„Ein homogenes Altersbild aufbrechen“

Christine Skiba: Forever young, 2009

Interview mit Josef Ehmer, Historiker

Miriam Buchmann-Alisch sprach mit Josef Ehmer über Altersbilder in Europa. Ehmer ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien und Experte auf dem Gebiet der Forschung über das Altern. Er war Mitglied der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“, wo er den Band "Bilder des Alterns im Wandel" herausgab.

Herr Ehmer, am 1. Oktober würdigen die Vereinten Nation ältere Menschen weltweit. Was geschieht an einem solchen Tag?
Ehmer: Die Internationalen Tage der Vereinten Nationen haben die Funktion, global ein bestimmtes Thema stärker zur Diskussion zu stellen. Der Internationale Tag der älteren Menschen wurde 1999 von den Vereinten Nationen geschaffen. Es liegt an den Organisationen der Länder, was sie aus diesem Tag machen und ob sie ihn überhaupt wahrnehmen.

Kann dieser Tag in Europa dazu beitragen, dass Altersbilder sich ändern?
Ehmer: Ich muss gestehen, dass ich sehr skeptisch bin, da es einige problematische Aspekte dabei gibt, wenn man einen Internationalen Tag der älteren Menschen deklariert. Wer fühlt sich angesprochen, wer zählt sich selbst zu den Älteren? „Ältere Menschen“ ist eine sehr weiche Definition, die sicherlich mit Absicht so gewählt wurde. Wenn man sich aber die Unterlagen der UNO ansieht, dann stößt man darauf, dass es um Menschen über 60 geht. Und da sind wir beim ersten Problem. Die Phase zwischen 60 bis zum durchschnittlichen Sterbealter ist ziemlich lang. Und die Menschen haben sehr unterschiedliche soziale Positionen, gesundheitliche Eigenschaften, Aktivitäten und so weiter.

Ab welchem Alter zählen die Menschen sich denn zu den Älteren?
Ehmer: Die von den meisten Menschen angenommene Schwelle zum Alter wandert nach oben. Gegenwärtige Surveys zeigen, dass auf die Frage, wann das Alter beginnt, sowohl die Jüngeren als auch die Älteren selbst meist 70 bis 75 nennen, also eine Schwelle, die weit höher liegt als die lange Zeit bei 60 angenommene Altersschwelle. Dazu kommt, dass sich die Einzelnen durchschnittlich um zehn Jahre jünger fühlen, als sie tatsächlich sind.

Haben die Menschen eine Abneigung davor, sich zu den Älteren zu zählen?
Ehmer: Das Alter hat in unserer Kultur, vor allem in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, eine negative Konnotation. Deswegen versuchen viele Menschen, sich selbst nicht in die Gruppe der älteren Menschen hineinzurechnen, betrachten sich selbst nicht als alt. In vielen Ländern hat man neue Begriffe gefunden. Im deutschen Sprachraum ist der Begriff des Seniors seit den 1970er Jahren attraktiv geworden, um ältere Menschen zu beschreiben, ohne den Begriff des Alters benutzen zu müssen. Es gibt eine Tendenz der Flucht vor dem Alter, könnte man sagen. Deswegen halte ich es für schwierig, einen solchen Tag im Selbstverständnis der Menschen zu verankern.

Wie kann man ein solch negatives Altersbild verändern?
Ehmer: Zunächst einmal müssen wir fragen: In welche Richtung wollen wir das Altersbild verändern? Am wichtigsten erscheint mir, dass man ein homogenes Altersbild aufbrechen muss. Alter ist sehr verschiedenartig. Alle einschlägigen Forschungen der Verhaltenswissenschaften, der Gesundheitswissenschaften und der Kulturwissenschaften zeigen, dass die Heterogenität der Menschen mit dem Lebenslauf zunimmt.
Ein zweiter Punkt ist ein aktivitätsbezogenes Altersbild. Seit den 70er Jahren hat sich in der Öffentlichkeit und auch in der wissenschaftlichen Literatur ein Bild des „neuen Alten“ ausgebildet, das sehr stark mit Aktivitäten verbunden ist. Diese deutlich sichtbaren Ansätze, das Alter sehr viel weniger mit Hinfälligkeit und Hilfsbedürftigkeit zu identifizieren, sollte man unterstützen. Doch diese Tendenz hat sich noch nicht in allen gesellschaftlichen Bereichen durchgesetzt. Da gibt es Widersprüche, bei denen man einhaken könnte.

Welche Widersprüche sind das?
Ehmer: Zum Beispiel sehen wir in der Werbung ein eindeutig aktivitätsbezogenes Altersbild. Die älteren Menschen, die als Konsumenten angesprochen werden, sind aktiv, machen Urlaub, sind konsumfreudig. In Spielfilmen im Fernsehen dagegen ist noch sehr viel stärker ein traditionelles Altersbild vertreten. Auch dazu gibt es kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen. Die Älteren werden hier im fiktionalen Bereich eher als abhängig und schutzbedürftig dargestellt. In den Printmedien wiederum wird das Thema des Generationenkonflikts immer wieder stark hochgeschaukelt. Es wird von einem Verteilungskampf der Generationen gesprochen, von dem wenig Menschen überzeugt sind, dass er überhaupt existiert. Diese sehr unterschiedlichen Altersbilder müsste man systematisieren.

In der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ haben Sie sich sehr intensiv mit solchen Altersbildern auseinandergesetzt.
Ehmer: Ja, in der Akademiengruppe haben wir einem Teilaspekt große Aufmerksamkeit geschenkt: dem Verhältnis zwischen Alter und Arbeit. Hier stoßen wir auf ganz ähnliche Widersprüche. Man kann zeigen, dass es bei Personalverantwortlichen und Unternehmen relativ differenzierte Einschätzungen der Fähigkeiten von unterschiedlichen Altersgruppen gibt. Die Alten schneiden dabei nicht so schlecht ab. Sie sind in manchen Leistungsbereichen langsamer und schwächer als die Jungen, wenn es darum geht, Neues zu lernen, körperliche Kraft und Schnelligkeit einzusetzen. Aber sie verfügen nach Meinung der Personalmanager unter anderem über hohe soziale Kompetenz, was sehr wichtig für das Betriebsklima ist, und über berufs- und betriebsspezifisches Erfahrungswissen. Das führt zu einer relativ positiven Balance.
Wenn man sich aber die Einstellungspraxis der Unternehmen anschaut, dann stößt man darauf, dass die älteren Arbeitnehmer oder Arbeitsuchenden diskriminiert werden, keinen Zugang zu Arbeitsplätzen finden. Das ist einer der Widersprüche in der Arbeitswelt, die man sehr gezielt aufgreifen müsste. Man muss Aufklärung in den Unternehmen betreiben. Auch gegenüber den Arbeitnehmerorganisationen, die gewerkschaftlich sehr stark dazu neigen, Arbeitnehmer in den mittleren Jahrgängen zu bevorzugen und die Meinung vertreten, dass für Ältere der Ruhestand vorzuziehen wäre. Hier gibt es viele Probleme und die Verpflichtung, durchaus positive Altersbilder in der Praxis auch tatsächlich umzusetzen.

Die Gesellschaft in Deutschland wird immer älter, die Lebenserwartung steigt. Kürzlich war zu lesen, dass momentan die Generation 100 geboren wird, das heißt, dass jedes zweite neu geborene Kind voraussichtlich über 100 Jahre und älter werden wird. Was können wir tun, um die gewonnenen Jahre besser zu nutzen?
Ehmer: Das ist eine Prognose, die man ernst nehmen muss und mit der man rechnen muss.Schon jetzt verbringen in europäischen Ländern viele Menschen auch der gegenwärtigen älteren Generation ein Drittel ihrer Lebenszeit im Ruhestand. Das ist ein sehr großer Lebenszeitraum, und es fragt sich, wie er gefüllt werden kann. Die Menschen mit 70, 80 Jahren sind heute gesünder, aktiver, auch gebildeter, als dies in früheren Zeiten der Fall war. Sie haben mehr Möglichkeiten, ihre Zeit sinnvoll für sich selbst und für die Gesellschaft zu nutzen. Aber das Merkwürdige ist, dass die Aktivitäten, die mit dem Bild des aktiven Seniors zusammenfallen, Erwerbstätigkeit praktisch ausschließen.

Woran liegt das?
Ehmer: Es fehlen die Übergangsmöglichkeiten. Auch Rückkehrmöglichkeiten bestehen eigentlich nicht. Das ist eines der zentralen Probleme. Wer sich einmal verabschiedet hat aus der Arbeitswelt, findet nicht mehr zurück. Es müsste eine stärkere Durchlässigkeit der Altersgrenzen und der Grenzen zwischen Erwerbseinkommen und Renteneinkommen geschaffen werden. Nicht nur im höheren Alter. Das wäre ein Projekt, das alle Lebensphasen ergreifen sollte. Ich plädiere nicht dafür, dass Menschen im Laufe ihres Lebens unbedingt länger erwerbstätig sein müssen. Aber es erscheint mir nicht einleuchtend, warum dieser Zugewinn an Freizeit in so großem Maß in das letzte Lebensdrittel fällt. Warum nicht auch in das zweite Lebensdrittel, wo mitunter eine sehr starke Belastung durch Beruf und Familie herrscht?

Weshalb haben sich solche Modelle bei uns noch nicht durchgesetzt?
Ehmer: Es gibt in unserer europäischen Kultur eine intellektuelle Tradition, den Ruhestand sehr positiv zu bewerten unddie späte Lebensphase als Berechtigung anzusehen,zurückzutreten und Positionen frei zu machen. Dies ist ein Konzept des Ruhestands, das letztlich auf Cicero zurückgeht. Dies aus dem antiken Rom stammende Konzept taucht in der europäischen Geschichte von der Renaissance an immer wieder auf. Ich denke, dass wir diese Tradition nicht völlig über Bord werfen sollten. Doch wir sollten versuchen, Möglichkeiten für Balance finden. Wir sollten Zeit für familiäre Aktivitäten und bürgerschaftliches Engagement haben, aber zugleich auch die Möglichkeit, den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend noch erwerbstätig zu sein.

Welche Ansätze gibt es dazu?
Ehmer: In Deutschland gibt es bereits Möglichkeiten für Korridore in die Rente, wo man einige Jahre nur zur Hälfte arbeiten könnte. Das Merkwürdige aber ist, dass viele Menschen es gegenwärtig vorziehen, in einer Übergangsphase von fünf Jahren zweieinhalb Jahre voll zu arbeiten und die nächsten zweieinhalb Jahre gar nicht. Eine Kultur der Durchmischung hat sich bei uns noch zu wenig durchgesetzt. Hier wäre sehr viel Aufklärung notwendig. Man müsste attraktive Modelle entwickeln, die einen Ansporn bieten.

Können wir im Hinblick auf solche neuen Modelle von anderen Ländern lernen?
Ehmer: Vor allem Schweden ist beispielgebend und sehr erfolgreich auf diesem Weg. Die Erwerbsquoten älterer Menschen sind wesentlich höher als in Mittel- und Südeuropa. Dieser skandinavische Weg beginnt schon in frühen Lebensphasen. Wenn man die Arbeitsfähigkeit und die tatsächliche Arbeitstätigkeit des Menschen im Lebenslauf verlängern möchte, dann muss man schon sehr früh darauf achten, dass die Gesundheit im Arbeitsprozess erhalten bleibt und dass die Menschen sich im Lauf ihres Lebens kontinuierlich weiterbilden, in beruflicher Hinsicht, aber auch in allgemeiner Hinsicht, um nicht den Anschluss an neue gesellschaftliche Entwicklungen und Bedürfnisse zu verlieren. Gesundheit und lebenslanges Lernen – das wird in skandinavischen Ländern ernster genommen als im Rest von Europa.

Josef Ehmer auf Wikipedia