„Die Altenpflege braucht eine wirksame Interessenvertretung“

Höhere Löhne und mehr Personal für die gesamte Branche – diese beiden Wünsche stehen für Altenpflegekräfte ganz weit oben, wie eine Befragung ergab. Wer dazu noch auf hohe Qualitätsstandards Wert legt, braucht gewerkschaftliche Unterstützung, sagt Studienleiter Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel.

Herr Professor Schroeder, Pflege müsse auf der politischen Agenda höchste Priorität erhalten, forderte jüngst Bundespräsident Steinmeier und ähnlich wie er äußern sich immer mehr Stimmen im politischen Berlin. Woher kommt das neue Interesse an der Altenpflege?

Der Anteil der Älteren nimmt im Sauseschritt zu, die Babyboomer kommen in die Jahre. Das Problem rückt näher und es betrifft Millionen Wähler, die jetzt zunehmend Druck auf die Politik ausüben.

Was genau ist das Problem?

Es geht um eine vielfältigere und bessere Infrastruktur für ältere Menschen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Qualität der Pflege.  Einzelne modellhafte Verbesserungsansätze gibt es schon, was wir jetzt brauchen, sind flächendeckende Initiativen. Das lässt sich nur mit gut ausgebildeten, motivierten und angemessen bezahlten Fachkräften erreichen. Und da gibt es noch viel Luft nach oben.

Sie haben in einer repräsentativen Studie 750 Beschäftigte in der Altenpflege befragt: Was wünschen sich die Pflegekräfte?

Vor allem eine angemessenere Entlohnung und eine bessere Personalausstattung für die gesamte Branche. Persönlich wünschen sich die meisten selbstbestimmtere Arbeitszeiten und weniger Zeitdruck.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Altenpflegekräfte derzeit?

Sie verdienen im Schnitt 2621 Euro brutto monatlich und damit 16 Prozent weniger als der Durchschnitt aller Beschäftigten hierzulande. Zwei Drittel der Altenpflegekräfte arbeiten in Teilzeit und die meisten erwartet später eine Rente auf Grundsicherungsniveau.

Wie sieht es bei der Arbeitszeit aus?

Der Tag zerfällt für viele in zwei Blöcke: ein paar Arbeitsstunden frühmorgens,  ein paar am Abend – meist im Takt der Minutenpflege, die kaum Zeit für menschliche Zuwendung lässt. Das hat mit der schlechten Betreuungsrelation zu tun: In Deutschland ist eine Kraft für deutlich mehr Pflegebedürftige zuständig als in vergleichbaren OECD-Ländern.

© Frank Eßers

© Frank Eßers

Wie kommt es zu diesen Besonderheiten in Deutschland?

Eine Ursache ist die traditionelle Familienorientierung der deutschen Sozialpolitik. Das funktionierte so lange, wie die Frauen von der Erwerbsarbeit ausgesperrt waren und sich auf die  Arbeit in der eigenen Familie beschränken mussten. Auch die Altenpflege fand fast ausschließlich in den Familien statt und wenn das nicht möglich war, sprangen die Kirchen und andere ehrenamtliche Akteure ein. Erst in den 1960er-Jahen begann eine zaghafte Professionalisierung, die primär von den  Wohlfahrtsverbänden getragen wurde. Einen Schub brachte die Pflegeversicherung im Jahr 1995. Seither sind auch private Pflegedienste zugelassen,  es sind neue Pflegeschulen entstanden und die Hochschulen bieten interessante Studiengänge an. Die Zahl der Altenpflegekräfte wuchs von 620.000 im Jahr 1999 auf mehr als eine Million im Jahr 2015 – und der Bedarf wächst weiter.

Doch geeignete Fachkräfte sind rar. Auch deshalb sollte es doch eigentlich möglich sein, die eigenen Interessen zur Geltung zu bringen.

Das sollte man meinen. Aber dazu müssten die Altenpflegekräfte sich organisieren und ihre Stimme erheben – leider ist das bisher kaum der Fall. Die vorhandenen Organisationen, darunter der Bundesverband der Altenpflege und der Pflegerat, kümmern sich um Fragen der Aus- und Fortbildung. Eine echte und starke gewerkschaftliche Interessenvertretung fehlt – so wie sie etwa in den nordischen Ländern vorhanden ist, wo im Schnitt mehr als 50 Prozent der Pflegekräfte gewerkschaftlich organisiert sind.

Der Gesundheitsminister kündigte kürzlich mehr Geld, mehr Personal und besseren Arbeitszeiten an. Braucht es da noch eine Interessenvertretung?

© Frank EßersDie Politik ist unter Druck und deshalb hat die Branche derzeit gute Karten. Aber sie muss auch aufpassen. Denn es ist keineswegs sicher, dass die zugesagten Gehaltszuwächse auch wirklich bei den Beschäftigten ankommen. Derzeit werden viele Pflegeheime an private Betreiberfirmen verkauft, die zum Teil aus dem Ausland kommen. Die Investoren haben offenbar hohe Renditeerwartungen. Einer schwachen Interessenvertretung auf Seiten der Beschäftigten stehen also zunehmend ökonomisierte Strukturen auf der Betreiberseite gegenüber.  Die Frage ist, wer in dieser Situation dafür sorgt, dass bewährte Betreuungsstandards auch künftig erhalten bleiben.

Wer könnte die Aufgabe denn übernehmen?

Die Gewerkschaft Verdi wäre die richtige Adresse. Sie verfügt über viel Erfahrung und die passenden Strukturen. Im Altenpflegebereich hat sich das aber noch nicht überall herumgesprochen: 81 Prozent der Beschäftigen hatten, wie unsere Befragung ergab, noch nie Kontakt mit Gewerkschaftern. Sie haben insofern auch kaum eine Vorstellung davon, was Gewerkschaften zur Verbesserung ihrer Situation beitragen könnten.

Ist das nicht auch ein Versagen der Gewerkschaften?

Ich sehe es eher als einen Teufelskreis. Aufgrund der geringen Mitgliederzahl in der Altenpflege haben die Gewerkschaften dort nur geringe Ressourcen. Aufgrund der knappen Ressourcen sind sie kaum präsent. Weil sie nicht präsent sind, werden sie kaum wahrgenommen. Doch angesichts der Bedeutung des Pflegesektors für eine humanere Gesellschaft sollten die Gewerkschaften ihre Chance ergreifen und sich um einen besseren Kontakt zu den Pflegekräften bemühen. Und Öffentlichkeit, Arbeitgeber und Politik sollten dies unterstützen.

Was kann denn zum Beispiel die Politik tun, um die Selbstorganisation in der Altenpflege voranzubringen?

Sie kann zum Beispiel offensiv dafür werben und Fördermittel für entsprechende Projekte bereitstellen. Das könnte man mit einem Nachdenken über gute Pflege verbinden und mit Initiativen, um vielversprechende Ideen in die Praxis zu bringen. Auch auf Gesetzesebene ließe sich etwas tun, indem man zum Beispiel die Einrichtung eines Betriebsrats für Pflegeheime vorschreibt.

Lassen Sie uns zum Abschluss einmal auf das große Bild schauen: Viele Menschen scheinen zu glauben, dass mit der Alterung der Bevölkerung automatisch auch die Zahl der Pflegebedürftigen ansteigt. Aber stimmt das wirklich? Schließlich sind ältere Menschen heute viel fitter und mobiler als frühere Generationen.

Das stimmt und doch kommen neue Herausforderungen auf uns zu, etwa die sich inflationär ausbreitende Demenz im höheren Lebensalter. Viele Pflegeeinrichtungen berichten, dass die Menschen zunehmend in der allerletzten Lebensphase kommen, und zwar dann, wenn es  zu Hause gar nicht mehr allein geht. Zugespitzt  kann man sagen: Aus Pflegeeinrichtungen werden Sterbeeinrichtungen. Was das für die Zukunft der Branche bedeutet, lässt sich im Detail noch nicht sagen. Für die Pflegekräfte ist es auf jeden Fall mit neuen Aufgaben verbunden.

Interview: Lilo Berg

Zur Person:

© David AusserhoferWolfgang Schroeder (58) ist Professor an der Universität Kassel und leitet dort das Fachgebiet „Politisches System der BRD-Staatlichkeit im Wandel“. Er war von 2009 bis 2014 Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Brandenburg. Seit 2016 ist er Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), wo er in der Abteilung „Demokratie und Demokratisierung“ forscht. Information auf Wikipedia

Literatur:

Schroeder, Wolfgang: Interessenvertretung in der Altenpflege – Zwischen Staatszentrierung und Selbstorganisation, Springer VS  2018, ISBN 978-3-658-19407-9 (Link zum Verlag)

Schroeder, Wolfgang, Bettina Munimus, Diana Rüdt: Seniorenpolitik im Wandel – Verbände und Gewerkschaften als Interessenvertreter der älteren Generation, Frankfurt am Main: Campus, 2010, ISBN 9783593393186 Kurzfassung Online

Fotos: Frank Eßers 2012 via Flickr (Bild oben; Bild unten; Bild Startseite) (Lizenz CC BY-NC-SA 2.0)

Foto Schroeder: von David Ausserhofer