„Ein achtzigjähriger Marathonläufer sollte nicht hungern“

Foto: Till Budde/DIfE

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Tilman Grune, Mediziner und Vorstand am Deutschen Institut für Ernährungsforschung, über leichtes Übergewicht im Alter, den Trend zur personalisierten Diät und eine neue Studie zum gesunden Altern

Herr Professor Grune, lässt sich der Alterungsprozess durch Ernährung aufhalten?

Das werde ich oft gefragt und ich muss sagen, der Gedanke widerstrebt mir. Schließlich ist das Altern ein normaler physiologischer Prozess, der mit der Geburt beginnt und sich durch unser ganzes Leben zieht. Wir können nur vorzeitiges Altern verhindern – durch Ernährung, aber auch durch Bewegung, Stressreduktion und andere gesunde Verhaltensweisen.

Welche Ernährung empfehlen Sie Menschen, die möglichst lange jung bleiben wollen?

Ich rate ihnen, viel Gemüse und Obst zu essen, dazu Getreideprodukte und wenig Wurst und Fleisch.

Das hört man doch schon seit Jahrzehnten.

Sie haben Recht, das klingt verdammt langweilig. Aber es gibt auch Neuerungen, im Kleinen wie auch im Großen.

Fangen wir beim Kleinen an.

Der Stellenwert von Gemüse steigt: Davon sollte man so viel wie möglich verzehren, mehr noch als Obst. Früher hat man Fleisch und Wurst in einen Topf geworfen, da differenzieren wir inzwischen stärker. Heute wird eher Fleisch als Wurst empfohlen, und weißes Fleisch eher als rotes.

Gilt das für alle Menschen gleichermaßen oder gibt es Unterschiede?

Das sind Standardempfehlungen, die niemandem schaden. Aber selbstverständlich ist jemand, der fünf Mal in der Woche rotes Fleisch isst und sich kaum bewegt anders zu bewerten als ein anderer, der bei gleichem Fleischverzehr viel Sport treibt. Die Zusammenhänge sind sehr komplex.

Lassen sie sich überhaupt entschlüsseln?

Wir sind dabei und damit wären wir auch gleich bei den großen Neuerungen in der Ernährungsforschung. Es geht um eine personalisierte Diät, zugeschnitten auf die Besonderheiten und Bedürfnisse jedes Einzelnen.

Wie weit sind Sie auf diesem Weg?

Der Anfang ist gemacht. Und erste Beispiele sind allgemein bekannt: die salzarme Kost für Menschen mit Nierenproblemen oder auch die Diätempfehlungen bei hohem Cholesterinspiegel. Aber das sind Empfehlungen für größere Gruppen von Patienten, individuell ist das noch nicht. Dafür brauchen wir mehr Forschung.

Was könnte diese Forschung mit Blick auf das Altern bringen?

An meinem Institut wollen wir krankhafte Prozesse im Körper besser verstehen und herausfinden, ob sie sich durch Ernährung günstig beeinflussen lassen. Ausgelöst werden die Schäden unter anderem durch Proteinansammlungen in Zellen, wie sie durch Krankheit oder Alterung entstehen. Unser Ziel ist, diese Entwicklung zu verhindern oder, falls es für eine Prävention zu spät ist, das Wachstum der schädlichen Proteinaggregate zu stoppen und diese letztendlich zu entfernen.

Auch aus Nervenzellen, wo solche Prozesse zu Parkinson und Alzheimer führen können?

Möglich ist das, aber vermutlich erst in ferner Zukunft.

Wissen Sie schon, mit welcher Ernährung sich Ihr Ziel erreichen lässt?

Sekundäre Pflanzenstoffe wie zum Beispiel das Oleuropein im Olivenöl wirken in diese Richtung.

Wer sich vor Alzheimer schützen will, sollte also viel Olivenöl zu sich nehmen?

Für solche Empfehlungen ist es noch zu früh und außerdem handelt sich ja nicht um das Öl als Ganzes, sondern um einzelne Bestandteile. Ich könnte mir vorstellen, dass sich eine Kombination aus einem bestimmten Ernährungsstil und speziellen Präparaten als günstig erweisen wird.

Viele Menschen wollen bald wissen, wie sie sich ernähren sollen, um gesund zu altern. Wann ist mit konkreten Hinweisen aus Ihrem Institut zu rechnen?

Ich hoffe, dass wir gegen Ende dieses Jahrzehnts erste Empfehlungen geben können. Derzeit laufen die Vorbereitungen für ein großes Forschungsprojekt, bei dem es um die richtige Ernährung für ein gesundes Altern geht. Das Projekt heißt Nutritional Intervention for Healthy Aging, kurz Nutriact, und beteiligt sind zahlreiche Forschungsinstitute und Wirtschaftsunternehmen aus Berlin und Potsdam. Die Grundidee ist, dass auch durch eine Ernährungsumstellung um den fünfzigsten Geburtstag herum altersbedingte Krankheiten noch weitgehend vermieden werden können.

Wie wollen Sie das nachweisen?

Durch Untersuchungen an mehr als fünfhundert Studienteilnehmern zwischen fünfzig und siebzig Jahren, die unterschiedlichen Speiseplänen folgen. Eine Gruppe wird eine altersgerechte Diät gemäß den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung erhalten. Die Ergebnisse aus dieser Gruppe wollen wir vergleichen mit den Untersuchungswerten aus anderen Gruppen, in deren Speiseplan bestimmte Fettsäuren, Ballaststoffe und Pflanzenproteine betont sind. Aus bisherigen Studien wissen wir, dass diese Nahrungsbestandteile den Stoffwechsel günstig beeinflussen.

Wird Ihre Studie individuelle Ernährungsempfehlungen ermöglichen?

Ja, das streben wir an. Wir werden die persönliche Situation in Betracht ziehen – chronische Erkrankungen, sportliche Aktivität oder Unverträglichkeiten – um den optimalen Nahrungsmix zur ermitteln. Wir wollen auch dazu beitragen, dass Mikronährstoffe wie Vitamine und Spurenelemente künftig bedarfsgerecht ergänzt werden können und nicht mit einem Standardpräparat aus dem Supermarkt.

Immer wieder hört man von den Vorteilen einer kalorienreduzierten Kost im Alter – wie halten Sie es damit in Ihrer Studie?

Im Alter verändert sich die Körperzusammensetzung. Viele Menschen werden körperlich inaktiver, so dass ihr Energiebedarf bei gleichbleibendem Vitamin- und Mineralstoffbedarf sinkt. Daher neigen jüngere Senioren oft zu Übergewicht und den damit verbundenen Folgeerkrankungen. Das alles berücksichtigen wir in unserer Studie. Bei Hochbetagten, die ja nicht an der Untersuchung teilnehmen, ist die Situation anders: Bei ihnen, und das ist wissenschaftlich gesichert, kann leichtes Übergewicht vorteilhaft sein kann – sie haben dann bei Krankheiten etwas zuzusetzen.

Was meinen Sie mit leichtem Übergewicht?

Als normal gilt ein Body-Mass-Index zwischen 18,5 und weniger als 25, im Alter darf er auch höher liegen. Es stimmt jedenfalls nicht, dass Ältere generell weniger Kalorien brauchen – ein achtzigjähriger Marathonläufer sollte nicht hungern, sondern er muss ordentlich Energie aufnehmen, um seinen Bedarf zu decken.

Interview: Lilo Berg

Der Mediziner und Ernährungstoxikologe Prof. Dr. Tilman Grune (52) ist seit 2014 Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke und Professor an der Universität Potsdam. Sein Spezialgebiet sind die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Alterungsprozessen.

Das zur Leibniz-Gemeinschaft gehörende DIfE erforscht die Ursachen ernährungsbedingter Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. An dem Institut werden zudem innovative Strategien für Prävention, Therapie und Ernährungsempfehlungen entwickelt. Der Forschungszweig „Ernährung für ein gesundes Altern“ wird derzeit weiter ausgebaut.

 

Weiterführende Informationen:

Homepage des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung

 

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