„Das negative Altersbild ist moralisch verwerflich“

Vor einem Jahr erschien das Buch „Der Untergang ist abgesagt“. Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar definiert darin zehn Mythen des demografischen Wandels und setzt ihnen seine Sicht der Dinge entgegen. Die Botschaft ist nach wie vor gefragt.

Foto: Körber-Stiftung/Claudia Höhne

Foto: Körber-Stiftung/Claudia Höhne

Gerade erst haben Sie den Berliner Demografie-Gipfel mit Ihren Thesen zum demografischen Wandel eröffnet, jetzt sind Sie unterwegs zu Vorträgen in Ostdeutschland: Wie erklären Sie sich das anhaltende Interesse an Ihrem Buch und seinen Thesen?

Das Buch hat offenbar einen Nerv getroffen. Viele Menschen sind es leid, immer nur von den negativen Seiten der demografischen Entwicklung zu hören. Ich stelle die  Chancen des Wandels in den Vordergrund und aus diesem Grund werde ich häufig zu Vorträgen eingeladen – bei Tagungen, in Forschungsinstituten und Akademien oder vor Verbänden und Parteien. Die Reaktionen sind ausgesprochen positiv und meistens schließen sich lebhafte Diskussionen an. 

„Deutschland stirbt aus“ titelten die Medien noch vor zehn Jahren, die Rede war vom Alterungs-Tsunami und von einer Greisenrepublik ohne Zukunft. Seit der Flüchtlingswelle sind die Unkenrufe verstummt. Ist Ihr Mythos Nummer 1 – „Der demografische Wandel ist unumkehrbar“ – nun ein für alle Mal erledigt?

Ich denke ja. Der Flüchtlingszustrom ist ja ein weiteres eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schnell scheinbar in Stein gemeißelte Entwicklungen von der Realität überholt werden können. Statt zu schrumpfen, wie viele befürchtet haben, ist die Bevölkerung in Deutschland seit 2015 um gut eine Million auf heute 82,8 Millionen Menschen gewachsen.

Wie ist die grobe Fehlkalkulation zu erklären?

In den Prognosen hatte man die drei großen Stellschrauben der Bevölkerungsentwicklung – Mortalität, Fertilität und Migration –festgezurrt und starke Veränderungen nicht ausreichend einkalkuliert. Dann kamen Hunderttausende Flüchtlinge. Ihr Zustrom erhöht nun auf längere Sicht auch die Fertilität: Denn im Regelfall liegt die Geburtenrate von Frauen mit ausländischen Wurzeln über dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Der Bevölkerungsschwund ist vertagt, die Alterung jedoch geht weiter. Viele sehen darin eine Bedrohung für den Wohlstand des Landes. Das sei ein Mythos schreiben Sie in Ihrem Buch – warum?

Weil die Alten von morgen zwar fast eine Generation länger leben, aber in punkto Lebensgefühl und Gesundheit auch länger jung bleiben als ihre Eltern. Zur Verblüffung vieler werden die neuen Alten auch nicht länger pflegebedürftig sein als ihre Vorfahren und keine höheren Alterskosten verursachen. Dabei ist der medizinisch-technologische Fortschritt nicht mit eingerechnet, der die Gesundheitskosten natürlich weiter ansteigen lässt. Mit ihren Potenzialen können die Älteren das Land voranbringen. Damit es zum Tragen kommt, müssen wir jedoch  die Weichen richtig stellen und unsere Einstellung zum Altern ändern.

Inwiefern?

Das heute vorherrschende negative Altersbild lähmt nicht nur die gesellschaftliche Entwicklung, es ist auch moralisch verwerflich. Gesund alt zu werden ist ein uralter Menschheitstraum, für den viele  Generationen gekämpft haben. Jetzt wird er zum ersten Mal für einen Großteil der Bevölkerung Wirklichkeit, aber gleichzeitig von vielen massiv abgewertet. Das ist paradox und völlig unangemessen.

Einen Höhepunkt erreichte die Vergreisungspanik im vergangenen Jahrzehnt. Warum ausgerechnet da?

Das hatte ganz klar mit der plötzlich aufflammenden Rentendebatte zu tun. Lange hatte man sich einlullen lassen von dem Versprechen sicherer Renten. Doch dann wurde klar: Das gewohnte Rentenniveau war angesichts einer alternden Bevölkerung mit weniger Nachwuchs nicht zu halten. Die Älteren sorgten sich um ihre künftige Versorgung, bei den Jüngeren wuchs die Angst vor immer höheren Beitragsbelastungen.

Auf Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung hatten Wissenschaftler schon viel früher hingewiesen. Aber das schien lange niemanden zu interessieren.

In den 1990er-Jahren fand man mit solchen Botschaften tatsächlich wenig Gehör. Die Wiedervereinigung hatte Deutschland zunächst verjüngt, weil es in Ostdeutschland pro Frau mehr Kinder gab als in Westdeutschland. Doch dann brach die Geburtenrate in den neuen Ländern dramatisch ein. Als die Rentenunsicherheit dazukam, schwang das Pendel in die andere Richtung und die Diskussion wurde sehr aufgeregt.

Wenn über Alterung und Schrumpfung räsoniert wird, ist man schnell beim  Fachkräftemangel. Sie bezeichnen ihn als Mythos – warum?

Der Mangel an Fachkräften ist in Wahrheit ein Führungsmangel. Wer für Frauen bessere Möglichkeiten schafft, Familie und Beruf zu vereinbaren,  keine Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und guten Qualifikationen hegt und älteren Arbeitnehmer attraktive Arbeitsbedingungen bietet, wird auch in Zukunft ausreichend Fachkräfte haben. Hinzu kommt der technologische Fortschritt: Er wird die Produktivität erhöhen und den Arbeitskräftebedarf weiter senken.

Die Gesellschaft wird nicht nur grauer, sie wird auch bunter, schreiben Sie in Ihrem Buch. Gleichzeitig warnen Sie vor einem weitverbreiteten Diversitäts-Mythos, demzufolge mehr Vielfalt automatisch besser ist. 

Das ist keineswegs immer der Fall. Etwas Heterogenität wirkt auf viele Menschen stimulierend, sie werden kreativer und produktiver. Starke Heterogenität hingegen wirkt sich häufig negativ aus: Die Verständigung wird schwieriger und das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl sinkt.

Bitte noch ein paar Worte zu den älteren Beschäftigten: Reichen attraktive Bedingungen oder brauchen wir die Rente mit 70?

Wir sollten das feste Renteneintrittsalter ganz aufgeben. Es passt nicht mehr in unsere digitalisierte, individualisierte Welt.  Stattdessen sollte jeder so lange arbeiten können, wie er mag und es vermag. Es gibt heute viele leistungsfähige Ältere, die vielleicht nicht mehr ganz so hart wie früher arbeiten möchten, die sich aber weiterhin einbringen wollen. Wir sollten nicht vergessen, dass Arbeit Struktur in den Tag bringt, soziale Kontakte ermöglicht und das Selbstvertrauen stärkt – und das wollen viele Menschen auch im Alter nicht missen.

Deutschland hat gerade gewählt. Halten Sie entsprechende Reformen in der neuen Legislaturperiode für möglich?

Einer großen Koalition traue ich den Mut dafür nicht zu. Das könnte nach Sozialabbau aussehen und diesen Eindruck will man vermeiden. Einer nun ja auch möglich gewordenen Jamaika-Koalition hingegen könnte es gelingen, die Regelaltersgrenze abzuschaffen und in Richtung einer Bürgerversicherung zu gehen, in die alle einzahlen. Ich hoffe, dass wir es in den nächsten Jahren schaffen, die Chancen des demografischen Wandels wahrzunehmen und beherzt zu ergreifen.

Interview: Lilo Berg

Thomas Straubhaar

ist Bevölkerungsökonom und Migrationsforscher mit Schweizer Wurzeln und deutschem Pass. Als Professor für Volkswirtschaftslehre forscht der 60-Jährige an der Universität Hamburg und ist zugleich Direktor des Europa-Kollegs Hamburg. Von 1999 bis 2014 war er zunächst Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs und danach Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Thomas Straubhaar ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech.

Buch

Thomas Straubhaar: Der Untergang ist abgesagt – Wider die Mythen des demografischen Wandels, edition Körber-Stiftung, Hamburg 2016

Gewonnene Jahre (pdf) - Akademiengruppe Altern in Deutschland, Stuttgart 2009

Startseite Foto by Max Boettinger on Unsplash

Foto Straubhaar: Körber-Stiftung/Claudia Höhne