„Diese Bilder machen Mut!“

Vier Fragen an Sabine Aichele-Elsner, Kuratorin der Wanderausstellung „Neue Bilder vom Alter(n)“

Ihre Aufgabe war es, eine Ausstellung zu kuratieren, die die Vielfalt des Älterwerdens sowie die Chancen und Probleme der alternden Gesellschaft darstellt. In den letzten Monaten führten Sie Dutzende von Besuchergruppen durch die Ausstellung. Wie reagieren die Besucher auf die neuen Bilder vom Altern(n)?

Aichele-Elsner: Viele besuchen die Ausstellung, weil sie sehen möchten, was denn an den Bildern vom Alter neu sein soll. Viele sind also einfach neugierig. Aber es gibt natürlich auch Besucher, die die Bilder kritisch betrachten – im Gästebuch gab es sogar Debatten darüber, was denn nun das „richtige“ Bild vom Altern sei. Ein Besucher schrieb: „Die Ausstellung ist sehr interessant, aber wo sind die „normalen“ Alten?“ Er fand die Menschen wohl zu aktiv und vielfältig dargestellt. Ein anderer Besucher antwortete direkt auf diesem Kommentar: „Ich arbeite seit Jahren in der Altenpflege und erkenne alles wieder, was ich gesehen habe. Die auf den Bildern, das sind die Normalen.“

Unterscheidet sich die Reaktion je nach Alter der Betrachter?

Aichele-Elsner: Bei den Kindern und Jugendlichen war das Foto von einer alten Frau, die auf dem neuesten Modell einer Computer-Spielkonsole Sport trainiert, der Renner. Diese Konsole hätten viele Jugendliche selbst auch gerne. Das schafft tatsächlich eine Nähe zwischen den Generationen. Die meisten älteren Besucher sagen zu den Fotos: `Toll! Diese Bilder machen Mut. Ich brauche mich nicht zu schämen, dass ich alt bin.` Das Foto

Renate Maucher: Hans und Marianne Weber, 2007eines über 80jährigen Winzerehepaares gefällt vielen Besuchern dabei sehr. Die beiden haben ihr Leben lang ein Weingut bewirtschaftet und tun es immer noch. Viele Betrachter empfinden großen Respekt vor dieser Leistung.

Renate Maucher: Hans und Marianne Weber, 2007

Für besonders viel Aufsehen und Diskussion sorgt das Gewinnerbild von Gerhard Weber: Ein älteres Liebespaar in roter Satinwäsche in ihrem Schlafzimmer. Menschen ab 60 oder 70 Jahre mögen dieses Foto, weil es zeigt: Man braucht sich und sein Bedürfnis nach Liebe und Sexualität nicht verstecken, wenn man älter wird. Viele 50jährige sehen das allerdings ganz anders. Sie ärgern sich über das Foto und fragen mich, warum die Falten auf diesem Foto nicht retuschiert seien. In Filmen oder in der Werbebranche werde das doch auch so gemacht. Sie möchten diese Darstellung des Alters mit seinen Falten nicht sehen.

Gibt es auch andere Fotos, auf die Besucher besonders stark reagieren?

Aichele-Elsner: Generell sorgen die Fotos, die wir als „neue Fotos“ einsortiert hatten, für viele Reaktionen von Lachen bis Irritation. Zum Beispiel auch das Bild von einer Gruppe älterer Motorradfahrer. Durch dieses Bild kommen viele ins Nachdenken. Und merken, dass sie das eigentlich selbst schon gesehen haben: Eine Gruppe Günter Dudde: BikerMotorradfahrer hält an, alle ziehen ihre Helme ab und das schlohweiße Haar kommt zum Vorschein. Die Besucher kommen beim Rundgang durch die Ausstellung ins Überlegen: Was empfinde ich eigentlich als typisch alt? Wo sind die Alten in meinem Alltag? Nehme ich sie vielleicht einfach nur nicht wahr? Die Fotos führen zu solchen Gedanken und vielen Gesprächen. Und am Ende sagen viele Besucher: Stimmt, die Vielfalt ist tatsächlich viel größer als wir dachten.

Was hat Sie als Kuratorin an der Ausstellung besonders beeindruckt?

Aichele-Elsner: Viele Fotografen haben sich für die Fotos mit dem eigenen Lebenslauf und dem Älterwerden beschäftigt – viele von ihnen sind ja erst 30 oder 40 Jahre alt. Die Vielfalt dieser Auseinandersetzung hat mich beeindruckt. Zum Beispiel die Bilder von Daniela Risch, die den dritten Preis im Wettbewerb gewonnen hat. Sie hat sich selbst in den Kleidern ihrer Mutter an den Orten ihrer Mutter fotografiert. Diese Bilder sorgen in jeder Ausstellung für Irritation, weil sie eine junge Person darstellen. Man fragt sich: Wie alt ist die Frau denn? Ist sie alt oder nicht? Man kann auf den Fotos sehen, wie schwierig die Zuordnung zu einem Alter sein kann. Daniela Risch stellte durch das Foto-Projekt selbst fest, dass ihr Leben in bestimmten Bereichen gar nicht so weit von dem Leben ihrer Mutter entfernt ist, wie sie zuvor dachte.

Auch das große Stickbild von Thomas Xaver Dachs ist in so einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen älteren Verwandten und dem Älterwerden entstanden. Das Foto zeigt seine Oma, bei der er groß geworden ist, an ihrem Tisch sitzend. An diesem Tisch saß auch Dachs als Kind häufig, machte seine Hausaufgaben und seine Oma stickte. Das zweite Bild zeigt deshalb das gleiche Motiv – jedoch als Stickvorlage. Die Oma wird diese Vorlage nach und nach besticken. Enkel und Großmutter schaffen dieses Werk gemeinsam. Ganz nebenbei zeigen diese Bilder auch, welche Möglichkeiten der Verbindungen zwischen den Generationen sich heute bieten, weil die Menschen so alt werden. Denn ohne unser langes Leben wären solche Begegnungen zwischen Enkel und Großeltern ja gar nicht möglich.