„Die Elastizität unserer Gesellschaft ist erstaunlich“

In nur wenigen Jahren hat Deutschland sich stärker verändert, als es vielen bewusst ist. Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther spricht in einem Gastbeitrag für die „Zeit“ sogar von einer schleichenden Revolution, zu deren Auslösern der demografische Wandel zählt. Das Land habe einen Vorsprung gewonnen, den es jetzt, angesichts neuer Herausforderungen, zu nutzen gelte.

Foto: Institut der Deutschen Wirtschaft Köln

Foto: Institut der Deutschen Wirtschaft Köln

Herr Professor Hüther, anders als in vielen Nachbarländern sei die Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge in Deutschland immer noch sehr hoch, schreiben Sie in der „Zeit“. Wie erklären Sie die größere Offenheit hierzulande?

Sie ist das Ergebnis vieler Veränderungen auf zahlreichen Ebenen. Begonnen hat die Entwicklung im Jahr 2000 und seither ist eine modernere, offenere und plurale Gesellschaft entstanden, wie sie noch in den 1990er-Jahren nicht denkbar gewesen wäre. Denken wir zum Beispiel an das Ganztagsschulprogramm, die Exzellenzinitiative der Universitäten oder die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, aber auch an die Förderung der Zivilgesellschaft. Erst wenn man die vielen einzelnen Schritte zusammen betrachtet, wird klar, wie gewaltig sich unser Land verändert hat – in nur einer Dekade und so umfassend wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Das Tempo des Wandels ist beeindruckend, doch wie belastungsfähig ist unser Gemeinwesen?

Nach meinem Eindruck ist die Elastizität der Bürgergesellschaft erstaunlich groß. Das hat auch mit der anhaltenden wirtschaftlichen Stabilität im Land zu tun. Deutschland hat es geschafft, sich mit seinen Industrieprodukten und Dienstleistungen in einer globalisierten, digitalisierten Welt zu behaupten. Umgekehrt ist die größere gesellschaftliche Offenheit gut für den Wirtschaftsstandort – die beiden Prozesse stützen sich gegenseitig.

Auch die Arbeitswelt ist vielfältiger geworden, etwa durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen. Stimmen die Voraussetzungen, um jetzt Abertausende Flüchtlinge und Zuwanderer zu integrieren?

Ich sehe das – trotz aller Mühen und Herausforderungen – im Prinzip optimistisch. Die Grundhaltung in unserer Gesellschaft ist relativ entspannt, außerdem verfügen wir über die erforderlichen Strukturen. Die duale Ausbildung in Betrieb und Schule ist zum Beispiel  ein hervorragender Weg zur Integration für Jüngere, die hier bleiben wollen. 

Es kommen aber auch viele Ältere, die zwar Geld verdienen, aber keine Ausbildung mehr machen wollen. Wie kann dann die Integration gelingen?

Wir müssen zunächst die Beschäftigungsfähigkeit testen und versuchen, einen geeigneten Job zu finden. Es werden derzeit viele neue Arbeitsplätze geschaffen, und wobei wir aufpassen müssen, dass kein neuer Billiglohnsektor entsteht.

Viele Deutsche sind seit den Übergriffen in der Silvesternacht skeptischer in der Flüchtlingsfrage geworden. Wie ist die Stimmung derzeit in der deutschen Wirtschaft?

Wie in der übrigen Bevölkerung auch gibt es Großherzige und Kleinmütige. Dass die Stimmung in den Unternehmen kippt, kann ich nicht erkennen. Es kommt jetzt alles darauf an, wie die Politik die Situation in den Griff bekommt.

Zu den großen Veränderungen unserer Zeit zählt auch der demografische Wandel. Er beschert vielen Menschen „gewonnene Jahre“ – ein Begriff, den die Wissenschaftsakademien Leopoldina und acatech prägten. Eine längere Lebensarbeitszeit ist möglich, aber sind die Deutschen bereit dafür?

Dass eine weiter steigende Lebenserwartung zu einer Erhöhung des Rentenalters führen muss, wird von den meisten Menschen akzeptiert. Die Vorteile zeigen sich auch immer deutlicher: Wer arbeitet, ist in der Regel zufriedener und kann sich mehr leisten als andere, die untätig sind. Für die Zukunft brauchen wir noch mehr zeitliche Flexibilität in den Unternehmen. Diese Entwicklung ist schon in vollem Gange und sie kommt auch jüngeren Beschäftigten zugute, die Familie und Beruf besser vereinbaren wollen.

Interview: Lilo Berg

 

Prof. Dr. Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Am 21. Januar 2016 erschien sein Gastbeitrag „Der unbemerkte Wandel“ im Wochenmagazin „Die Zeit“.

 

Foto Startseite: Sascha Kohlmann 2013 via flickr https://flic.kr/p/fyoNot