„Die meisten älteren Menschen sind zufrieden“

Was ist ein gelingendes Alter? Was zeichnet Lebensqualität im Alter aus? Was ist eine „Kunst des Alterns“? Diese Fragen standen am 12. September 2013 im Berliner Festspielhaus auf der Agenda. Zu einem Gespräch unter dem Titel „Lebensqualität“ trafen der 91-jährige Autor, Journalist und Filmemacher Georg Stefan Troller und der Altersforscher Prof. Clemens Tesch-Römer zusammen. Moderiert wurde der Dialog von der Journalistin Christine Eichel.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Projekts „Weltweisheit – Kulturen des Alterns“ statt, das vom Internationalen Literaturfestival Berlin anlässlich des „Wissenschaftsjahres 2013 – Die demografische Chance“ initiiert wurde. Am Projekt nahmen internationale Schriftsteller und Journalisten sowie führende deutsche Altersforscher teil. Der mehrfache Grimme-Preisträger Troller wurde vor allem durch das von ihm in den 1960er Jahren produzierte Fernsehmagazin „Pariser Journal“ berühmt und ist seitdem nicht nur als Filmemacher und Drehbuchautor, sondern auch als Verfasser zahlreicher Bücher bekannt. Tesch-Römer ist seit 1998 Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) und seit 2003 zudem außerplanmäßiger Professor an der Freien Universität Berlin.

Clemens Tesch-Römer © Stefan Thissen

Clemens Tesch-Römer © Stefan Thissen

„Wie kommt man als junger Mann zur Altersforschung?“, fragte der 91-jährige Troller den 1957 geborenen Wissenschaftler, der zunächst etwas verblüfft darauf hinwies, nicht mehr so ganz jung zu sein, und dann antwortete: „Das war Zufall, würde ich sagen.“ An eine Kompassnadel, welche die Richtung eines Lebensweges bestimmen würde, glaube er nicht. Die Sicht auf das eigene Leben sei „eine Mischung aus dem, was wir hoffen und wünschen, und dem was passiert.“ Der Mensch sei in der Lage, aus allen Faktoren rückblickend eine zusammenhängende Realität herzustellen. Auch die vielen unverhofften Begebenheiten, die einen individuellen Lebensweg beeinflussen, würden später im Bewusstsein einer solchen „Rekonstruktion“ unterworfen. Die Zufälle, die ihn zu seiner Tätigkeit als Altersforscher geführt hätten, bewertete Tesch-Römer als glücklich: „Das war das Spannendste, was mir passieren konnte.“

 

Stefan Troller © A. GandtschiTroller teilte die Auffassungen des Altersforschers nur bedingt: „Im Großen und Ganzen bin ich das geworden, worauf ich als Kind angelegt war.“ Dies sei bei den meisten Menschen so, „sie haben es nur vergessen.“ Die Auswirkungen unerwarteter Geschehnisse auf den Lebensweg wollte er dabei nicht prinzipiell bestreiten: „Natürlich gibt es äußerliche Einflüsse, die etwas verhindern können, tausend Dinge können dazwischen kommen.“ Nichtsdestotrotz gäbe es grundsätzlich etwas wie eine innere Kompassnadel oder „einen inneren Magneten“, der im Normalfall den Lebensweg nicht nur nachhaltig beeinflusse, sondern den Menschen sogar zu bestimmten Ereignissen hinsteuere.

Auf die von der Moderatorin gestellte Frage, wann der Moment gewesen sei, in dem er sich zum ersten Mal alt gefühlt habe, antwortete Troller: „Einen Moment gab es nicht, sondern man findet zu seiner eigenen Überraschung immer mehr Hindernisse, wo vorher keine waren.“ Unzufrieden sei er mit seiner Lebenssituation deshalb aber nicht. „Das wichtigste ist doch, das der Kopf noch funktioniert.“ Tesch-Römer erklärte, dass eine solche Sicht auf das eigene Alter keineswegs ungewöhnlich sei: „Die meisten älteren Menschen sind zufrieden oder sehr zufrieden, und die Anzahl der Menschen, die sehr zufrieden sind, nimmt mit steigendem Alter noch zu.“ Eine Interpretation dieses Zusammenhangs läge darin, dass Menschen im höheren Alter „die Wertigkeiten anders ausrichten, um die Zufriedenheit zu erhöhen.“ Dass sich objektiv negative Lebensumstände nur in relativ geringem Ausmaß auf die subjektive Lebensqualität auswirken, wird in der Forschung als „Zufriedenheitsparadox“ bezeichnet. Der geschilderte Zusammenhang kann bei den meisten Menschen beobachtet werden, aber, wie der Altersforscher betonte, nicht in allen Lebenslagen: „Wenn etwas wirklich Schlimmes wie der Verlust des Lebenspartners geschieht, sind dem Grenzen gesetzt.“

Die Frage, ob er ein Rezept zum Erreichen eines hohen Alters mitteilen könne, verneinte Troller: „Das scheint mir genetisch bedingt zu sein. Mein Vater wurde 91, mein Bruder ist 94 Jahre alt. Ich glaube, das ist einfach Glück.“ Um diese Interpretation zu untermauern, fügte er hinzu: „Ich habe seit meiner Kindheit keinen Sport mehr getrieben.“ Dieser Aussage Trollers stand Tesch-Römer aus Sicht der Altersforschung allerdings skeptisch gegenüber. Grundsätzlich solle man drei einfache Regeln beherzigen: „Sei aktiv, pflege deine Beziehungen, und tue etwas, was dir Spaß macht. Wenn man das verbindet, kann man ganz gut alt werden.“ Darüber hinaus gelte das Motto: „Fang früh an, aber es ist nie zu spät.“

Miriam Buchmann-Alisch

Weiterführende Informationen:

Internationales Literaturfestival Berlin
Programmsparte „Weltweisheit – Kulturen des Alterns“

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