„Ältere fragen nach dem tatsächlichen Nutzen“

Was die Deutschen von Roboterautos, Smart Homes und der zunehmenden Digitalisierung des Alltags halten, zeigt eine neue repräsentative Befragung, der TechnikRadar 2018. Die Unterschiede zwischen Jung und Alt erläutert Studienleiterin Cordula Kropp von der Universität Stuttgart.

Frau Professor Kropp, ältere Menschen sind technikscheu – so das gängige Vorurteil. Stimmt es?

Es trifft längst nicht auf alle Älteren zu, wie unsere Studie zeigt. Viele von ihnen sind Technikfans und legen Wert darauf, stets die neuesten Geräte zu besitzen. Insgesamt aber ist die Ambivalenz gegenüber technischen Lösungen im fortgeschrittenen Alter stärker ausgeprägt als bei Jüngeren. Auch simplen Verheißungen begegnet man mit größerer Skepsis und stellt den tatsächlichen Nutzen in den Vordergrund. Insgesamt betrachten die von uns befragten Über-65-Jährigen Technik etwas kritischer als die beiden anderen Altersgruppen, also diejenigen zwischen 16 und 35 Jahren und die zwischen 35 und 65 Jahren. Ältere sind vergleichsweise anspruchsvoller und sie wollen mitreden.

Das klingt doch vernünftig.

Und das ist es auch. Die Deutschen haben eine differenzierte, man könnte auch sagen gereifte Einstellung zur Technik: Sie sind nicht bedingungslos begeistert, aber auch nicht feindlich eingestellt, wie leider immer wieder behauptet wird. Bei Älteren ist das noch ausgeprägter als bei Jüngeren.

Wie lassen sich die Unterschiede zwischen Alt und Jung erklären?

Wir haben das nicht direkt untersucht, aber für mein Empfinden hat es mit der Lebenserfahrung zu tun. Ältere haben schon so viele technische Neuerungen kommen und gehen gesehen, da stellt sich im Laufe des Lebens vermutlich eine gewisse innere Distanz ein.

Wie stehen ältere Menschen zu Technologien, die für das höhere Lebensalter geschaffen wurden – etwa zur Pflegerobotik?

Das haben wir gesondert untersucht und festgestellt, dass es gerade für die älteren Befragten sehr darauf ankommt, wie die Roboter genutzt werden. Wenn sie der Entlastung des Pflegepersonals dienen, wird dies mehrheitlich positiv gesehen, und zwar in allen Altersgruppen. Was die meisten nicht wollen, ist eine Pflege, die nur noch von Robotern geleistet wird – hier ist die Ablehnung bei Männern sogar noch größer als bei Frauen. Vor allem Ältere befürchten, dass sich in Zukunft nur noch Wohlhabende menschliche Pflegekräfte leisten können.

Sie haben auch die Einstellung zum Fahren mit autonomen Autos untersucht. Wie steht die ältere Bevölkerung dazu?

Insgesamt skeptisch, aber da unterscheiden sich die Generationen nicht groß. Ältere haben vor allem ein Problem damit, die Kontrolle an ein Fahrzeug abzugeben. Jüngere sorgen sich primär um die Sicherheit ihrer Daten. Interessant ist auch folgender Befund: Vor allem Frauen glauben, besser fahren zu können als autonome Autos.

Schwerpunkt Ihrer Untersuchung ist die Digitalisierung – ein Thema, bei dem Alt und Jung vermutlich besonders stark auseinanderdriften?

Ja, wir haben deutliche Unterschiede gefunden. Das beginnt bei Besitz und Nutzung digitaler Endgeräte: In der jüngsten Altersgruppe nutzen praktisch alle Smartphones und Co., in der mittleren Altersgruppe gilt das für die meisten. Bei den Älteren geht die Entwicklung auseinander: Während nur 40 Prozent der Frauen von häufiger Nutzung berichten, sind es bei den Männern fast 70 Prozent. Ein Drittel der Frauen im klassischen Rentenalter besitzt überhaupt keinen internetfähigen Computer  oder ein Smartphone beziehungsweise ein Smartpad. Und die Hälfte nutzt keinerlei Online-Dienste – kauft also nicht im Internet ein, macht dort keine Bankgeschäfte und tauscht sich nicht über soziale Netzwerke oder Messenger-Dienste aus, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ähnlich verhält sich nur ein gutes Viertel der männlichen Altersgenossen.

Mit den Jahren rückt die Gesundheit für viele Menschen stärker in den Vordergrund. Wie stehen Ältere zur digitalen Medizin?

Gut die Hälfte der Über-65-Jährigen informiert sich bei Fragen zur Gesundheit im Internet – Männer zu einem deutlich höheren Prozentsatz als Frauen. Ähnlich verhält es sich bei der Überprüfung ärztlicher Diagnosen im Netz. Insgesamt vertrauen Ältere der Erfahrung ihrer Ärzte mehr als datenbankgestützten Expertensystemen, die jetzt vermehrt Einzug in die medizinische Praxis halten.

Die Studie hat offenbar viele geschlechtsspezifische Unterschiede bei Älteren erbracht. Hat Sie das überrascht?

Wir hatten nicht damit gerechnet, dass so viele ältere Frauen keinen Zugang zum Internet haben oder es kaum nutzen. Auffällig sind aber auch die Gender-Unterschiede bei der Einstellung zu Technikthemen insgesamt. Am weitesten auseinander sind übrigens ältere Frauen aus Westdeutschland und jüngere Männer aus Ostdeutschland.  

Wie zeigt sich das?

Zum Beispiel wenn es darum geht, wie gut Technik die Probleme unserer Zeit lösen kann. Ost-Männer trauen der Technik hier am meisten zu, vor allem die Jüngeren unter ihnen. Ältere West-Frauen zeigen sich ausgesprochen skeptisch: Dass Technik einen großen Beitrag zur Bewältigung von Umweltproblemen leisten kann, bezweifeln sie mehrheitlich. Interessant ist auch, dass Ost-Frauen insgesamt viel technikaffiner sind als Frauen in westlichen Bundesländern.

Wie kommen es zu diesen Ost-West-Unterschieden?

Da können wir derzeit nur spekulieren. Eine Hypothese ist, dass Frauen in den östlichen Bundesländern auch früher schon häufiger in technischen Berufen gearbeitet haben. Vielleicht sind es aber auch bestimmte kulturelle Faktoren, die den Ausschlag geben. Wir wollen dieser Frage demnächst genauer nachgehen.

Wie geht es jetzt weiter mit dem TechnikRadar?

Die Vorbereitungen für die nächste Befragung laufen schon und mit Ergebnissen ist in zwei Jahren zu rechnen. Schwerpunktthema wird die Bioökonomie sein, und zwar in den Bereichen Energie, Ernährung und Gesundheit. Auch hier kann man wieder gespannt sein auf die Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen.

Interview: Lilo Berg

Zur Person
Prof. Dr. Cordula Kropp (Foto: Uli Regenscheit) hat den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Stuttgart inne und leitet dort seit 2017 auch das Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS). Am ZIRIUS wurde der TechnikRadar 2018 erstellt.

TechnikRadar

Verbinden die Deutschen mit Technik eher positive Gefühle oder empfinden sie doch eher Unbehagen? Welche neuen Technologien begrüßen sie, welche lehnen sie ab? Um solche Fragen geht es beim TechnikRadar, einer bundesweit repräsentativen Befragung von zweitausend zufällig ausgewählten deutschsprachigen Personen ab 16 Jahren.  Sie fand im Herbst 2017 zum ersten Mal statt und soll in Zukunft alle zwei Jahre wiederholt werden. Damit soll ein langfristiges Frühwarnsystem etabliert werden, um Fehlentwicklungen des technologischen Wandels rechtzeitig aufspüren und Innovationsprozesse unterstützen zu können. Initiatoren und Träger des TechnikRadars sind die acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Hamburger Körber-Stiftung.

TechnikRadar 2018

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Startseite: Photo by Fabrizio Verrecchia on Unsplash

Grafiken aus "TechnikRadar 2018" - Studie von acatech und Körber-Stiftung