„Älter werden ist eine wundervolle offene Frage!“ – ein Gespräch mit Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn

Am 9. Dezember 2014 findet in Stockholm anlässlich der Verleihung der diesjährigen Nobelpreise der „Nobel Week Dialogue“ zum Thema „The Age to Come – New scientific and cultural perspectives on ageing“ statt. Mit dabei ist auch die Medizinnobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn von der University of California. Im Interview mit der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) beantwortete Blackburn im Vorfeld des Jahreskongresses der Altersmediziner einige Fragen zum Thema Altern.

© Prolineserver 2010 / Wikipedia/Wikimedia Commons, via Wikimedia Commons

© Prolineserver 2010 / Wikipedia/Wikimedia Commons, via Wikimedia Commons

Gemeinsam mit zwei Forscherkollegen konnte die 65-jährige Amerikanerin bereits Anfang des Jahrtausends beweisen, dass Chromosomen-Enden von sogenannten Telomeren geschützt werden und diese im Alterungsprozess eine wichtige Rolle spielen. Für diese Erkenntnis wurde den drei Forschern der Nobelpreis verliehen.

Frau Dr. Blackburn, haben Sie Angst vor dem Altern?

Nicht so sehr vor dem Altern, mehr vor den Beschwerden im Alter. Die Möglichkeit, dass ich zum Beispiel Alzheimer bekommen könnte, beunruhigt mich. Nicht nur meinetwegen, sondern auch, weil es viel Verantwortung und Belastung für die Familien mit sich bringt. Ansonsten finde ich es ganz gut, älter zu sein. Ich bin 65. Das macht mir nichts aus und ich fühle mich auch nicht „alt“. Vor nicht allzu langer Zeit war das jedoch für viele Menschen ein sehr hohes Alter, aber unsere Vorstellung von „alt“ hat sich eben geändert.

Welche Gründe gibt es für diese Entwicklung?

Ich denke, dass Menschen gelernt haben, dass körperliche Fitness die Lebensqualität im Alter verbessert. In wohlhabenden und entwickelten Gesellschaften haben wir die Möglichkeit, uns gut zu ernähren und durch eine vernünftige Lebensweise – wie nicht Rauchen und Sport treiben – gesund zu bleiben. Allerdings hängt die Gesundheit im Alter auch sehr von diversen sozialökonomischen Faktoren ab.

Sie besuchen den Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und Gerontologie und Geriatrie (DGGG) zum ersten Mal. Wie wichtig sind solche internationale Treffen?

Globale Netzwerke sind der Schlüssel zum wissenschaftlichen Fortschritt. Dadurch fließen Informationen und Wissen. Kongresse mit internationalem Charakter machen Fortschritt erst möglich. Denn so sehr wir auch vom Internet und all den neuen Kommunikationsarten lernen – Menschen kommunizieren im persönlichen Gespräch einfach mehr. Selbst einem Vortrag einfach nur zuzuhören: Am Ende geht nichts über den persönlichen Kontakt zum Referenten und eine anschließende Diskussion. Gerade deshalb werde ich mir auch die Zeit nehmen und den DGG-Kongress in Deutschland bis zum Ende verfolgen. Ich komme also nicht nur, um meinen Vortrag zu halten und anschließend gleich wieder in den Flieger zu steigen. Ich bin am Austausch mit den deutschsprachigen Geriatern und Gerontologen interessiert und freue mich auf spannende Gespräche.

Was erhoffen Sie für sich selbst von dieser Konferenz?

Mein Ziel ist Kommunikation. Nicht jeder ist auf dem neuesten Stand all der Studien, die ich präsentiere. Es gibt eine Menge falscher Informationen im Internet, daher wird es hilfreich sein, alles weiterzugeben, was man wirklich weiß. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass ich sehr interessante Dinge über die Geriatrie lernen werde. Ich freue mich darauf, durch diese Konferenz neue Denkanstöße zu bekommen.

Worüber werden Sie in Ihrem Vortrag sprechen?

Ich werde natürlich darüber sprechen, wie man Telomere und Chromosomenenden erhalten kann. Wir haben gelernt, dass dies sehr viel mit dem Älterwerden zu tun hat. Statistisch gesehen: Je besser die Telomere erhalten bleiben, desto besser stehen die Chancen, wenige der vielen üblichen Alterskrankheiten gleichzeitig zu bekommen. Als Beispiel: Viele Menschen mit Herzkrankheiten haben parallel auch Diabetes. Entsprechend passieren eine Reihe interessanter Dinge gleichzeitig und man kann immer öfter sehen, dass das Risiko steigt, je mehr Telomere beschädigt sind. Es gibt genügend Forschungsmaterial, dass uns statistisch gesehen zeigt, dass die Erhaltung von Telomeren äußerst wichtig ist und sogar die Wahrscheinlichkeit zu sterben beeinflussen kann. Dies ist erwiesen und keine Wahrsagerei! Glücklicherweise wissen wir, was die Erhaltung der Telomere beeinflusst – und das sind tatsächlich sehr traditionelle Dinge: etwas Sport, eine vernünftige Ernährung und eine positive mentale Einstellung. Was sehr faszinierend, aber nicht wirklich überraschend ist, da das Gehirn großen Einfluss auf die Physiologie des gesamten Körpers hat.

An welchen Projekten arbeiten Sie momentan?

Ich arbeite an diversen Projekten. Zum Beispiel betreiben wir gerade Grundlagenforschung, wie Telomere auf molekularer Ebene funktionieren. Insbesondere interessiert uns der Zustand von Telomeren – ob sie geschützt oder abgenutzt sind –, wie diese Information an die Zellen weitergegeben wird und wie die Zellen darauf reagieren. Wir arbeiten außerdem mit vielen Leuten, die alle möglichen Fragen zum Thema Mensch studieren, zusammen. Zum Beispiel: wie Sport Telomere beeinflussen kann oder wie klinische Depression oder externe Belastungen wie z.B. Rassismus Veränderungen hervorruft. In Halle werde ich einige dieser neuen Ergebnisse vorstellen.

Glauben Sie, dass es noch viele offene Fragen in der Altersforschung gibt?

Es fehlt immer noch eine sehr große Menge an Informationen. Eines der Dinge, an die wir denken müssen, ist, dass Menschen in Ländern der Ersten Welt eine Lebenserwartung von zirka 80 Jahren haben – und wir kennen nicht einmal die maximale Lebensspanne, die wahrscheinlich um die 120 Jahre liegt. Herauszufinden, was sich in unserem relativ langen Leben abspielt, ist sehr schwierig, da Forscher in Laboren zumeist kurzlebige Tiere für Altersstudien benutzen. Daher gibt es viele Fragen, welche Faktoren beim menschlichen Alterungsprozess entscheidend sind. Und das können durchaus andere als bei Tieren sein – wir wissen es einfach nicht. Es gibt noch sehr, sehr viele offene Fragen. Älter werden ist eine wundervolle offene Frage. Und wenn jemand behauptet, er kenne die Antwort, dann fürchte ich, dass er entweder lügt oder sich selbst etwas vormacht.

 

Frau Dr. Blackburn, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

Informationen zu Elizabeth Blackburn auf der Webseite der Nobelpreis-Stiftung und bei Wikipedia

Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG)

Bildquelle Startseite: © Prolineserver 2010 / Wikipedia/Wikimedia Commons, via Wikimedia Commons