„Freiwillig engagiert, aber bitte mit Spaß“

Alle fünf Jahre wird in einer repräsentativen Studie erhoben, wie es um das freiwillige Engagement der Deutschen bestellt ist. Der neue Bericht ist gerade erschienen. Wir sprachen mit Clemens Tesch-Römer, dem Chef des Deutschen Zentrums für Altersfragen und mitverantwortlich für die Studie, über Motive, aktuelle Trends – und die Beteiligung der älteren Generation.

Clemens Tesch-Römer © DZA

Clemens Tesch-Römer © DZA

Herr Professor Tesch-Römer, der Freiwilligensurvey enthält eine Fülle neuer Ergebnisse. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Dass so viele Menschen sich freiwillig engagieren. Und dass ihr Anteil im Vergleich zum ersten Freiwilligensurvey im Jahr 1999 um fast zehn Prozentpunkte gestiegen ist. Heute liegt er bei 43,6 Prozent der Deutschen – das entspricht 30,9 Millionen Männern, Frauen und Jugendlichen.

Jugendliche?

Ja, die jüngsten Teilnehmer der Befragung sind 14 Jahre alt – in dieser Altersgruppe beginnt für viele das freiwillige Engagement. Unsere ältesten Teilnehmer sind weit über 80 Jahre alt.

Welche Formen des freiwilligen Engagements bevorzugen die Deutschen?

Da gibt es drei große Domänen: Sport, Schule und Musik. Viele engagieren sich beispielsweise im Fußballverein ihrer Kinder, andere als Elternvertreter oder als Chorleiter. Darüber hinaus haben wir in unserem Survey eine Vielzahl weiterer Formen des freiwilligen Engagements berücksichtigt.

Zählen auch die Pflege eines Angehörigen oder das Engagement als Betriebsrat dazu?

Nein. Die Wissenschaft definiert freiwilliges Engagement als unbezahlte Tätigkeit außerhalb des eigenen Haushalts, die öffentlich ist und dem Gemeinwohl dient. Auf einen Betriebsrat treffen diese Kriterien nur teilweise zu, weil er sich in erster Linie für die Beschäftigten seiner Firma einsetzt. Und so verdienstvoll die Pflege eines Angehörigen ist: Es bleibt ein Engagement innerhalb des Familienkreises.

Millionen Menschen opfern also ihre Zeit für andere, ohne dafür entlohnt zu werden. Warum tun sie das?

Weil sie mit anderen zusammen Spaß haben wollen – das ist unserem Survey zufolge das wichtigste Motiv. Rund 80 Prozent der Befragten gaben diesen Grund an. Mehrfachantworten waren erlaubt und so kam eine Reihe weiterer Beweggründe zusammen: So finden es 60 Prozent reizvoll, dass sie beim freiwilligen Einsatz mit anderen Menschen zusammenkommen und ein ebenso großer Anteil will durch das eigene Engagement die Gesellschaft gestalten.

Motive der freiwillig Engagierten 2014. Abb.: DZA

Abb. (DZA): Motive der freiwillig Engagierten 2014

Ihre Stichprobe umfasst auch viele Menschen, die nicht freiwillig aktiv sind. Wie unterscheiden sie sich von den Engagierten?

Menschen, die sich nicht engagieren, geht es oft nicht so gut. Viele von ihnen sind gesundheitlich beeinträchtigt. Unsere Daten zeigen eindeutig: Je stärker die Beschwerden sind, desto geringer ist die freiwillige Aktivität. Gesundheitliche Einschränkungen sind auch der wesentliche Grund, warum ältere Männer und Frauen sich seltener engagieren als Jüngere. Besonders deutlich wird das bei den über 75-Jährigen.

Ältere Menschen sind heute im Durchschnitt gesünder als früher. Korrespondiert das mit Ihren Ergebnissen?

Ja. Die eingangs erwähnte Zunahme des freiwilligen Engagements lässt sich vor allem auch im fortgeschrittenen Lebensalter beobachten. Besonders ausgeprägt ist die Bereitschaft bei Menschen mit hoher Bildung und guter Gesundheit: Hier gibt es fast keine Unterschiede mehr zu jüngeren Bevölkerungsgruppen. Übrigens haben die meisten älteren Freiwilligen schon in jungen Jahren mit ihrem Engagement für andere angefangen. Früh übt sich, wer ein Meister werden will – das gilt auch hier.

Haben Sie weitere Besonderheiten beobachtet, die mit dem Alter zu tun haben?

Ja, eine ganze Menge. Die Spendenbereitschaft beispielsweise ist nach unseren Ergebnissen am stärksten ausgeprägt bei Menschen ab 65 Jahren. In dieser Altersgruppe nimmt auch die Pflege und Unterstützung von Personen außerhalb der eigenen Familie und des eigenen Haushalts deutlich zu. Immerhin 6,1 Prozent der Menschen im Rentenalter übernehmen solche Aufgaben, wobei die Hilfeleistung in erster Linie Altersgenossen gilt. Das zeugt von einem großen sozialen Engagement älterer Menschen, auch wenn es kein freiwilliges Engagement im definierten Sinn ist.

Welche Vorlieben haben die Millionen Senioren, die sich in klassischer Weise freiwilligen engagieren – und was treibt sie an?

Ältere Menschen sind besonders oft in den Bereichen Kultur und Musik, Soziales, Kirche und Gesundheit vertreten. Und mehr noch als Jüngere wollen sie bei der freiwilligen Tätigkeit Spaß haben, die Gesellschaft mitgestalten und mit anderen Generationen zusammenkommen.

Hat sich daran in den letzten Jahren viel geändert?

Bei den Präferenzen und Motive älterer Menschen haben sich keine großen Neuerungen ergeben. Aber auch in dieser Altersgruppe machen sich einige große Trends bemerkbar. Insgesamt nimmt der Zeitaufwand für die freiwillige Tätigkeit ab und der Anteil derjenigen, die eine Leitungsfunktion übernehmen wollen, schrumpft. Immer mehr Menschen engagieren sich bevorzugt in selbst organisierten Zirkeln außerhalb der traditionellen Strukturen von Verbänden oder Kirchen. Das Gesicht des freiwilligen Engagements wandelt sich zunehmend.

Werden die Ergebnisse des Freiwilligensurveys politisch und gesellschaftlich genutzt?

Sie werden lebhaft diskutiert – auf Bundesebene, aber auch in den Ländern und Kommunen, in Kirchen, Verbänden und Sportorganisationen. Der Survey dient der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung und er hilft der Politik, ihre Förderung genauer zu justieren. Inzwischen verfügt ja praktisch jedes Bundesland über ein entsprechendes Programm und auch der Bund hat Anfang des Jahres eine neue Engagement-Strategie formuliert. Das Interesse an dem Survey ist groß und wir erhalten derzeit sehr viele Einladungen zu Vorträgen und Diskussionen aus dem ganzen Bundesgebiet.

Immer wichtiger wird die europäische Ebene: Wo steht Deutschland im Vergleich zu den Nachbarländern?

Aus anderen Studien, wie etwa der Study for Health and Retirement in Europe (SHARE) ist bekannt, dass Deutschland im Mittelfeld liegt. Ein ausgeprägteres Engagement finden wir in den skandinavischen Ländern, geringere Werte als in Deutschland in den mediterranen Ländern. Vergleiche zwischen Untersuchungen sind allerdings schwierig, weil sich die Fragen zum freiwilligen Engagement sehr stark unterscheiden – und damit auch die Höhe der ermittelten Quoten. 

Angesichts des großen Flüchtlingszustroms sind viele Menschen freiwillig aktiv geworden. Hat die enorme Hilfsbereitschaft der Deutschen Sie überrascht?

Nein, ganz und gar nicht. Wir wissen aus unseren Befragungen, dass das Potential sehr groß ist.

Wie lässt es sich künftig noch besser ausschöpfen?

Wir sollten jene unterstützen, die sich gern engagieren möchten, aber nicht die Möglichkeit dazu haben. Dabei gilt es, Bildungsdefizite, Sprachbarrieren und andere Hemmnisse verstärkt abzubauen. Zusätzlich könnte man die Vorteile freiwilligen Engagements betonen: Es trägt nicht nur dazu bei, die Gesellschaft zusammenzuhalten, sondern fördert auch das individuelle Wohlbefinden. Und was die Teilhabe älterer Menschen angeht: Je mehr Männer und Frauen gesund altern, umso größer wird das Engagement für andere sein.    

Interview: Lilo Berg

 

Zur Person

Prof. Dr. Clemens Tesch-Römer leitet das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) seit 1998. Der 58-jährige Psychologe ist zudem außerplanmäßiger Professor am Fachbereich für Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin. Zu seinen aktuellen Forschungsprojekten zählt neben dem Deutschen Freiwilligensurvey auch der Deutsche Alterssurvey, eine umfassende Untersuchung der Lebenssituation im mittleren und höheren Erwachsenenalter.

Freiwilliges Engagement im Fokus

Der Deutsche Freiwilligensurvey (FWS) ist eine repräsentative Befragung zum freiwilligen Engagement in Deutschland. In etwa halbstündigen Telefoninterviews mit Teilnehmern  ab 14 Jahren werden freiwillige Tätigkeiten und die Bereitschaft zum Engagement ermittelt. Der Survey findet alle fünf Jahre statt (1999, 2004, 2009). Im Rahmen der vierten Welle wurden im Jahr 2014 gut 20 000 Personen befragt. Die Untersuchung ist die Hauptgrundlage der Sozialberichterstattung zum freiwilligen Engagement und wird vom Bundesfamilienministerium gefördert. Die in Kurz- und Langfassung erschienenen Ergebnisse sowie weitere Informationen finden sich unter https://www.dza.de/forschung/fws.html

Termin

Am 23. Juni findet in Berlin die Fachtagung „Freiwilliges Engagement in Deutschland – Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014“ statt, auf der Ergebnisse der Untersuchung präsentiert und diskutiert werden. Die Veranstaltung richtet sich an Politik, Praxis, Wissenschaft und Medien sowie an die interessierte Öffentlichkeit. Nähere Informationen und Anmeldung unter: fws-tagung@dza.de

Engagement-Strategie des Bundes

Zur europäischen „SHARE“-Studie siehe auch unseren Beitrag

Foto Startseite: funkjoker 2012 via flickr https://flic.kr/p/c9t6yo (CC BY 2.0)