„Ruhestand ist Gift“

Der 86-jährige Eric Kandel gilt als Rockstar der Wissenschaft. Er moderiert eine Fernsehshow über Hirnforschung, schreibt populärwissenschaftliche Bücher und arbeitet noch fast jeden Tag in seinem New Yorker Labor. Im Mai kommt der Nobelpreisträger nach Berlin, um seine neuesten Erkenntnisse über das Gedächtnis vorzustellen.

© Eve Vagg, Columbia University

© Eve Vagg, Columbia University

Herr Professor Kandel, Sie können Laien, so heißt es, auch schwierige Forschungsthemen verständlich machen. Dürfen wir Ihr Geschick gleich einmal testen?

Bitte sehr.

Wenn Sie im Mai nach Berlin kommen, halten Sie einen Vortrag über die Bedeutung funktionaler prionartiger Proteine für die Beständigkeit der Erinnerung. Ist Ihr Vortrag nur für Insider gedacht?

Überhaupt nicht – alle Interessierten sind eingeladen. Ich hätte übrigens lieber über etwas anderes gesprochen, über Kunst und Wissenschaft zum Beispiel. Aber meine Gastgeber wünschten sich einen Vortrag über meine aktuelle Forschung.

Wie erklären Sie Nichtwissenschaftlern, um was es dabei geht?

Seit etwa 15 Jahren beschäftige ich mich mit winzigen Eiweißpartikeln, sogenannten Prionen. Sie können die Jakob-Creutzfeldt-Krankheit, BSE und andere Hirnleiden übertragen. Doch nicht alle Varianten sind schädlich, wie Studien in meinem Labor an der Columbia University in New York zeigen. So sind es offenbar prionartige Proteine, die eine langfristige Verankerung von Erinnerungen im Gehirn ermöglichen.

Darüber konnte man in den letzten Jahren schon einiges in Fachzeitschriften lesen. Sprechen Sie in Berlin auch über bisher Unveröffentlichtes?

Ja, ich werde zum Beispiel über eine neu entdeckte Prion-Variante namens TIA sprechen. Auch dieses Molekül hat eine positive Wirkung, indem es allzu große psychische Belastungen abfedert. In unseren Experimenten zeigte sich die Schutzwirkung allerdings nur bei weiblichen Versuchstieren. Dazu haben wir einige Hypothesen, die ich im Vortrag erläutern werde.

Im Jahr 2000 haben Sie den Medizin-Nobelpreis für Ihre Erkenntnisse zur Funktion des Gedächtnisses erhalten. In die gleiche Zeit fallen Ihre ersten Experimente mit Prionen. Was hat Sie bewogen, in diese Richtung zu gehen?

Den Nobelpreis habe ich für den Nachweis erhalten, dass Erinnerungen in den Schaltstellen von Nervenzellen, den sogenannten Synapsen, angesiedelt sind und deren Form und Funktion verändern. Um Kurzzeiterinnerungen zu speichern, modifizieren Nervenzellen bereits vorhandene Strukturen und verändern dadurch die Art und Weise, wie sie untereinander kommunizieren. Bei Langzeiterinnerungen nimmt die Zahl synaptischer Verbindungen zu und es müssen bestimmte Proteine neu gebildet werden. In meinem Labor interessierten wir uns dafür, was beim Entstehen dauerhafter Erinnerungen im Detail passiert – und so stießen wir auf die gutartigen Prionen. Einige Zusammenhänge haben wir schon entschlüsselt, aber es gibt noch viel zu entdecken. Derzeit untersuchen wir zum Beispiel die Struktur dieser Partikel mit einem modernen bildgebenden Verfahren, der Kryo-Elektronenmikroskopie.

Seit den 1950er-Jahren erforschen Sie das Gedächtnis. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen und was fasziniert Sie daran?

Das hat mit meiner Biografie zu tun. Ich stamme aus einem jüdischen Elternhaus in Wien und musste als Neunjähriger nach Amerika emigrieren. Nie werde ich vergessen, wie damals vermeintlich kultivierte Mitbürger über uns Juden hergefallen sind. „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen. SA marschiert in festem Schritt“ – wenn ich dieses Lied auf den Straßen hörte, bin ich fast gestorben vor Angst. Zum Glück konnte sich meine Familie nach New York retten. Mir ging es dort sehr gut, ich studierte Medizin und wollte Psychoanalytiker werden – sicher auch, um das Vergangene besser zu verstehen.

Mit der Psychoanalyse haben Sie sich dann nicht sehr lange aufgehalten. Wie kam es dazu?

Als ich Mitte der 1950er-Jahre fertig mit meiner psychiatrischen Ausbildung war und eine Psychoanalyse abgeschlossen hatte, lernte ich das naturwissenschaftliche Arbeiten im Labor kennen. Dabei erkannte ich, was das Wesentliche an der Psychoanalyse ist. Es sind die Erinnerungen – sie sind der Kitt, der das Leben zusammenhält. Ich wollte ich unbedingt Hirnforscher werden, aber das musste ich vorher mit meiner Frau Denise besprechen.

Sie waren gerade frisch verheiratet?

Ja, die Trauung war 1956 und wir wollten eine Familie gründen. Ich berichtete Denise von meinen Absichten und sagte ihr, dass ich als Forscher wahrscheinlich nicht so viel verdienen werde wie mit einer psychoanalytischen Praxis. „Geld spielt keine Rolle“, antwortete Denise. Seitdem (an dieser Stelle bricht Eric Kandel in sein unnachahmliches lautes Gelächter aus) habe ich den Satz nie wieder von ihr gehört.

Die Hirnforschung stand damals noch am Anfang. Wie ging es für Sie weiter?

Ich erhielt die Gelegenheit, mich an den National Institutes of Health in Neurobiologie fortzubilden. Das war Ende der 1950er-Jahre – Forscher hatten gerade die zentrale Bedeutung des Hirnareals Hippocampus für das Speichern von Erinnerungen entdeckt. Ich hatte gelernt, Signale von separaten Zellen abzuleiten und das gelang mir auch mit einzelnen Nervenzellen des Hippocampus. Mir wurde dann aber schnell klar, dass man auf diese Weise nichts über das Gedächtnis herausfindet: Ich musste einen Weg finden, um Gehirnzellen im Verbund zu studieren. Möglich wurde das mit der Meeresschnecke Aplysia, ein einfacher Modellorganismus, der vergleichsweise wenige, aber sehr große Nervenzellen besitzt. Man kann leicht beobachten, was passiert, wenn die Schnecke etwas lernt. Später kamen noch andere Tiermodelle hinzu, doch auf den Studien mit Aplysia beruht meine ganze Forschung.

Vor sechzig Jahren sind Sie aufgebrochen, um das Gedächtnis zu enträtseln: Welche Erkenntnis ist Ihnen heute besonders wichtig?

Wichtig ist, dass wir die verschiedenen Formen des Gedächtnisses nachweisen können. Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis hinterlassen unterschiedliche und bleibende Spuren im Gehirn. Andere Forscher haben überzeugend gezeigt, dass der normale altersbedingte Gedächtnisschwund sich auch hirnorganisch von einer Demenz unterscheidet – das ist ein großer Fortschritt.

Im Alltag ähneln sich die Symptome aber oft. Wann muss man sich Sorgen machen?

Wenn man zum Beispiel nicht mehr nach Hause findet oder sich im Gespräch ständig wiederholt – das können Anzeichen einer Erkrankung sein.

Im Fachjournal PNAS berichteten Sie kürzlich über einen möglichen neuen Ansatzpunkt gegen Alzheimer. Worin besteht er?

Wir haben in Versuchen mit Mäusen beobachtetet, dass das Protein PP2A die schädlichen Auswirkungen von Ablagerungen in Nervenzellen, hervorgerufen durch den Stoff Amyloid-beta, verringern kann. Wir hoffen, dass der Befund zur Entwicklung eines Medikaments beiträgt.

Vor einigen Jahren haben Sie schon einmal eine baldige neue Alzheimer-Therapie vorhergesagt...

Ich bin ein Optimist, aber da lag ich falsch. Es wird wohl so schnell keinen Durchbruch geben. Heute konzentrieren sich die Hoffnungen auf die Früherkennung der Krankheit: Wenn wir sie zehn, zwölf Jahre vor Ausbruch der Symptome behandeln, wirken Medikamente wahrscheinlich viel besser.

Sie haben vor Jahren eine Firma gegründet, Memory Pharmaceuticals, um Forschungsergebnisse wirtschaftlich zu nutzen. Haben Sie das auch jetzt vor? 

Die Firma wurde bereits 2008 an ein großes Pharmaunternehmen verkauft. Ich bin dort nur noch als Berater tätig. Ob ich mich künftig an der Entwicklung neuer Arzneimittel beteiligen werde, ist ungewiss.

Sie sind inzwischen 86 Jahre alt. Was wollen Sie noch erreichen?

Ich habe ein erfülltes Leben hinter mir, ich muss nichts mehr erreichen. Dass ich weiter im eigenen Labor forschen kann, genieße ich sehr. Ich bin fast jeden Tag in der Universität. Großen Spaß macht mir die Fernsehsendung „Charlie Rose Brain Series“, bei der ich als Moderator mitwirke. Auch das Schreiben werde ich so schnell nicht aufgegeben: Gerade sitze ich an einem Aufsatz über die berühmte Heidelberger Prinzhorn-Sammlung mit Bildern von Psychiatrie-Patienten. Auch zu Hause gibt es eine Menge Arbeit – wir sind gerade von einem Haus in eine Wohnung umgezogen und bald kommt unser Enkel für einige Monate zu Besuch.

Wie schaffen Sie das bloß alles?

Ich versuche, geistig und körperlich aktiv zu bleiben. Das beste Mittel, um das Gedächtnis fit zu halten, ist das Lernen – und das kann man bis ins hohe Alter. Ich schwimme praktisch jeden Tag, spiele Tennis und am Wochenende machen wir lange Spaziergänge.

Und Sie träumen wirklich nie vom Ruhestand?

Nein. Ruhestand ist Gift und die Regelaltersgrenze Unsinn – Deutschland sollte sie abschaffen. 

Bald kommen Sie nach Deutschland. Wie sehen Sie das Land heute?

Sehr positiv. Deutschland hat sich seiner Nazi-Vergangenheit aufrichtig gestellt und sich zu seiner Schuld bekannt. Ganz anders übrigens als Österreich, wo man sich lange in der Opferrolle gefiel. Die Haltung der deutschen Regierung in der Flüchtlingskrise imponiert mir. Dank Angela Merkel betreibt sie die weitsichtigste Politik in Europa. Nach Berlin komme ich zusammen mit meiner Frau und wir freuen uns schon auf die Stadt und das Wiedersehen mit langjährigen Freunden.  

Interview: Lilo Berg

 

Kurzbiografie

Der amerikanische Neurowissenschaftler Eric Richard Kandel wurde am 7. November 1929 in Wien geboren. Zusammen mit seiner Familie emigrierte er im Jahr 1939 in die USA. In New York studierte Kandel Medizin, um Psychiater und Psychoanalytiker zu werden, wandte sich dann aber der experimentellen Forschung zu. Seit 1974 ist er Professor am Institut für Physiologie und Psychiatrie der Columbia University in New York. Darüber hinaus ist er als leitender Wissenschaftler am Howard Hughes Medical Institute der Columbia University und seit 2012 auch Ko-Direktor am Zuckerman Mind Brain Behavior Institute seiner Universität tätig. Im Jahr 2000 erhielt der vielfach ausgezeichnete Hirnforscher gemeinsam mit dem Schweden Arvid Carlsson und dem US-Amerikaner Paul Greengard den Medizin-Nobelpreis für seine Entdeckungen zur Signalübertragung im Nervensystem. Seit 1989 ist Eric Kandel Mitglied der Leopoldina. Er ist mit der Suchtforscherin Denise Kandel verheiratet; das Paar feiert er in diesem Jahr seinen 60. Hochzeitstag.

Veranstaltungshinweis: Am Freitag, 27. Mai, spricht Eric Kandel auf Einladung der Leopoldina in der Berliner Humboldt-Universität zum Thema: „The Role of Functional Prion-Like Proteins in the Persistence of Memory: A Perspective“. Die Vortragsveranstaltung im Senatssaal, Unter den Linden 6, 10117 Berlin, dauert von 18.30 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Anmeldung und Programm

Bücher von Eric Kandel (eine Auswahl)

Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute, Siedler Verlag, München 2012, ISBN 3-88680-945-5

Auf der Suche nach dem Gedächtnis: Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes, Siedler Verlag, München 2006, ISBN 3-88680-842-4

Neue Publikation in PNAS

Russell E. Nicholls, et al.: PP2A methylation controls sensitivity and resistance to β-amyloid–induced cognitive and electrophysiological impairments, PNAS 2016, doi:10.1073/pnas.1521018113

Charlie Rose Brain Series (mit Links zu den bisherigen Sendungen)

Foto Startseite: Eve Vagg, Columbia University