„Für Prävention ist es nie zu spät“

Alte und vor allem sehr alte Menschen faszinieren Paul Gellert seit jeher. Für seine facettenreiche Forschung erhielt der Berliner Psychologe kürzlich den Nachwuchswissenschaftler-Preis der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie.

Herr Dr. Gellert, Sie wurden insbesondere für die Vielfalt Ihrer gerontologischen Forschung ausgezeichnet. Wie breit ist das Spektrum?

Ich beschäftige mich mit Themen der Gesundheit und Krankheit Hochaltriger und deren Versorgung, aber auch mit Prävention und Gesundheitswissen über die Lebensspanne – und all dies mit unterschiedlichen Datenquellen und methodischen Zugängen.

Was ist Ihr aktueller Schwerpunkt?

Ein Schwerpunkt ist zurzeit die Multimorbidität bei Hochaltrigen und Bedingungen, die zu einem Heimeintritt führen.

Gibt es dazu schon Ergebnisse?

Ja, wir haben sie unlängst international publiziert. Bei der Auswertung von Daten der Kranken- und Pflegekassen von rund 1400 hochaltrigen Männern und Frauen stellten wir fest, dass diejenigen, die im Alter von 100 und mehr verstorben waren, an weniger Krankheiten gelitten hatten als Personen, die zwischen ihrem 80. und 99. Lebensjahr verstorben waren. So wiesen Personen, die als 100-Jährige verstarben im Quartal vor dem Tod im Mittel 3,3 Erkrankungen auf im Vergleich zu durchschnittlich 4,6 Erkrankungen bei denen, die als 80-Jährige starben. Im Alter von 80 erreicht das Erkrankungsniveau, wie wir beobachten konnten, ein Plateau, um dann abzusinken.

Was schließen Sie daraus?

Hier spielt die Selektion vermutlich eine Rolle, die es unwahrscheinlicher macht, dass multimorbide Menschen 100 Jahre und älter werden. Das landläufige Vorurteil, dass hohes Lebensalter automatisch mit zunehmenden Erkrankungen verbunden ist, ist angesichts unserer Ergebnisse jedenfalls nicht zu halten. Sie sprechen eher für eine Kompression der Erkrankungshäufigkeit, wonach der Beginn altersassoziierter Erkrankungen und Behinderungen immer weiter hinausgezögert wird. Einiges deutet darauf hin, dass der Kompressionseffekt bei der Generation, die jetzt ins hohe Alter vorrückt, noch deutlicher ausgeprägt sein wird. 

Unterscheiden sich die Hochaltrigen in der Art der Erkrankungen?

Tendenziell finden wir ähnliche Erkrankungen in allen Gruppen von Hochaltrigen. Bei 100-Jährigen sind jedoch dementielle Erkrankungen und Herzinsuffizienz häufiger anzutreffen als bei jüngeren Hochaltrigen. Die Jüngeren leiden im Vergleich häufiger unter Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Herzrhythmusstörungen und Niereninsuffizienz. Muskel-Skelett-Erkrankungen betrafen alle untersuchten Altersgruppen in ähnlichem Ausmaß.

In einer weiteren Untersuchung differenzieren Sie zwischen hochaltrigen Heimbewohnern und Personen, die nicht im Heim leben. Um was ging es Ihnen dabei?

Auch hier haben wir die Unterschiede zwischen den Altersgruppen über einen Zeitraum von sechs Jahren untersucht und festgestellt, dass der Anteil derjenigen, die in dieser Zeit neu ins Pflegeheim übersiedeln bei jüngeren Hochaltrigen deutlich größer ist als bei den 100-Jährigen. Insgesamt leben jedoch mehr Menschen im Alter von 100 Jahren und mehr im Heim – im Quartal vor dem Tod sind es fast zwei Drittel von ihnen.

Welche Umstände sind es, die Menschen dazu bringen, ihre Wohnung aufzugeben und ins Heim zu ziehen?

In unserer Studie, die sich allerdings auf Angaben in den Daten der Kranken- und Pflegekasse beschränkt, waren dementielle Erkrankungen und ein Krankenhausaufenthalt in zeitlicher Nähe maßgebliche Faktoren, die einen Heimeintritt vorhersagten. Interessanterweise waren diese Zusammenhänge bei den 100-Jährigen wesentlich schwächer ausgeprägt als bei den Vergleichskohorten jüngerer Hochaltriger. Außerdem war die Nähe zum Tod stärker mit einem Heimeintritt bei den jüngeren Kohorten assoziiert – die Nähe zum Tod war bei diesen also ein relevanter Faktor für den Umzug ins Pflegeheim. Bei den 100-Jährigen ließ sich das jedoch kaum beobachten. Aus der Literatur wissen wir, dass vor allem ein bereits hochaltriges soziales Netzwerk sowie allmählich voranschreitenden Erkrankungen 100-Jährige dazu bringen, in ein Heim zu ziehen. Bei den jüngeren Hochaltrigen sind es eher akute Ereignisse oder eine Demenz.

Sie haben inzwischen eine ganze Reihe von Studien zum Thema Hochaltrigkeit vorgelegt. Leiten Sie daraus bestimmte Empfehlungen ab?

Angesichts der großen Gruppe von 100-Jährigen in Einrichtungen der Langzeitpflege ist es an der Zeit, neue Konzepte für diese Zielgruppen zu entwickeln. Ich denke hier etwa an präventive Ansätze und eine intensivere fachärztliche Versorgung im Pflegeheim, die den Erfordernissen der Bewohnerinnen und Bewohnern gerecht werden.

Für Prävention ist es also nie zu spät?

Man kann tatsächlich in jedem Alter damit anfangen und erstaunliche Gewinne lassen sich auch im hohen Alter noch erzielen. Körperliche Aktivität zum Beispiel kann nicht nur die Mobilität erhalten, sie wirkt sich auch positiv auf die geistige Gesundheit aus und trägt insgesamt zur gesellschaftlichen Teilhabe bei.

Seniorensport © AOK-Mediendienst

Prävention ist das eine: Gibt es weitere Empfehlungen von Ihrer Seite?

Wir haben ein Problem mit der Einnahme vieler unterschiedlicher Medikamente, die belastende Wechselwirkungen haben können. Das sollten wir genauer untersuchen und Strategien für gelegentliches systematisches Absetzen von Arzneimitteln entwickeln. Wichtig wäre mehr Forschung in der pflegerischen und geriatrischen Versorgung von Menschen im hohen Alter. Insgesamt sollte die Lebensqualität sehr alter Menschen stärker in den Blick rücken, statt einzelne Erkrankungen und Einschränkungen zu beforschen. Im Mittelpunkt sollte das stehen, was noch geht.

Sie beschäftigen sich seit Ihrer Studienzeit mit Altern und Hochaltrigkeit. Was motiviert Sie?

Altern und Hochaltrigkeit faszinieren mich seit jeher. Einerseits gibt es Einbußen bis zu einem Punkt, an dem Selbstbild und Identität in Frage gestellt werden. Existentielle Themen der eigenen Endlichkeit, Sterben und Tod rücken stärker in den Vordergrund. Andererseits eröffnen sich neue Ressourcen und Ziele; viele Menschen werden gelassener. Insbesondere um die 100-Jährigen ranken sich zahlreiche Mythen bis hin zur Verklärung. Es gibt kaum Forschungsergebnisse zu dieser Lebensphase – das möchte ich ändern.

Interview: Lilo Berg

Veröffentlichungen:

Gellert, P., von Berenberg, P., Oedekoven, M., Klemt, M., Zwillich, C., Hörter, S., Kuhlmey, A., & Dräger, D. (2017). Centenarians differ in their comorbidity trends during the six years before death compared to individuals who died in their 80s or 90s. The Journals of Gerontology: Series A. doi: 10.1093/gerona/glx136

Gellert, P., Eggert, S., Zwillich, C. Hörter, S., Kuhlmey, A. & Dräger, D. (2018). Long-term care status in centenarians and younger cohorts of oldest old in the last six years of life: Trajectories and potential mechanisms. Journal of the American Medical Directors Association. doi: 10.1016/j.jamda.2018.02.010

Link zum Nachwuchswissenschaftler-Preis

Zur Person

Seit 2014 ist der Psychologe Paul Gellert wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Alternsforschung des Charité-Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitations-wissenschaft. Dort übernimmt er 2019 die Leitung einer Nachwuchsgruppe zur Mobilität hochbetagter Menschen und der Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum (BMBF-Projekt „Mobil im Havelland“). Gellert studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin und promovierte dort mit einer Arbeit zu selbst- und emotionsregulatorischen Prozessen bei körperlicher Aktivität im Alter. Er erhielt den Preis der European Health Psychology Society für die beste Dissertation des Jahres 2012 auf dem Gebiet der Gesundheitspsychologie. 2018 wurde Paul Gellert mit dem Margret-und-Paul-Baltes-Preis der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet.

Foto Startseite: © Cristian Newman via https://unsplash.com/photos/o1PKM7-8AH4