Kinder allmählich ausziehen und man im Sommer vielleicht keine Ferienwohnung mehr bucht. Ansonsten unterscheidet sich diese Altersgruppe von Jüngeren vor allem darin, dass sie überdurchschnittlich viel Geld für ihre Urlaubsreisen ausgeben. Sie sind seltener in der sommerlichen Hochsaison unterwegs, sondern nutzen den ganzen Zeitraum zwischen April und Oktober für längere Reisen. Für die sogenannten jungen Alten ist die jährliche Urlaubsreise selbstverständlich geworden – drei Viertel von ihnen haben im Jahr 2016 mindestens eine fünftägige Ferienreise unternommen. Sie sind in ihrem Leben schon viel gereist und haben hohe Ansprüche.

In welchem Alter beginnt sich das Reiseverhalten zu ändern?

Das ist individuell sehr unterschiedlich und hängt auch davon ab, ob man noch berufstätig ist und wie gesund man ist. Als sinnvoll hat sich bei unserer Auswertung, die auf Daten der jährlichen großen Reiseanalyse unseres Instituts basiert, eine Differenzierung zwischen 50- bis 69-Jährigen einerseits und Über-70-Jährigen andererseits erwiesen. Da lassen sich durchaus Unterschiede erkennen, etwa bei den Verkehrsmitteln: Für die Jüngeren ist das Flugzeug fast genauso wichtig wie das eigene Auto, die Älteren reisen öfter mit dem Reisebus. Sie steigen auch häufiger im Hotel ab und buchen mehr Pauschalreisen als jüngere Urlauber.

Bei den Urlaubszielen gibt es doch sicher auch unterschiedliche Vorlieben?

Mit zunehmendem Alter bleiben viele offenbar besonders gern im eigenen Land. Während Deutschland für 33 Prozent der 50- bis 69-Jährigen das  beliebteste Reiseziel ist, steigt der Anteil bei den Über-70-Jährigen auf 47 Prozent. Im Ausland steht Spanien mit 15 Prozent bei den jungen Alten und mit elf Prozent bei den Älteren auf Platz eins, gefolgt von Italien und Österreich.

Berge oder Meer: Wie beantworten Ältere die klassische Urlauberfrage?

Die Berge liegen leicht vorn. Deshalb ist Bayern bei den innerdeutschen Zielen auch etwas beliebter als Mecklenburg-Vorpommern. Die meisten Älteren wandern lieber, als am Strand zu liegen. Mit den Jahren wird das Naturerlebnis offenbar immer wichtiger, wie unsere Studie zeigt: Wandern ist in der Altersgruppe 50 plus ein Riesenthema.

Dabei sind viele Ältere gar nicht mehr so gut zu Fuß.

Das stimmt und deshalb nimmt die Intensität des Wanderns mit den Jahren auch deutlich ab: Fast ein Viertel der 50- bis 69-Jährigen gibt an, jeden Tag mehr als vier Stunden zu wandern; bei den Über-70-Jährigen sind es nur noch neun Prozent. Aber: Auch zehn Prozent der Wanderurlauber mit gesundheitlichen Einschränkungen wandern noch mit hoher Intensität.

Wie wirken sich die Besonderheiten des höheren Alters insgesamt auf das Reiseverhalten aus?

Gesundheitliche Einschränkungen spielen zunehmend eine Rolle, aber auch die Frage der Reisebegleitung. Viele Höherbetagte haben niemanden mehr im eigenen Haushalt, mit dem sie verreisen können und sind auch deshalb seltener unterwegs. Wenn sie in Urlaub fahren, liegt der Anteil der Alleinreisenden in der Altersgruppe 70plus bei 18 Prozent. Von den 50- bis 69-Jährigen reisen 12 Prozent solo.

Wie steht es mit Gesundheits- oder Kurreisen?

Das sind Reisearten, die tatsächlich verstärkt von älteren Erwachsenen nachgefragt werden. Drei Viertel der Interessenten für Gesundheits- und Kur-Urlaube sind fünfzig Jahre und älter.

Ihr Institut untersucht seit vielen Jahren das Reiseverhalten älterer Menschen. Welche Entwicklungen beobachten Sie?

Da gibt es zwei dominierende Trends. Zum einen wird die Gruppe der älteren Reisenden größer – nicht nur weil es mehr Ältere gibt, sondern auch weil immer mehr Menschen in dieser Lebensphase in Urlaub fahren. Die zweite deutliche Veränderung kommt durch das Internet: Der Anteil derjenigen, die sich online informieren und dann im Reisebüro oder direkt beim Veranstalter buchen hat deutlich zugenommen, auch unter den Älteren.

Stellt sich die Reisebranche ausreichend auf die Bedürfnisse älterer Touristen ein?

Es wird schon viel getan. Doch in einigen Bereichen bleibt Luft nach oben, wobei entsprechende Investitionen eigentlich allen Generationen zugute kämen. Beispiel Barrierefreiheit: Die wird mit dem Alter immer wichtiger, aber von breiteren Türen oder niedrigen Schwellen profitieren auch Familien mit kleinen Kindern. Ähnliches gilt für den Wanderurlaub: Von netten Einkehrmöglichkeiten und gepflegten, gut beschilderten Wegen profitieren alle Altersgruppen.  Für die Über-70-Jährigen sind Plätze und Bänke zum Ausruhen, aber auch einfache Anreisegelegenheiten besonders wichtig.

Ihre Prognose für die nächsten Jahre?

Es werden mehr ältere Menschen unterwegs sein und sie werden noch öfter verreisen als heute. Die Bedeutung des Internets zur Information und Buchung von Urlaubsreisen wird weiter zunehmen. Urlaub im Inland bleibt für Menschen ab fünfzig eine wichtige Option. Es rücken weitgereiste, anders geprägte Altersgruppen nach – die Reisebranche muss sich also etwas einfallen lassen.

Interview: Lilo Berg

 © NITBente Grimm ist Soziologin und Projektleiterin am NIT - Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa GmbH in Kiel. Im Auftrag der Hotelkette „50plus Hotels“ erstellte sie eine Sonderauswertung zum Reiseverhalten von Menschen über fünfzig. Die Auswertung stützt sich auf Daten der  jährlich am NIT durchgeführten „Reiseanalyse“, eine der größten Untersuchungen zum Urlaubsreiseverhalten in Deutschland. Im Rahmen der repräsentativen Erhebung werden Personen ab 14 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland zu ihrem Verhalten, ihren Motiven und Interessen in punkto Urlaub befragt. Die Reiseanalyse 2017 basiert auf persönlichen, im Januar geführten Interviews mit 7700 Personen; hinzu kommen Daten aus rund 5000 online geführten Befragungen.

Weitere Informationen: www.reiseanalyse.de

Foto Startseite: © Petra Bensted 2014 via Flickr https://flic.kr/p/ouUjit (CC BY 2.0)

Foto oben: © Charlie Llewellin 2011 via Flickr https://flic.kr/p/acnkFY (CC BY-SA 2.0)