„Die Babyboomer verbessern das Image des Alters“

Noch sind negative Altersbilder vorherrschend. Sie prägen Arbeitswelt und Gesundheitsversorgung, Denken und Verhalten. Welche Folgen das hat und was sich dagegen tun lässt, erörtert ein internationales Autorenteam aus Forschung und Politik.

Herr Professor Tesch-Römer, Sie haben gerade einen umfangreichen Sammelband über Altersdiskriminierung herausgegeben, gemeinsam mit Ihrer Kollegin Liat Ayalon aus Israel. Warum dieses Thema jetzt?

Weil immer mehr Menschen älter werden und einen wachsenden Anteil an der Bevölkerung haben. Und weil abwertende Einstellungen, negative Stereotype und handfeste Benachteiligungen nicht nur den Betroffenen schaden, sondern auch der Gesellschaft als Ganzes. Dazu gibt es viele neue Erkenntnisse aus der internationalen Forschung, die wir in dem Band zusammentragen.   

Was kann man sich konkret unter Altersdiskriminierung vorstellen?

Wenn eine Jobbewerbung rein aus Altersgründen nicht berücksichtigt wird, wenn nicht mehr in die Fortbildung der Mittfünfzigerin investiert wird, wenn die Bank den Kreditwunsch einer Rentnerin ablehnt, wenn der ältere Patient nur noch die billigeren Therapien erhält – das sind nur einige Beispiele für Benachteiligungen im Alltag.

Nimmt Altersdiskriminierung tendenziell zu?

Aus unseren Daten lässt sich das nicht ablesen. Für den Deutschen Alterssurvey haben wir 2008 und 2014 nach Diskriminierung gefragt und beide Male berichteten weniger als zehn Prozent von entsprechenden Erfahrungen. Bei der europaweiten Befragung Eurobarometer ging der Anteil sogar leicht zurück.

Es handelt sich also nicht um ein Massenphänomen?

So ist es. Allerdings muss man auch sagen, dass Altersdiskriminierung oft nicht als solche wahrgenommen wird. Viele Betroffene finden es akzeptabel, dass Jüngere bevorzugt werden und würden sich nicht dagegen auflehnen.

Obwohl das Antidiskriminierungsgesetz von 2006 auch die Ungleichbehandlung aus Altersgründen ausdrücklich untersagt?

Auf diesen Passus berufen sich bislang nur wenige. Das ist ganz anders als in Genderfragen, wo die Gerichte häufig angerufen werden.

Apropos Gender: Haben Frauen und Männer gleichermaßen unter altersbezogener Benachteiligung zu leiden?

Frauen klagen häufiger darüber und manche berichten sogar von einer doppelten Marginalisierung aufgrund ihres Geschlechts und ihres Alters. Einen weiteren Unterschied macht die Bildung: Während nur 8 Prozent der Personen mit einem hohen Bildungsabschluss Benachteiligungen wahrnehmen, sind es bei denjenigen mit niedrigem Abschluss ganze 20 Prozent. Der Professor mit seinen 80 Jahren wird also besser behandelt als der Arbeiter mit 60.

Werden die Babyboomer, die jetzt in großer Zahl ins Rentenalter rücken, an der Schieflage etwas ändern?

Die Babyboomer werden vermutlich offensiver gegen klare und latente Altersgrenzen und Benachteiligungen vorgehen. Es müssen ja nur ein paar Musterprozesse durchgefochten werden – unterstützt zum Beispiel von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen BAGSO – und schon ist das öffentliche Bewusstsein geschärft. Aber die geburtenstarken Jahrgänge werden, so hoffe ich, noch ganz anders zum Rückgang der Altersdiskriminierung beitragen.

Inwiefern?

Sie altern offenbar gesünder und leistungsfähiger als frühere Generationen. Dadurch wird sich das gesellschaftliche Image des Alters verbessern, was wiederum Diskriminierungen unwahrscheinlicher macht.

Image, Einstellungen, Stereotype: Kann man sagen, dass individuelle und gesellschaftliche Alterszuschreibungen großen Einfluss haben?

Einen sehr großen sogar. Wir wissen zum Beispiel, dass Personen mit einer negativen Vorstellung vom Alter gesundheitlich schlechter dran sind als andere, die damit positive Erwartungen verbinden. Man kann fast schon von einer selbsterfüllenden Prophezeiung sprechen. Die US-Psychologin Becca Levy – sie ist weltweit führend in diesem Bereich – erklärt das mit ihrer Stereotype-Embodiment-Theorie, kurz SET: Die in der Kindheit verinnerlichten Altersbilder werden im Laufe des Lebens zu Selbstbildern, prägen bewusst und unbewusst das Gesundheitsverhalten und gehen so regelrecht unter die Haut.

Hat man eine Chance gegen diese Programmierung?

Ja, aber es kann dauern. Ich will das mit einem persönlichen Beispiel illustrieren: Vor zwölf Jahren, ich war gerade fünfzig geworden, bekam ich meine ersten Hörgeräte. Sie waren klein und unauffällig, aber ich fühlte mich auf einen Schlag alt. Nicht nur das, ich verhielt mich auch wie ein älterer Mensch, wurde übervorsichtig und lauerte ständig auf neue Zeichen des Abbaus. Die anderen sollten von alldem bloß nichts merken! Zum Glück wurde mir eines Tages klar, dass ich ein Opfer meiner eigenen Vorurteile geworden war. Seither kann ich offen darüber reden und der eingebildete Niedergang ist passé. 

Offenbar binden Altersstereotype eine Menge Energie. Können wir auf sie verzichten?

Ob wir uns ganz von ihnen befreien können, weiß ich nicht. Stereotype Vorstellungen vom Alter gab es wahrscheinlich schon immer. Aber sie wurden in den letzten 150 Jahren zunehmend negativer, wie Becca Levy in einer viel beachteten Untersuchung von Zeitungsartikeln herausgefunden hat. Für unsere heutige Gesellschaft wäre es sicher besser, wenn wir uns von allzu starren Bildern lösen würden. Dazu gibt es sogar schon Berechnungen, die einen positiven Effekt auf den Arbeitsmarkt nachweisen.

Sie sind Psychologe und hatten beruflich bedingte Vorteile im Ringen mit den Stereotypen. Was hilft all den anderen?

Übertrieben positive Altersbilder, so wie man sie in manchen Ausstellungen sehen kann, helfen jedenfalls nicht. Sie wirken unglaubwürdig und riechen nach Propaganda. Wir brauchen realistische und zugleich hoffnungsvolle Ansätze, die der Vielfalt des Alters gerecht werden. Und die Ermutigung, den eigenen Weg zu finden.

In Ihrem Buch schreiben Experten aus Forschung und Politik aus 35 europäischen Ländern. Was können wir bei dem Thema von den anderen lernen?

Ein Autorinnenteam hat ein spannendes Kapitel zur Vermeidung negativer Altersbilder in der Schule geschrieben. Und zur Frage, wie man mit abwertenden Stereotypen in den Medien umgehen kann, geben ein belgischer Kollege und eine rumänische Kollegin Hinweise: Es ist nicht ganz einfach, aber anstelle ausschließlich negativer und ausschließlicher positiver Bilder scheint es sinnvoll zu sein, die große Unterschiedlichkeit alter Menschen zu zeigen.

Altersdiskriminierung gibt es weltweit. Wer steht dagegen auf?

Die Vereinten Nationen bereiten eine Charta der Rechte älterer Menschen vor. Auf Betreiben südamerikanischer Länder wurde eine Open-Ended Working Group on Ageing eingesetzt. Der Prozess läuft seit 2010 und kürzlich fand die neunte Sitzung statt.

Was versprechen Sie sich von der Initiative?

Ob sie ein Erfolg wird, kann man noch nicht sagen. Ich glaube aber, dass die Diskussion um die Charta das Bewusstsein dafür schärfen wird, wie wir mit älteren Menschen umgehen – und damit auch mit uns als den Alten der Zukunft.

Interview: Lilo Berg

Foto: Katharina LuxZur Person

Der Psychologe Prof. Dr. Clemens Tesch-Römer (Foto: Katharina Lux) ist seit 1998 Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) in Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Lebensqualität, Wohlbefinden und Gesundheit im Alter. Das DZA ist eine Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Bundesfamilienministeriums und erarbeitet unter anderem den Deutschen Alterssurvey und den Deutschen Freiwilligensurvey.

Buch

Ayalon, Liat und Tesch-Römer, Clemens: Contemporary Perspectives on Ageism, Springer, Heidelberg 2018; Reihe: International Perspectives on Ageing, Bd. 19

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